14. November 2010

'Guillaume Tell' als schweizerische Nabelschau

Am vergangenen 13. November (übrigens Rossinis Todestag) war ein virtueller eidgenössischer Nationalfeiertag. Am Vormittag referierte Dr. Rudolf Baumann am Sitz des Musikwissenschaftlichen Instituts der Universität Zürich vor einem (nicht zuletzt dank dem Interesse vieler Mitglieder der Deutschen Rossini Gesellschaft) zahlreichen Publikum über das Umfeld, den Inhalt und die Musik von Rossinis Guillaume Tell. Die Musikbeispiele, die er in seiner gut gemachten Powerpoint-Präsentation mit Text- und Notenbeispielen ergänzte, stammten aus der Aufnahme mit Gabriel Bacquier, Montserrat Caballé und Nicolai Gedda unter Lamberto Gardelli, die 37 Jahre nach ihrer Einspielung und 15 Jahre nach der Erstaufführung der vollständigen kritischen Edition in Pesaro immer noch die einzige französischsprachige Gesamtaufnahme dieser Oper ist. Bei dem Vortrag war u.a. auch schon mal zu erfahren, dass die Neuproduktion am Zürcher Opernhaus ohne Ballettmusiken daher kommen werde, was aber schon aufgrund der angegebenen Spieldauer (19-22.15 Uhr) ziemlich klar war: die genannte Einspielung dauert ziemlich exakt vier Stunden; es würde also gut eine Stunde Musik fehlen.
Eine Stunde vor der Premiere gab auch der Chefdramaturg der Oper, Dietbert Reich, eine seiner beliebten Einführungen, eine Dreiviertelstunde informative und launige Unterhaltung, die u.a. einige Anhaltspunkte zu der bevorstehenden Inszenierung vermittelte. Reich erinnerte sich auch an die letzte Zürcher Tell-Produktion von 1987, wie mir schien mit einer gewissen Nostalgie, die ich aber angesichts der ziemlich kitschigen Inszenierung von Daniel Schmid, der übrigens den Chor in dieser Choroper konsequent hinter die Bühne verbannte, nicht teilen kann. Widersprüchlich war seine Begründung über die Kürzung des Werks. Er sprach einerseits von den „Möglichkeiten dieses Hauses“, andererseits davon, dass der Regisseur eine Grand Opéra nicht mehr für zeitgemäss hält. Gerade ein Dreispartenhaus wie Zürich hat im Prinzip alle Möglichkeiten, ein solches Werk adäquat aufzuführen, aber wo kein (Regie)Wille ist, ist natürlich auch kein Weg. Abgesehen davon gibt es gerade beim Tell keine „authentische Werklänge“, da Rossini vor, während und nach der ersten Aufführungsserie Kürzungen und Veränderungen vornahm, über die man teilweise nicht einmal Gewissheit hat. Der Eliminierung sämtlicher Ballettszenen, Hochzeitschöre und Schützenfeste stand die Beibehaltung oft gekürzter Nummern wie der Mathilde-Arie im dritten oder dem Frauenterzett und dem Gebet im vierten Akt gegenüber. Ziemlich bizarr mutete der Binnenstrich in der Arnold-Arie an, wenn der Tenor den Ton auf „compagnons“ („Ce sont mes compagnons [, je les vois accourir]“) hochzieht und direkt zur Cabaletta übergeht.
         Christoph Marthaler, dieses Enfant terrible der (nicht nur schweizerischen) Theaterszene, darf nicht verwechselt werden mit seinem weit weniger exzentrischen Bruder Adrian Marthaler, der u.a. durch das Fernsehevent „La Traviata im Hauptbahnhof“ bekannt ist und dem dieser Tell anvertraut wurde. Was er inszenierte, war über weite Strecken reinstes „Cabaret“ (der Begriff stammt nicht von mir, sondern von Dietbert Reich), und zwar durchaus im Sinne von bestem politischem Kabarett, mit vielen subtilen, witzigen und liebenswürdigen Anspielungen auf aktuelle Swissness und Tell-Mythos. Als auch politisch kritisch denkender Zeit- und Eidgenosse fand ich das äusserst gelungen, auch wenn ich dieses Genre eher in einem Kellertheater als auf einer grossen Opernbühne erwarte. Da es die Inszenierung eines Schweizers für Schweizer war, sind einige Fussnotenerläuterungen für Nicht-Eidgenossen vonnöten.
Zur Ouvertüre zeigte das Bühnenbild einen Aussichtspunkt (vor einer steil abfallenden Felswand) mit Sitzbänkli, Mistkübeln, Wanderwegweisern, Postauto-Haltestellentafel. Während Liebespärchen, Familien und andere Singles pflichtbewusst die Berge betrachteten, kam von rechts langsamen Schrittes ein Mann herbei, der ein altes Miltärvelo[1] neben sich herschob und wie nach einem grossen Verlust verzagt und gebrochen wirkte: Es war der Moritz, und zwar der echte[2]! Nachdem auch er, den inneren Frieden in der Natur suchend, sich auf ein Bänkli gesetzt hatte (nicht ohne zunächst verzweifelt nach einem leeren Ausschau zu halten, um sich dann, um Erlaubnis fragend, neben eine fremde Person zu setzen), spazierten verschiedene Leute vorbei, darunter auch „Ausländer“ (Afrikaner, eine Burkaträgerin, ein Jude etc.), und schliesslich verschiedene lädierte Banker, die trotz ihrer bandagierten Arme und verbundenen, blutig geschlagenen Köpfe unbeeindruckt ihre Geschäfte tätigten, als wäre nichts gewesen, und bei dem aufkommenden Gewitter einfach die Schirme aufspannten, bis es vorüber war[3]. Trotz dieser Synoptik bei der Gewittermusik zeigte sich schon während dieses „Panoptikums“ (Reich), dass Marthaler die Musik nur als sonore Kulisse ohne wirklichen Bezug zu seinem Schweizbild brauchte; so verharrten die Leute auch während der berühmten, mitreissenden Galoppade in ihrer Gemächlichkeit.
          
 Schweizer Idyll während der Tell-Ouvertüre
(c) Suzanne Schwiertz / Opernhaus Zürich

Der erste Akt zeigte einen Dorfplatz, Leute sassen auf den Bänkli, während ein Strassenputzer (bei Rossini der Fischer Ruodi) die Mistkübel leerte. Sie betrachteten eine Ausstellung von schweizerischen „Intarsien“ (wie Herr Reich, unser Dramaturg aus dem „grossen Kanton“[4], das nannte) wie Kuhglocke, Jagdgewehr, Käseleib, Toblerone, Sackmesser. Man fragte sich, wer in dieser heutigen Zivilgesellschaft die Feinde sein sollten. Vielleicht die Touristen? Sie kamen dann als diskret Uniformierte (Grenzwächter?) mit blauen Tafeln, die bei einem prägnanten Orchesterakkord auf einen Schlag gedreht wurden und – das Europawappen zeigten! Rudolph der Harras war ein grau gekleideter Bürokrat, der mit einem Vertragswerk Gehorsamkeit von den Schweizern verlangte („Obéissez; il y va de vos jours!“- „Gehorcht! Es geht um euer Leben!“). Dem hielten die Schweizer wacker ihr Gebet aus dem roten Schweizerpass entgegen. Auch hier waren, wie man sieht, die kabarettistischen Gags gelungen und zeigten ihre satirische Qualität, weil sie ebenso von EU-Turbos, EU-Skeptikern und EU-Gegnern für sich beansprucht werden konnten. Die Plünderung des Dorfes bestand darin, dass die „Europäer“ sich der Toblerone bemächtigten. Das packende Erste Finale entfaltete seine Wirkung rein musikalisch, die emotionale Komponente dieser aufwühlenden Szene ging durch die grotesk-witzige Inszenierung völlig verloren.
         Im zweiten Akt sah man neben dem Schiller-Stein[5] ein paar mächtige Bäume, im Hintergrund wieder Wegweiser (auch hier ohne Aufschriften, laut Hr. Reich eine Anspielung auf die viel diskutierte heutige Orientierungslosigkeit der Schweiz) und ein Robidog-Kasten[6]. Hier sang Mathilde, auf einem Bänkli sitzend, ihre Romanze auf Arnold, hier setzten sich der Schweizer und die Deutsche nach dem Liebesbekenntnis auf ihre auf den Boden ausgelegten Mäntel, um in einem stimmungsvollen Mondschein-Stelldichein ihr Duett zu singen (Marthaler ist ein anständiger Regisseur, der daraus nicht gleich eine Kopulierungsszene machte). Auf einem anderen Bänkli sass ein Pärchen, das die Szene mitverfolgte, Zeichen, dass der Regisseur seine Inszenierung als Inszenierung der Tell-Geschichte angelegt hatte. Auf einem weiteren Bänkli schlief – unter einer Militärwolldecke – ein Clochard (ja gibt es die denn in der Schweiz?!). Das berühmte Terzett „Quand l’Hélvetie est un champ de supplice“ bot keine inszenatorischen Überraschungen, der Auftritt der drei Kantone schon eher: die Männergruppen kamen ganz entgegen der Musik im Eilschritt auf die Bühne, formierten sich zu einem Männergesangsverein und sangen ihre Strophen lauthals herunter, auch dort, wo Rossini angesichts der Verschwörungsszene auf dem Rütli explizit pianissimo verlangte. In dieser Szene liess sich Marthaler eine Anspielung auf einen weiteren Schweizer Topos, den sprichwörtlichen Kantönligeist, entgehen, der im Libretto doch so gut angelegt ist, wenn Walter Fürst aus dem kanton Schwyz Tells Lob des Unterwaldner Eifers mit einem wettbewerbsbetonten „On saura l’imiter“ – „Man wird es ihnen gleichtun“ kommentiert[7]. Beim Morgenerwachen, das die Eidgenossen mit ihrer Kampfbereitschaft begrüssten, gingen die ersten Berufstätigen geschäftig ihrer Arbeit entgegen, nur eine Künstlerin (mit Cellokasten, vielleicht war sie erst auf dem Heimweg, denn um diese Zeit steht kein Musiker freiwillig auf) und eine Afrikanerin blieben müssig stehen, um die Chorszene zu betrachten. Dergestalt inszeniert liess das Finale wiederum jeglichen emotionalen Bezug zum Tell-Drama vermissen.
         Im dritten Akt sah man einen grossen Sockel für ein Denkmal, das noch halbverpackt daneben stand und sich später – absehbar – als das berühmte Tell-Denkmal von Altdorf entpuppen sollte. Auf der Holzabdeckung prangten das Gütesiegel für „Swissmade“, eine Armbrust und der Schriftzug „Schweizer Produkt“ – heute ein richtiger Anachronismus, wurde dieses Markenzeichen doch in den 1970er-Jahren sukzessive ausgemustert und ist längst einem Schweizerkreuz-Logo gewichen. Der Hut, den die Bevölkerung grüssen sollte, kam nicht vor, er war ebenso überflüssig wie die Frage, wer denn heute dieser Gessler sein soll, da das Stück ja nur gespielt wurde. Man fragte sich aber langsam, wie eigentlich die Apfelschussszene ablaufen soll, denn Tell führte weder eine Armbrust noch sonst eine Waffe mit sich. Im entscheidenden Moment löste er die rote Armbrust von der Holzwand, womit sich die Waffe nun als wirkliche „Intarsie“ erwies und der Rückgriff auf das alte Markenzeichen nachvollziehbar wurde. Der Schuss wurde nur markiert, Jemmy holte sich den „getroffenen“ Apfel selber vom Kopf. Das Kind war übrigens, wie schon im 1. Akt, nicht Tells Sohn, sondern seine Tochter, was auch in den gesungenen Worten und den Übertiteln (Deutsch/Englisch) konsequent durch die Substituierung von fils durch fille umgesetzt wurde. Ob das ein Beitrag zur Genderdiskussion sein sollte oder eine Anspielung auf die letzten Trutzburgen gegen das Frauenstimmrecht[8], liess sich nicht ausmachen. Egal: Da Tell als Mythos keinen Stammhalter brauchte und Rossini die Kindsrolle ohnehin als Sopran angelegt hatte, störte das nicht und war dank der überzeugenden Darstellung sogar ganz herzig. Als Gesamtdarstellung (szenische und musikalische Übereinstimmung) machte dieses Mal das Finale, nach „Anathème à Gesler“, einen grossen Eindruck.
         Für den vierten Akt schienen Marthaler die Ideen zunächst ausgegangen zu sein. Alles spielte sich auf einem Schiffsteg ab. Das Bänkli mit zwei Zuschauern befand sich nun auf der in den See ragenden Tellsplatte. Der Chor war dem Regisseur hier genauso im Weg wie einst Daniel Schmid: er wurde, soweit nicht weggekürzt, in den Hintergrund verbannt. Am Schluss, nachdem der Gessler-Darsteller seine Getroffenheit vor Tell gemimt hatte, umarmte Arnold seine Mathilde, die inzwischen eine stilisierte Schweizer Tracht trug. Das war aber weniger eine Rehabilitierung der von Rossini offen gelassenen Auflösung der Liebesgeschichte, als vielmehr eine weitere Verdeutlichung der metatheatralischen Ebene, wurden doch die beiden Darsteller nach Vollendung ihre Aufgabe wieder zu Zuschauern. Es blieb die Schlussapotheose, für die sich der Regisseur etwas einfallen lassen musste. Der Vorhang senkte sich nach Gesslers Tod, eingeblendet wurden die schon zu Beginn der Oper noch als Fragestellung projizierten Worte dieses Schweizerischen Vaterunsers, das uns der deutsche Dichterfürst in seinem Wilhelm Tell (II/2) geschenkt hat: „Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern … und uns nicht fürchten vor der Macht der Menschen“, bis endlich der Vorhang nochmals aufging und den Blick freimachte auf eine riesige antarktische Fläche, in der als letzter intakter Eisklotz die Schweiz vor dem Hintergrund eines zerklüfteten Europas einsam dahin trieb. Die Solisten haben sich Off-Stage hinter die Mikrofone zurückgezogen, der Chor ist auf den Rängen aufmarschiert, so dass die Apotheose in einem wahrhaft kosmischen Klangerlebnis den gesamten Raum erfüllte und dieses Finale in einer wahrlich noch nie dagewesenen Grossartigkeit aufstieg.
         Immenser Applaus am Ende der Aufführung, die sogar eine Viertelstunde länger als angesagt gedauert hat.
         Und Rossini? Der hatte in jedem Akt seinen kleinen Auftritt[9], und alle Beteiligten verneigten sich jeweils vor ihm, dem Schöpfer, der unserem Wilhelm Tell eine Stimme gab.
         Zusammenfassend: Die Inszenierung hat Spass gemacht. Nämlich überall dort, wo sie mit liebenswürdiger Kabarettistik Schweizer Eigenarten ausmachte. In den „privaten“ Szenen, namentlich zwischen Arnold und Mathilde, verlor sie ihre Lesart, weil hier der Kontrast zwischen Chor- und Soloszenen bedeutungslos wurde. Es waren Inseln des Belcantos, die aber auf narrativer Ebene verloren gingen. Der schweizerische Tell-Mythos braucht keinen Liebeskonflikt, den benötigt nur die Oper, die nicht den Mythos als solchen sondern die Geschichte selbst erzählt. Ein Bezug zu Rossinis Musik bestand sehr oft nicht, weil die Dramatik des Textes und der Musik gar nicht nachvollzogen wurde. Manche Stellen haben mich beim Vortrag von Dr. Baumann mehr gepackt. Eigentlich finde ich es absolut begrüssenswert, wenn ein Regisseur auf Maschinenpistolen und Kampfanzüge verzichtet, aber wie können z.B. die Drohungen von Gessler und seinen Schergen wirken, wenn nur ein paar machtlose Wachen herumstehen? Das ganze war eine gigantische eidgenössische Nabelschau, die in typisch schweizerischer Art die eigene (echte oder heraufbeschworene) Identitätskrise zelebrierte und Rossini dazu als Vehikel nahm, dessen immense, universelle Dimension verkennend. Denn wir dürfen uns nicht einbilden, dass Rossini mit Guillaume Tell spezifisch schweizerische Probleme thematisieren wollte. Vielmehr wollte er exemplarisch, aber allgemeingültig den Freiheitskampf eines Volkes darstellen, verwoben mit der traditionellen Liebesgeschichte im Spannungsfeld von Neigung und Pflicht.
         In dem ganzen „Cabaret“ ging die Musik unter, obwohl sie brillant aufgeführt wurde. Jemmy als aufgeweckte Tells-Tocher habe ich schon erwähnt, Martina Janková verlieh der Rolle auch den nötigen stimmlichen Drive, den sie für die Dynamik der grossen Ensemblestellen benötigte. Eva Mei bot eine schöne, wenn auch nicht überwältigende Romanze, während sie in ihrer dramatischen Arie Durchschlagskraft und in ihrem Auftritt nach der Apfelschussszene Autorität vermissen liess. Antonino Siragusa ist der Tessitur dieser Rolle problemlos gewachsen, aber in den ersten drei Akten liess er nur seine bekannte Stentoren-Eindimensionalität hören; erst in dem berühmten „Asile héréditaire“ zeigte er, dass er auch schön phrasieren und piano singen kann, wenn er will, was ihm auch mit grossem Beifall gezollt wurde. Seine abgekürzte Cabaletta verpuffte dann allerdings wirkungslos, da er die Führung einer Truppe übernahm, die gar nicht da war. Leider hat der Mann ein ausgesprochen schlechtes Französisch. Dass es auch Italiener gibt, die diese Sprache gut prononcieren, bewies Michele Pertusi, der die Titelrolle auch sonst perfekt gestaltete, ohne freilich durch seine vokale Präsenz eine gewisse bürgerliche Banalisierung des Charakters durch die Inszenierung aufheben zu können. Alle übrigen Rollen waren ordentlich besetzt.
         Gianluigi Gelmetti bewies einmal mehr, dass er ein ausgezeichneter Rossini-Dirigent ist, und führte mit souveräner Routine durch diese gigantische Partitur. „Er weiss“ – um einmal einen Lieblingssatz von Bernd-Rüdiger Kern zu zitieren, „wie Rossini klingen muss“, allerdings zeigte er nicht, wie Rossini auch klingen könnte, und das wäre ihm vielleicht auch gar nicht gelungen, wenn er es gewollt hätte, da er erst ca. drei Wochen vor der Premiere mit dieser Aufgabe konfrontiert worden war. Am 26. Oktober informierte eine dürre Pressemitteilung des Opernhauses darüber, dass Gelmetti kurzfristig die Leitung übernommen habe: „Ein Missverständnis führte zu Thomas Hengelbrocks Absage der Produktion. Er dachte, er habe beim Orchester eine Werkbesetzung (immer dieselben Musiker), während die Produktion in dem für Ensemble- und Repertoiretheater üblichen Wechselsystem (sich abwechselnde Musiker) einstudiert wird.“ Entschuldigung, aber für mich ist diese Begründung ausgesprochen suspekt. Dass ein Stardirigent, der an vielen grossen Häusern dirigiert hat, „dachte“, er würde in Zürich ein persönlich zugeteiltes Hausorchester vorfinden, kann ich mir nicht vorstellen. Eher wage ich die Hypothese, dass ihm die Regie zu dominant war und er begriffen hat, dass der musikalische Aspekt zu kurz kommen würde. Denn es wäre anzunehmen, dass ein Dirigent, der sich in der historisch-informierten Aufführungspraxis heimisch fühlt, das Werk mit ganz anderen Ansätzen hätte erklingen lassen, und beispielsweise einzelne Instrumente oder Instrumentalgruppen plastischer gemacht, dynamische Akzente anders gesetzt oder bei Stellen, die ein pp verlangen, dieses auch wirklich eingefordert hätte. Mir wäre auf jeden Fall eine Produktion, die eine musikalische Auslotung ins Zentrum stellt, viel lieber gewesen als die x-te inszenatorische Nabelschau.

Reto Müller

Weitere Aufführungen: 16., 19., 21., 23., 26. November, 2. und 7. Dezember 2010


[1]  Das „Ordonnanzrad“, auch heute noch ein buchstäblich schwerwiegendes Symbol schweizerischer Wehrhaftigkeit.
[2]   Moritz Leuenberger, der feingeistige, oft selbstironische Politiker aus Zürich, der vor Kurzem nach der Rekordzeit von 15 Jahren als Bundesrat (Verkehrs- und Energieminister) zurückgetreten ist.
[3]  Erst vor Kurzem hat die Schweiz in einem Doppelbesteuerungsabkommen mit Deutschland faktisch wesentliche Elemente ihres „Bankgeheimnisses“ aufgegeben, das ein ebenfalls vor Kurzem zurückgetretener Bundesrat noch vor wenigen Monaten grossspurig als „unverhandelbar“ dargestellt hat.
[4]    So bezeichnen wir in der Schweiz manchmal unser nördliches Nachbarland.
[5]   Ein markanter Felsvorsprung im Vierwaldstättersee, der mit der Inschrift „Dem Sänger Tells | F. Schiller | Die Urkantone 1859“ versehen wurde und den jeder Schüler vom Schiff aus kennen gelernt hat.
[6]    Abfalleimer für Hundekot, inkl. Rollenauszüge für Hundekotsäckchen.
[7]   Gerade wird dieser Eifer in Hinblick auf die Volksabstimmung über die „Steuergerechtigkeits-Initiative“ diskutiert, und Steuerrabatte einzelner Kantone (darunter Schwyz als Spitzenreiter) werden von mancher Seite als Tugend und Inbegriff von Schweizerischem Föderalismus gefeiert.
[8]    Die Schweiz hat das Frauenstimmrecht als eines der letzten Länder Europas erst 1971 allgemein eingeführt; auf kantonaler Ebene wurde es im Landsgemeindekanton Appenzell Innerrhoden nach einem Bundesgerichtsurteil sogar erst 1990 übernommen. (Landsgemeinde: Versammlung aller Stimmberechtigten zur legislativen Beschlussfassung; heute noch in den Kanton Appenzell Innerroden und Glarus.)
[9]   Dargestellt von Herrn Lämmli, wie Dietbert Reich erwähnte. Für mich nicht sehr überzeugend, weil er wie ein zahmes Lamm auftrat und einen Rundbart trug, wie er Anno 1829 noch nicht Mode war.

2. November 2010

Neu auf CD und DVD (Teil 4)

Hier wieder eine Reihe interessanter DVDs und CDs, - sowohl Neuaufnahmen als auch historische Mitschnitte (teils auch als Wiederveröffentlichungen). Frühere Zusammenstellungen sowie Rezensionen finden Sie über die Rubrik "CD/DVD".


Selbst wer schon mehrere Aufnahmen von Il barbiere di Siviglia hat, wird bei dieser Aufzeichnung aus London etwas Neues erleben, nämlich Rosina im Rollstuhl. Das ist kein Gag der Regie, sondern Joyce DiDonato hatte sich in der Premiere das Bein gebrochen und sang trotzdem auch die Folgeaufführungen, bei denen das nun notwendige Übel - nämlich der Rollstuhl - in die Inszenierung integriert wurde.

Vom Festival "Rossini in Wildbad":







Zur Erinnerung an die leider verstorbene Deborah Riedel sei noch einmal auf diesen Mitschnitt aus Bad Wildbad hingewiesen sowie auf ein Recital, ebenfalls dirigiert von Richard Bonynge: 





Es gibt natürlich noch viel mehr zu entdecken...

Vorschau auf das "Rossini Opera Festival" 2011

Hier das vorläufige Programm des
"Rossini Opera Festivals" in Pesaro für August 2011  


21. Oktober 2010

Belcanto-Wochen an der Hamburgischen Staatsoper

Vor einiger Zeit hatte ich in meinem Beitrag Belcanto-Oper in Hamburg - Ein Trauerspiel die zunehmende Vernachlässigung des Belcanto-Repertoires unter der Intendanz von Frau Simone Young beklagt, nun begann die neue Spielzeit erfreulicherweise mit „Belcanto-Wochen“.

Auf dem Spielplan stehen von September bis in den November hinein Aufführungen der Rossini-Opern Il barbiere di Siviglia und Il turco in Italia, der Donizetti-Opern Lucia di Lammermoor, L'elisir d'amore und La Fille du Régiment sowie der Verdi-Opern La Traviata und Rigoletto. Es handelt sich dabei um Inszenierungen, die - abgesehen von Lucia di Lammermoor - bereits seit Jahren (Traviata, Barbiere und L'elisir sogar schon seit den 1970er Jahren) im Repertoire stehen und nunmehr teilweise attraktiv besetzt worden sind. Im Mai 2011 wird es eine Neuinszenierung von Rossinis La Cenerentola geben, - schon wieder Cenerentola, muss man leider sagen. Denn die letzte Neuinszenierung war erst 1998, seinerzeit von der Presse zwar überwiegend verrissen, m. E. aber sehr gelungen (was sich auch in Folgeaufführungen, von denen ich wegen Rockwell Blake mehrere besuchte, durch in Hamburg seltenen Szenenapplaus des amüsierten Publikums bestätigte). Leider ist die Spielplanpolitik von Frau Young generell dadurch gekennzeichnet, häufig ausgerechnet solche Werke für die wenigen möglichen Premieren auszuwählen, die vor gar nicht langer Zeit gerade neu inszeniert worden waren (auch wenn das zugegebenermaßen nicht immer eine Bereicherung des Spielplans geworden war). Auf eine opera seria von Rossini oder auf die szenische Produktion einer Oper von Bellini wartet man leider immer noch vergeblich. Auch die Barockoper ist an der Hamburgischen Staatsoper nicht mehr existent, sogar das Händeljahr - Händel hatte immerhin in Hamburg für die Oper am Gänsemarkt seine ersten drei Opern komponiert - wurde schlicht ignoriert, es gab nicht einmal die Wiederaufnahme einer Produktion. Da war es schon sehr peinlich zu erleben, wie Frau Young im Händel-Film des NDR Fernsehens von Hamburg als Händelstadt erzählte und von den schönen Produktionen der Hamburgischen Staatsoper schwärmte!

Nun aber zurück zu den Belcanto-Wochen, in denen ich bisher Aufführungen von Il barbiere di Siviglia, Lucia di Lammermoor und Il turco in Italia besucht habe.


Rossini – Il barbiere di Siviglia (16. September 2010)

Die Belcanto-Wochen begannen für mich am 16. September mit einer sehr enttäuschenden Aufführung des Barbiere di Siviglia. Ausweislich des Programmzettels wurde die 187. Vorstellung seit der Premiere am 29. Dezember 1976 gegeben. Normalerweise steht das Alter dieser zeitlosen Produktion einem vergnüglichen Abend nicht entgegen, wenn die Solisten gut aufeinander eingestellt sind. In dieser Vorstellung wirkten aber insbesondere die Duette und Ensembles auf mich eher distanziert, insbesondere wenn Vesselina Kasarova daran beteiligt war, deren oftmals abrupte Zuckungen – und da meine ich selbstverständlich nicht die Mimik, sondern die Bewegungen des Körpers – nicht gerade Charme versprühten. Sie sang die Rosina, und leider stellte sich heraus, dass die Stimme für das große Haus – jedenfalls für die oberen Ränge – zu klein war. Ob es allein die Abendform war, kann ich natürlich nicht beurteilen. Allerdings war Frau Kasarova die einzige an diesem Abend, die Belcantogesang bot. Der Sänger des Figaro, Massimo Cavaletti, machte darstellerisch gute Figur, war von allen der Lauteste und bot ansonsten verwaschene Koloraturen und ein eher brüchiges Legato. Der Tenor des Abends, Bruce Sledge, sang und spielte eher unauffällig, - die große Arie des Almaviva „Cessa di più resistere“ wurde wieder nicht gesungen (was in diesem Fall aber auch nicht unbedingt zu bedauern war), - natürlich wieder nicht, nachdem sie – trotz freundlichen Mailwechsels mit der Chefdramaturgin und dem damaligen Operndirektor – vorletzte Spielzeit nicht einmal Lawrence Brownlee gesungen hatte; da muss man wohl nach Berlin fahren, dort ist sie Teil der Inszenierung (Video). Die weiteren Solisten der Hamburger Aufführung – Enzo Capuano als Don Bartolo, Tigran Martirossian als Don Basilio und Katja Pieweck als Berta – boten ansprechende Leistungen. Die musikalische Leitung hatte Julien Salemkour, der den Philharmonikern leider kein differenziertes Spiel entlocken konnte; die Ouvertüre erschreckte gar mit Passagen à la „Hau den Lukas“...


Donizetti – Lucia di Lammermoor (17. September 2010)

Am folgenden Abend war dann aber die Opernwelt wieder in Ordnung: Lucia di Lammermoor von Donizetti. Das große Plus dieser Neuproduktion aus Januar 2010 ist, dass – anders als bei der arg amputierten Version der Inszenierung von 1998 - die absolut ungekürzte Fassung gespielt wird, also auch jede Cabaletta mit Wiederholung, und ein besonderer musikalischer Genuss ist es, wenn man dann noch Sänger hat, die bei der Wiederholung den Gesetzen des Belcanto entsprechend Variationen und Verzierungen singen können. Diese Freude machten uns in großem Maße Elena Mosuc in der Titelpartie und Piotr Beczala als Edgardo, beide stimmlich in Höchstform. Artur Rucinski präsentierte in der Partie des Enrico beeindruckendes Stimmmaterial, und Alexander Tsymbalyuk sang einen balsamischen Raimondo, dessen Partie in dieser ungestrichenen Fassung mit zwei Arien bedeutend gewichtiger ist als gewohnt. Hervorragend war Dovlet Nurgeldiyev als Arturo, den er sehr klangschön und mit einem wunderbaren Legato sang. Dieser junge Tenor ist nun aus dem Opernstudio ins Ensemble übernommen worden, sang bereits letzte Spielzeit einen sehr guten Don Ottavio und wird diese Spielzeit Alfredo, Lenski und Cassio singen. Aufhorchen ließ auch der dritte Tenor des Abends, Paulo Paolillo als Normanno, seit Beginn dieser Spielzeit neu im Opernstudio. Ann-Beth Solvang sang Alisa. Das Dirigat von Simone Young war erfreulicher als bei der Premiere.

Es ist auch noch über ein besonderes und einmaliges Vorkommnis bei dieser Aufführung zu berichten, das Piotr Beczala und Elena Mosuc zu verdanken ist, die – wie ich vermuten möchte, eigenmächtig – die Inszenierung in dieser letzten von ihnen gesungenen Aufführung um eine überraschende szenische Einlage bereicherten. Besucher der beiden vorangegangenen Aufführungen dieser Serie wussten nichts davon zu berichten, und auch in der Premiere hatte es diesen Gag nicht gegeben. Ich habe Vergleichbares noch niemals erlebt! Zum Verständnis kurz etwas zur Inszenierung: Nach den Vorstellungen der Regisseurin Sandra Leupold erwachen nachts im Fundus eines Opernhauses die Geister der vom Komponisten zum Singen erfundenen Figuren, sie will uns zeigen, was die Geister dieser Figuren machen, wenn sie die Körper ihrer Sänger nachts verlassen haben. Und was machen sie dann? Offenbar spielen sie „Lucia di Lammermoor“, in ziemlich düsterer Szenerie und die Chormitglieder und einige der Solisten in historischen Kostümen, Lucia und ihr Bruder Enrico seltsamerweise aber in Kleidung von heute, - er im Rautenpullunder und sie zunächst in einem undefinierbaren verknauschten Etwas von weißem Schlabber-Hosenanzug (oder Pyjama?), später dann in einem dunklen kurzen und engen Kleid mit Wollstrümpfen ebenfalls im groben Rautenmuster (das weiße Brautkleid wird später drübergezogen). Edgardo und Raimondo dagegen haben prachtvolle historische Kostüme und sehen hinreißend aus. Ein erheiternder Höhepunkt – und um den geht es jetzt speziell – ist das Liebesduett im ersten Akt. Lucia zieht von der Hinterbühne ein Podest mit zwei Palmen nach vorne (da scheinen sich im Fundus auch die Kulissen zur „Afrikanerin“ oder einer anderen in exotischen Gefilden spielenden Oper zu befinden), Lucia und Edgardo erklimmen jeder den Wipfel einer Palme und singen schaukelnd und sich wiegend ihren Traum von einer glücklichen Zukunft, eben die Utopie auf einer Trauminsel. So taten es denn auch Elena Mosuc und Piotr Beczala, sie schnallte sich an für möglichst weitgreifende Schwingungen, er mal rauf auf die Palme, mal wieder runter und wieder rauf, und – jetzt kommt es endlich! – er hat auf einmal – auch vom 4. Rang aus nicht zu übersehen - etwas in der ausgestreckten Hand. Das kann doch nicht wahr sein! Aber ein Blick durchs Opernglas bestätigt es: Edgardo hat eine Banane in der Hand, die er schält und seiner glücklich lächelnden Lucia hinhält, - „Ich Tarzan, du Jane“? Elena Mosuc hatte übrigens auch eine (ungeöffnete) Banane in der Hand, was jedoch nur bei genauerem Hinsehen zu bemerken war, aber Piotr Beczala hatte offensichtlich keine Hemmungen, sich über die Inszenierung lustig zu machen. Wahrscheinlich werden die meisten Zuschauer diese Protestaktion aber gar nicht als solche wahrgenommen, sondern die Banane für einen Teil dieser unsinnigen Inszenierung gehalten haben, die noch weitere skurrile Szenen zu bieten hat, z. B. eine veritable Kissenschlacht...! Frau Young im Orchestergraben wird Beczalas Aktion aber sicherlich richtig verstanden haben.

Einen kleinen Eindruck von der Inszenierung mit Palmen vermittelt dieses Video:





Rossini – Il turco in Italia (7. und 15. Oktober 2010)

Die Inszenierung des Turco in Italia von Christof Loy ist so gelungen, dass ich sie mir seit der Premiere am 20. März 2005 unabhängig von der jeweiligen Besetzung schon des Öfteren angesehen habe, und auch dieses Mal verließ ich die Vorstelllung am 7. Oktober so beglückt, dass ich mir umgehend eine Karte auch für den 15. Oktober besorgte. Hier wird nicht – wie so oft bei Inszenierungen der Buffo-Opern Rossinis - eine komische Handlung lediglich locker abgespult und das Publikum mit mehr oder weniger gelungenen Gags zum Lachen gebracht, sondern Loy schaut auch unter die Oberfläche dieser Szenen einer Ehe, deren musikalische Krönung die große Arie der Fiorilla ist, eine Arie, die eher in eine Opera seria passt. Und selbst dann, wenn das Publikum herzhaft lachen kann, bleibt man oft nachdenklich.

Im Mittelpunkt dieser Aufführungsserie im Rahmen der Belcanto-Wochen stand das Gastspiel von Sumi Jo, die als Fiorilla alle Register ihres Belcantowissens und Könnens zog und bei dem nicht enden wollenden Beifallssturm nach der mit wunderbaren Verzierungen und Variationen ausgeschmückten großen Arie kurz aus ihrer Rolle trat, als sie die Arme nicht mehr hochhalten konnte, und sich mit einer Kusshand bedankte. Um sie herum wirbelte ein ebenso spielfreudiges wie gesanglich erfreuliches Ensemble, alle Rollen – mit Ausnahme der des Selim - waren neu besetzt und gut geprobt, und die Sänger hatten offenkundig viel Spaß bei dieser Inszenierung. Luciano di Pasquale sang einen ausgezeichneten Don Geronio. Filippo Adami, vielen Rossinanern von den Festivals in Bad Wildbad und in Pesaro in guter Erinnerung, hatte als höhensicherer und koloraturgewandter Don Narciso großen Erfolg. Die beliebten Hamburger Ensemblemitglieder Moritz Gogg (Prosdocimo) und Tigran Martirossian (Selim) sangen solide und spielten ausgezeichnet, ebenso die neuen Opernstudiomitglieder Juhee Min (Zaida) und Paulo Paolillo (Albazar). Für richtig flotte Tempi sorgte Alfred Eschwé.



18. Oktober 2010

Macbeth - eine neu entdeckte Opernpreziose

Haben Sie je von der „Oper im Knopfloch” gehört? Das ist ein kleines Opernensemble, das dem Publikum - vorwiegend im Raum Zürich - seit elf Jahren „unbekannte Opernpreziosen” präsentiert. Dazu gehörten u.a. so seltene und unterschiedliche Stücke wie El mal de amores, Zarzuela von José Serrano, The Zoo, “A musical folly” von Arthur Sullivan, Cendrillon, Opéra comique von Pauline Viardot, Prestami tua moglie, Operetta von Ruggero Leoncavallo, Abramo ed Isacco, geistliches Singspiel von Josef Myslivecek. Jetzt steht Macbeth auf dem Programm - natürlich nicht jener von Verdi, sondern der von André Hippolyte Chelard (1789-1861). Das Werk ist auch für den Rossinianer von Interesse, weil es genau in der Zeit auf die Bühne der Pariser Opéra kam, als Rossini dort seine Triumphe feierte - und das wurde ihm auch zum Verhängnis. In dem völlig rossinifizierten Paris erlitt das Erstlingswerk des (nicht mehr ganz jungen) Komponisten nach mehrjährigen Verzögerungen am 29. Juni 1827 Schiffbruch.

Rossini und Chelard - Auszug aus dem Programmheft
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Aber eine überarbeitete, deutsche Fassung ging am 20. Juni 1828* mit Erfolg in München über die Bühne und erschien sogleich, mit der Zueignung an Ludwig, König von Bayern, im Klavierauszug. Diese Version der „heroischen Oper in drey Acten nach Shakespeare” brachte das Ensemble zur Aufführung - allerdings ohne die Chöre und nur mit 5 Solisten. Auf recht hohem Niveau sangen und charakterisierten die Sänger ihre Rollen: Robert Braunschweig (Bariton) die Titelrolle, die Gründerin und Leiterin des Ensembles, Rosina Zoppi (Mezzosopran) seine Lady, Jean-Pierre Gerber (Bass) den König Duncan, Stephanie Bühlmann (Sopran) seine Tochter Moina und Pawel Grzegorz Stach (Tenor) deren Verlobter Douglas. Die drei Hexen waren über den Lautsprecher zu vernehmen, immer dann, wenn Macbeth die in der Mitte der Spielfläche stehende Kühltruhe - modernes Surrogat für einen dampfenden Hexenkessel - öffnete. Die übrigen Requisiten bestanden vorwiegend aus einem von einem Schlachtbetrieb gesponserten Arsenal von Messern sowie viel roter Farbe, mit der sich Macbeth nach dem Mord an Duncan sinnigerweise vollbesudelt hat. Diese Inszenierung (Matthias Flückiger) bot also keine Überraschungen, sie entsprach auch bei den Kostümen heutigem Theatermainstream und war für diesen effektiv grausigen Stoff und für die erklärtermaßen spartanischen Mittel dieser Truppe adäquat.  

Der Stil von Macbeth erinnert eher an die deutschen Romantiker wie Weber oder Marschner. Nur gerade ein Duett schien mir typisch französisch zu sein und ließ mich an Boieldieu und Auber denken. Der von Andrew Dunscombe packend gespielte Klavierpart ließ eine effektvolle Orchestrierung vermuten, etwa bei dem Gewitter des Entre-Actes oder dem nachfolgende langen Vorspiel der Moina-Arie. Die Aufführung, die mit Pause nur zwei Stunden dauerte, hat natürlich keinerlei philologischen Anspruch – weder waren die Eingriffe zu erkennen (die verglichen mit dem im Internet aufzufindenden Librettos ziemlich massiv waren), noch wissen wir, wie stark sich die Münchner vor der Pariser Fassung unterschied. Aber das Stück wurde wirkungsvoll dargeboten, und der melodische Reichtum und die rhythmische Prägnanz weckte das Interesse an diesem Komponisten und seiner Musik, die im unmittelbaren rossinischen Umfeld entstanden ist.

Reto Müller (Besuchte Aufführung am 17. Oktober 2010)

Weitere Aufführungen im Theater Stok in Zürich am 22., 23. und 24. Oktober) und auf der bühne fasson in Lachen am 5. November.

* Teilweise wird in den Opernannalen der 25. August 1828 als Münchner Premierendatum genannt. Die «Münchener Politische Zeitung» bezeugt aber den 20. Juni 1828 als Erstaufführung. Mein Dank für diese Überprüfung geht an Franz Schröther.

16. Oktober 2010

Abschied von Dame Joan Sutherland

Joan Sutherland 1926 - 2010
Foto: © Decca/V. Tony Hauser in Klassikakzente
Eine der größten Sängerinnen des vergangenen Jahrhunderts, Dame Joan Sutherland - La Stupenda, die Fabelhafte -, starb am 10. Oktober in Genf. "Ihr Hauptverdienst bleibt nach Ansicht der Kritiker die Wiederentdeckung der Belcanto-Opern des 18. und 19. Jahrhunderts" (FAZ). 

Joan Sutherland bei der Verleihung des Preises "Echo Klassik 2001"
Foto: dpa
Rossinifreunde und Belcantoliebhaber hatten anläßlich des Belcanto Opera Festivals "Rossini in Wildbad" am 2. Juli 2005 Gelegenheit, Joan Sutherland als Gast zu erleben. Der Intendant des Festivals, Jochen Schönleber, schreibt in seiner Würdigung "Die Sängerin, die wie keine andere den reinen Belcanto wieder zum Leben erweckt hatte, war als freundlicher Gast bei unserem jungen Festival erschienen und hatte in purem Wohlwollen für unsere bescheidene Arbeit die Wiedereröffnung des Kurtheaters als Schirmherrin geadelt". Zum Beitrag von J. Schönleber

Gala-Konzert zur Verleihung des "ECHO Klassik 2010" im ZDF am Sonntag, den 17. 10. 22 Uhr

Aus der ZDF-Programmvorschau:

"Mit dem "ECHO Klassik" ehrt die Deutsche Phono-Akademie, das Kulturinstitut des Bundesverbandes Musikindustrie, herausragende und erfolgreiche CD-Einspielungen.

Der "ECHO Klassik" wird von einer Jury vergeben, die ihr Urteil sowohl nach künstlerischer Qualität als auch nach Verkaufserfolg fällt. Die Vergabe des "ECHO Klassik" spiegelt damit nicht nur die Meinung von Kritikern wider, sondern auch die Wertschätzung durch Musikkäufer. Die "ECHO"-Preisträger wurden Anfang Juli von einer Jury ermittelt, die sich aus Persönlichkeiten aus Politik, Kultur und Medien und dem Arbeitskreis Klassik des Bundesverbandes Musikindustrie zusammensetzte".

Die mitwirkenden Preisträger:

Sängerin des Jahres:
Joyce DiDonato (Mezzosopran)

Operneinspielung des Jahres:

Liedeinspielung des Jahres:

Nachwuchskünstlerin des Jahres:

Sänger des Jahres:

Bestseller des Jahres:

Instrumentalist des Jahres:
Lang Lang (Klavier)

Nachwuchskünstlerin des Jahres:
Alice Sara Ott (Klavier)
Olga Scheps (Klavier)

Würdigung des Lebenswerks:

Klassik ohne Grenzen:
Fauré Quartett (Streichquartett)

Ensemble des Jahres:

Essener Philharmoniker
Musikalische Leitung:
Andrey Boreyko

27. September 2010

Simon Mayrs Oper "La Lodoiska" in Ingolstadt am 24. 9. 2010

Giovanni Simone Mayr (1763 - 1845) schuf die auf der Burg Ostropoli nahe der polnisch-tatarischen Grenze spielende "Revolutionsoper" "La Lodoiska" für das Mailänder Teatro alla Scala zum Karneval 1800. Die Erstaufführung fand am 26. Dez. 1799 statt. Die standhafte Liebe zwischen der polnischen Prinzessin Lodoiska und dem Krieger Lovinski wird durch das andauernde Werben des Heerführers Boleslao, dem Lodoiska von ihrem Vater als Braut versprochen wurde, auf eine harte Probe gestellt. Erst durch eine List kann Lovinski zur Geliebten gelangen, beide müssen sich verstellen, bevor es schließlich zum Happy-End und zur Verbindung der Liebenden kommt. In der Zwischenzeit hat Lovinski sich im Kampf bewährt, dem von ihm besiegten Tatarenfürsten Giskano großmütig das Leben geschenkt und im Gegenzug dessen Hilfe bei der Eroberung seiner Lodoiska erhalten.

Musikalisch ist die Oper ein Hochgenuss, man kann ohne Weiteres nachvollziehen, dass sie sogleich als reifes Meisterwerk empfunden und auch von Napoleon geschätzt wurde. Schon in der Ouvertüre wird durch zarte Kantilenen und schmissigen Bläsereinsatz deutlich, dass die Oper zwischen gefühlvollem Liebesglühen und geballtem Kampfesgeschehen wechselt. Danach kommen alle Stilmittel abgewogen zum Einsatz: Arien, Rezitative, mehrstimmige Passagen von Frauen- und Männerstimmen, Flöten-, Fagott- und Violinensoli, Pizzikato-Stellen und Basso-Continuo-Begleitung, leichthändig vom griechischen Dirigenten George Petrou selbst am Hammerflügel eingestreut. Der erste Akt endet mit einem effektvollen Finale, als der aufgebrachte Bräutigam Boleslao seinen Nebenbuhler Lovinski bei Lodoiska entdeckt. "Eilt! Zu den Waffen, auf zur Rache, Tod dem Verräter!" schmettert der Chor (Männerchor des Prager Philharmonischen Chors).

Die Frage, warum diese Oper mit ihren ausdrucksvollen Arien, die zwischen Verzweiflung und Entzücken, zwischen Resignation und Hoffnung schwanken, letztlich doch in Vergessenheit geriet, ist nicht leicht zu beantworten. Vielleicht war der Opernstoff als solcher doch nicht packend genug, um das Publikum dauerhaft zu fesseln. Zwar gibt es effektvolle Szenen, die in Burgen, Wäldern, unterirdischen Gewölben oder auf Plätzen spielen, aber der Handlungsfaden ist eher dünn. Die Personen sind fein gezeichnet, es gibt aber keine Entwicklung der Charaktere: Lodoiska und Lovinski bleiben einander unbeirrbar verbunden, und Boleslao ist von Anfang bis Ende der verzweifelt drängende und letztlich zur Entsagung gezwungene Liebhaber.

Es ist ein Verdienst der Internationalen Simon-Mayr-Gesellschaft auf eine konzertante Einspielung zu drängen, die nun in Ingolstadt anlässlich der Simon-Mayr-Tage 2010 zu hören war. Immerhin wird der "Meister der italienischen Oper aus Bayern" demnächst im Jahre 2013 seinen 250. Geburtstag feiern. Mit der Lodoiska lernten die Zuhörer im Festsaal des Theaters der Stadt Ingolstadt nach der Oper "Fedra" (Braunschweig u. Ingolstadt), "Il ritorno d'Ulisse" (Regensburg) und der "Medea in Corinto" (St. Gallen u. München) eine weitere herausragende Oper des seinerzeit hoch geschätzten Komponisten kennen. Wer bereits mit Mayr-Opern vertraut war, konnte den Komponisten, der zwischen Klassik und Romantik steht, sogleich wieder erkennen.
(HD-Qualität und Vollbild-Darstellung des Videos sind einstellbar)
Im Video vom Schlussapplaus sind alle acht Sängerinnen und Sänger zusammen mit dem Dirigenten George Petrou (weißes Jackett) zu sehen (von links nach rechts): Marc Megele (Sigeski), Elvira Hasanagič (Resiska), Elena Belfiore (Lovinski), Anna Maria Panzarella (Lodoiska), Jeremy Ovenden (Boleslao), Ines Reinhardt (Narseno), Nam Won Huh (Radoski),  Marko Cilic (Giskano)

Es musizierte das BR Münchner Rundfunkorchester; eine Aufzeichnung der Oper wird am 3. Oktober 2010 um 19:03 Uhr von BR-Klassik ausgestrahlt. Allen Belcanto-Freunden, die am 24. September 2010 nicht in Ingolstadt dabei sein konnten, wird dringend ans Herz gelegt, dieser Produktion zu lauschen. Die Noten wurden vom Verlag Ricordi anlässlich dieser Wiederaufnahme in unserer Zeit für Musiker und Sänger zur Verfügung gestellt. Unter George Petrous Leitung erlebten wir staunend ein Werk, das in dieser Weise in unserer Zeit noch nicht zu hören war. Anna Maria Panzarellas gut und mit großem Atem geführten Sopran als Lodoiska ist besonders hervorzuheben. Als Boleslao stand der herausragende Jeremy Ovenden (Tenor) zur Verfügung, ein Sänger, der zu fantastischer Modulation und Ausdrucksstärke findet, auch die vielen "Attacken" seiner Rolle bravourös meistert. Bewundernswert die Kraft, die ihm den ganzen Abend über zur Verfügung steht. Unwillkürlich denkt man an den berühmten Tenor Giacomo David, der diesen "Bösewicht" seinerzeit verkörperte, und für den Mayr möglicherweise die Ursprungsfassung der Oper erweiterte. Die Hosenrolle des Lovinski sang Elena Belfiore, ein Mezzosopran mit großer Tiefe und Ausdruckskraft. Auch die übrigen Rollen waren ausgezeichnet besetzt: Resiska, gesungen von Elvira Hasanagič, Nam Won Huh als Radoski, Marko Cilic als Giskano und mit jugendlich glänzendem Sopran Ines Reinhardt als Narseno.

Astrid Fricke

26. September 2010

Bei Verdi hat Lüttich die Nase vorn

Der Zufall wollte es, dass wir innerhalb von drei Tagen zweimal Verdi auf der Bühne renommierter Opernhäuser erleben konnten. Beide Opernlibretti basieren auf historischen Ereignissen und stammen in etwa aus der gleichen Schaffensperiode des Meisters aus Busseto. Was liegt also näher als beide Produktionen - wo immer dies möglich und auch fair ist - einer vergleichenden Betrachtung zu unterziehen?!

1. "Les Vêpres siciliennes" in der Nederlandse Opera, Amsterdam
Verdi schrieb seine Vêpres siciliennes als Auftragswerk für die Pariser Oper anlässlich der  dort stattfindenden Weltausstellung 1855. Grand Opéra bedeutete ein nicht nur zeitaufwändiges Werk in französischer Sprache, das aus (meistens) fünf Akten und einem integrierten Ballett bestand. Die fast 30 Minuten dauernde Musik zu diesem Ballett, eine Allegorie der vier Jahreszeiten, hat mit ihrem melodischen Einfallsreichtum auch außerhalb ihrer musikalischen Provenienz eine gewisse Popularität erlangt. Bei der Aufführung der “Nederlandse Opera“ in Amsterdam hatten sich Regisseur Christof Loy und sein “Ballett-Librettist“ Thomas Jonigk wohl Anregung bei Konwitschnys Don Carlos - Inszenierung geholt; denn wie dort in der Ballettmusik Ebolis Traum vom kleinbürgerlichen Glück gezeigt wurde, so wurden wir auf verkleinerter Bühne in einem Zimmer mit Blümchentapete aus den 1950er Jahren Zeugen von Henris Kindheitserinnerungen bzw. Tagträumereien, die mit teilweise allzu deutlichen sexuellen (freudschen?) Phantasien pantomimisch gestaltet wurden. Diese “heile Welt“ der Blümchentapete griff Loy im letzten Akt wieder auf, ließ Henri schon einmal freudestrahlend mit dem Kinderwagen über die Bühne stolzieren, um dann kurz darauf durch das Abbauen dieser heimeligen und überschaubaren Wohnstatt die Unmöglichkeit eines solchen Lebens ohne Konflikte zu verdeutlichen, bevor im Finale mit dem vermeintlich glückverheißenden Geläute der Hochzeitsglocken das Startsignal zum blutigen Aufstand der lange unterdrückten Sizilianer gegen die französischen Besatzer gegeben wurde.


Und damit sind wir beim historischen Kern dieses Librettos, dem als “sizilianische Vesper“ bekannten Blutbad, bei dem 1282 in Palermo 2000 Franzosen, die diese Region besetzt hielten, von den Sizilianern umgebracht wurden. Regisseur Christof Loy verlegte diesen Tatbestand in die Mitte des vorigen Jahrhunderts und entwickelte auf der - bis auf die unvermeidlichen endlosen Stuhlreihen und eine bedrohlich-grelle verschiebbare Lichterwand von weißen Neonröhren - meist leeren Bühne (und die ist in Amsterdam sehr breit!) den Konflikt der Protagonisten zwischen Vaterlandsliebe und persönlichen Gefühlen inwendig, doch auch untermalt von brutalen Szenen (In demütigender Weise ließen die französischen Machthaber beispielsweise junge sizilianische Frauen auf den Knien über die Glassplitter gerade leer getrunkener Flaschen rutschen). Damit des verbannten Freiheitskämpfers Procida  berühmte Arie “O tu Palermo“, eine der bekanntesten Bass-Arien Verdis, zumindest etwas Lokalkolorit erhielt, wurden kleine Videoprojektionen dieser Stadt und seiner Erinnerungen daran eingeblendet. Auch die vor allem das bekannte Thema des Duetts Montfort – Henri aus dem 3. Akt vorwegnehmende “Sinfonia“ wurde durch Videoporträts gefangener Sizilianer “aufgelockert“ und – man höre und staune! – nach dem 1. Akt gespielt – sehr zum laut geäußerten Unwillen mancher Besucher. Der “Allmacht“ gewisser Regisseure sind anscheinend keine Grenzen gesetzt… Immerhin geschah es auch an diesem Opernhaus im November vergangenen Jahres, dass der Regisseur (in diesem Fall P. Konwitschny) das Finale von R. Strauss’ Salome in eine Art “happy ending“ umwandelte.

Wesentlich unumstrittener und positiver war die musikalische Seite: Faszinierend in ihrer vokalen Brillanz und Rollengestaltung (aus der maskulin gekleideten Patriotin Hélène wird am Ende auch äußerlich eine liebende Frau!) die niederländische Sopranistin Barbara Haveman, die recht kurzfristig diese Partie von Emily Magee übernommen hatte. Ihr tenoraler Partner Henri, der sich als Sohn des verhassten Gouverneurs Montfort entpuppte,  wurde von Burkhard Fritz im Stil eines “lirico spinto“ klangschön und höhensicher gesungen. Etwas schwächer schienen mir die beiden tieferen Männerstimmen: der Schweizer Bariton Alejandro Marco – Buhrmester als Montfort wirkte stimmlich wie in seiner Rollengestaltung etwas monochrom, und der Bass von Balint Szabo als Procida war von zu leichtem Kaliber. Das Nederlands Philharmonisch Orkest spielte homogen und ohne Fehl und Tadel, und der große Koor van de Nederlandse Opera (fast 80 Sänger/innen!!) bildete wie immer einen beeindruckenden Rückhalt. Das Dirigat von Paolo Carignani ließ gelegentlich bei aller sorgfältigen Austarierung der Orchesterstimmen ein paar Strahlen des revolutionären Feuers dieser Oper vermissen , bescherte aber dem Publikum im  fast ausverkauften Haus nach La Juive (2009) und Les Troyens (2010) in kürzester Zeit die begeisternde Begegnung mit einer dritten grand opéra.

2. "Un ballo in maschera" in der Opéra Royal de Wallonie, Lüttich
Knapp 4 Jahre später (am 17. 02. 1859) feierte Verdis 23. Oper am römischen Teatro Apollo ihre Premiere, und wir fuhren zwei Tage nach unserem Amsterdam-Besuch in die Lütticher Opéra Royal de Wallonie, um dort seinen ballo in maschera wieder einmal zu genießen. Und in der Tat wurde dieser Abend im “Palais Opéra“, dem Ausweichquartier der ORW während der Restauration des Operngebäudes, zum Genuss: Der erstmals in Liège gastierende Massimo Zanetti sorgte am Pult des Lütticher Orchesters für mitreißenden Schwung und Italianità, wobei immer aufs Neue die gute Akustik dieses Opernzeltes zu bewundern ist. Der durch den Opernchor aus Namur verstärkte “Hauschor“ – natürlich deutlich kleiner als der in Amsterdam – sorgte trotz der räumlichen Enge auf der relativ kleinen Bühne für adäquate Unterstützung der  Protagonisten (sehr gelungen der Spottchor am Ende des 2. Aktes!). Für die Besetzung der vier Hauptrollen hatte Intendant Stefano Mazzonis di Pralafera in jeder Beziehung klangvolle Namen aufgeboten:
Aquiles Machado (Foto: Jaques Croisier)
Der venezuelanische Tenor Aquiles Machado – auch er zum ersten Male auf der Lütticher Bühne – bot eine rundum überzeugende Gestaltung des amerikanischen “Gouverneurs“ Riccardo und sang einfach prächtig (Auch der vertrackte und deshalb sogar von großen Tenören gemiedene Sprung über mehr als eine Oktav nach unten in seiner ersten Arie “Di tu se fedele“ gelang problemlos!).

Ihm ebenbürtig der mit wunderbarem Legato singende Renato des rumänischen Baritons George Petean, der vor allem auch den Hamburger Opernfreunden ein Begriff sein dürfte. Auch die drei Frauenrollen waren mehr als rollendeckend besetzt: Den größten Schlussbeifall heimste interessanterweise die zierliche junge Russin Marina Zyatkova für ihre Darstellung des “Pagen“ Oscar ein. Aber auch die Römerin Chiara Taigi, die die von ihren widerstreitenden Gefühlen zerrissene Amelia u.a. schon in Leipzig unter Chailly gesungen hat, sowie Anna Maria Chiuri als Wahrsagerin Ulrica spielten und sangen lebendige Rollenporträts.
Marina Zyatkova, Aquiles Machado, George Petean (Foto: Jaques Croisier)
Chiara Taigi, Aquiles Machado (Foto: Jaques Croisier)
Wie bei so vielen Opern des Ottocento gab es auch vor der Uraufführung des Maskenballs massive Probleme mit der Zensur. Verdi hatte seine neue Oper, die nach einem Libretto Eugène Scribes, das schon Auber 1833 in Töne gesetzt hatte, das Attentat des Grafen Anckarström auf den schwedischen König Gustav III. bei einem Maskenball 1792 in Stockholm thematisierte, für Neapel vorgesehen. Nach heftigen Auseinandersetzungen mit dem dort regierenden Bourbonenkönig Ferdinand II. wurde der Komponist aus seinem Kontrakt entbunden, verließ die Stadt und ging auf das Angebot ein, sein neues Meisterwerk in Rom aufzuführen. Aber auch hier machte die Zensur (in diesem Fall die päpstliche) Probleme. Allerdings ließ sie Musik und Text unbeanstandet, setzte aber durch, dass die Handlung in die USA (Boston gegen Ende des 17. Jhdts.) verlegt und dementsprechend  einige Personen umbenannt wurden. Regisseur Philippe Sireuil griff diese Bostoner Fassung auf, ging aber in Zeit und Szenerie einen Schritt weiter: “Wir befinden uns irgendwo in den Vereinigten Staaten in den 1960er Jahren“ war im Programmheft zu lesen. Mit Liebe zu Atmosphäre schaffenden Details schuf das für die Inszenierung verantwortliche Team  passende Bühnenbilder, die analog zum zeitlichen Ansatz durchaus Sinn machten: So blickten wir in der 1. Szene in die Suite eines Luxushotels, trafen zu Beginn des 2. Aktes Amelia und Riccardo in einem bis auf einen Straßenkreuzer leeren ehemaligen Parkhaus am Stadtrand, und erlebten im Finale Riccardos Ermordung im Festsaal des Luxushotels - stilecht mit Rednerpult und Mikrophon, in das der Präsidentschaftskandidat Riccardo seine letzten Worte hauchte. Wenn man das prinzipielle Problem der zeitlichen und örtlichen Verlagerung eines historischen Libretto-Stoffes einmal ausklammert, war diese Regiearbeit in sich schlüssig und wirkte nicht als Fremdkörper innerhalb der Musik. Das sah zumindest ein Besucher ganz anders, der unmittelbar nach dem letzten Vorhang in die Stille der aufbrechenden Besucher mit Stentorstimme rief:  “Mise en scène [=Regie]: Buh buh buh“. Was hätte er wohl zu der Inszenierung in Amsterdam gesagt?

Walter Wiertz
Besuchte Vorstellungen: 14. 09. 10 (Amsterdam) und 16. 09. 10 (Liège)

12. September 2010

'Demetrio e Polibio' beim Rossini Opera Festival 2010

Das diesjährige ROF war eigentlich für die Rossini-Freunde besonders attraktiv, weil es gleich zwei Neuigkeiten gab, nämlich Sigismondo (der wegen der italienischen Finanzpolitik im letzten Jahr ausgesetzt werden musste) und Demetrio e Polibio, die beide im stilgerechten Teatro Rossini aufgeführt wurden. (Daneben konnte man, wenn man dafür die Fahrt in die Adriatic Arena in Kauf nehmen wollte, mit La Cenerentola auch noch die Wiederaufnahme einer „Ronconiana“ von 1998 sehen.) Weniger attraktiv und stilgerecht erwiesen sich wie befürchtet die Neuinszenierungen, derentwegen laut der irrigen Meinung des ROF-Intendanten (vgl. Interview mit Gianfranco Mariotti in «La Gazzetta» 2009) die Leute zu einem Festival reisen würden; zumindest bei den Rossini-Festivals ist es aber so, dass der Hauptteil des Publikums wegen der Werke und der Sänger herkommt, und zwar leider immer öfter trotz der Inszenierungen.


Die Inszenierung von Demetrio e Polibio zeigte schon während der Ouvertüre eine offene Bühne – die selbst eine Bühne darstellt, auf der gerade ein Dirigent (alias Michele Mariotti?) den Applaus entgegen­nahm: Theater im Theater also, einmal mehr – immer ein untrügliches Zeichen, dass der Regisseur mit dem Stück nicht viel anzufangen wusste. Hier ist es immerhin ein „Thema mit Vari­ationen“, denn gezeigt wird der Schluss einer Aufführung, der Umbau der Bühne für die nächste Vorstellung und das Lichterlöschen – worauf in dem Theater die alten Opernphantome erwachen, vier Sänger in Kostümen der Rossinizeit: Das soll wohl die Mombelli-Familie sein, die das Erstlings­werk des Pesaresen Revue passieren lässt. Dabei bleiben einige Theaterkniffe ein Rätsel: Wieso die Verdoppelung der Personen? Vielleicht wegen der doppelten Identitäten? Aber die betreffen doch nur Siveno, der sich als Königssohn Demetrio jun. erweisen wird, und Demetrio sen., der in der Verkleidung seines eigenen Botschafters Eumene auftritt; Polibio, der Ziehvater von Siveno, und Lisinga, seine Tochter, sind und bleiben, wer sie sind und haben hier dennoch ihre Doppel­gänger. Was bedeuten die Flämmchen, die fast alle immer wieder aus ihren Handflächen auflodern lassen? Dank der klassischen Kostüme (und nur dank derer) entstanden einige schöne Bilder, aber das Ganze blieb auf dem Niveau einer schwer verständlichen Metatheatralität, die die Geschichte in keiner Weise plausibel machte. Dabei sollte der Stoff, der für Rossini persönlich von so zentraler Bedeutung ist und ihn von Demetrio bis Tell und darüber hinaus begleitete, nämlich jener der Familienbande und der Elternliebe, eigentlich nicht so schwierig zu vermitteln sein.

Bühnebildentwurf aus Urbino

Anzumerken ist noch, dass es sich um eine Zusammenarbeit des ROF mit der Bühnenbildnerklasse der Akademie der Schönen Künste aus Urbino handelte, deren Absolventen mit der Produktion ein gutes handwerkliches Geschick bewiesen, während der Regisseur Davide Livermore mehr die Insze­nierung der Inszenierung inszenierte, statt das Stück selber. Die ganze Entstehung der Pro­duktion wurde in einem separaten Programmheft dokumentiert.

Besetzungszettel

María José Moreno bot eine gut zwischen zärtlicher Liebe und kämpferischem Elan agierende Lisinga, auch wenn ihre Stimme nicht immer ganz richtig intoniert war. Shi Yijie bewies eine gewisse Unerschrockenheit gegenüber seinen tenoralen Herausforderungen, aber der Stimme mangelt es an einem gewissen Schmelz und der ganzen Person an Autorität für diese Rolle, die immerhin für einen gestandenen Mann wie Domenico Mombelli konzipiert wurde. Mirco Palazzi brachte dagegen die stimmliche und darstellerisch passende Präsenz für den Polibio mit, und auch Victoria Zaytseva konnte in der Hosenrolle des Siveno mit ihrer angenehmen Mezzostimme überzeugen. Die Herren des Prager Kammerchors entledigten sich unter der Leitung ihres Altmeisters Lubomír Mátl wie immer gekonnt ihrer Aufgabe. Corrado Rovaris entlockte dem gut disponierten Orchestra Sinfonica G. Rossini eine symphonische Klanglichkeit, die den im ausgehenden 18. Jahrhundert verankerten Stil auf anmutige Weise unterstrich.


Reto Müller

(Auszug aus dem «Mitteilungsblatt» der Deutschen Rossini Gesellschaft, Nr. 51-September 2010)

'Sigismondo' beim Rossini Opera Festival 2010

Das diesjährige ROF war eigentlich für die Rossini-Freunde besonders attraktiv, weil es gleich zwei Neuigkeiten gab, nämlich Sigismondo (der wegen der italienischen Finanzpolitik im letzten Jahr ausgesetzt werden musste) und Demetrio e Polibio, die beide im stilgerechten Teatro Rossini aufgeführt wurden. (Daneben konnte man, wenn man dafür die Fahrt in die Adriatic Arena in Kauf nehmen wollte, mit La Cenerentola auch noch die Wiederaufnahme einer „Ronconiana“ von 1998 sehen.) Weniger attraktiv und stilgerecht erwiesen sich wie befürchtet die Neuinszenierungen, derentwegen laut der irrigen Meinung des ROF-Intendanten (vgl. Interview mit Gianfranco Mariotti in «La Gazzetta» 2009) die Leute zu einem Festival reisen würden; zumindest bei den Rossini-Festivals ist es aber so, dass der Hauptteil des Publikums wegen der Werke und der Sänger herkommt, und zwar leider immer öfter trotz der Inszenierungen.

Ich wusste schon 1995, als ich Sigismondo für das Festival in Wildbad zur Aufführung anregte, dass dieses „Psychodrama“ in den Händen moderner Regisseure auf gefährliche Abwege zu geraten droht. Doch Jochen Schönleber und Annette Hornbacher boten die Oper damals in einer überraschend ansprechenden Ausstattung, besonders in der Waldszene, in der hohe Spiegel aufgestellt waren, die die wahren, falschen und vermeintlichen Identitäten sehr gut symbolisierten. Das Finale haben sie dann allerdings ganz werkfremd als Buffoszene dargestellt. Damiano Michieletto nimmt das Stück in Pesaro ernst, wenn er es ohne Ironie mit einem verhaltenen und nicht ausgelassenen Versöhnung Aldimiras und Sigismondos und der Bestrafung Ladislaos enden lässt. Er nimmt das Stück auch ernst, wenn er den Zwiespalt der Personen, ihre Unsicherheiten und Sehnsüchte erkennt und umsetzt. Aber er nimmt das Libretto und teilweise auch die Musik überhaupt nicht für voll, wenn er aus diesem „Stoff“ eine eigene Geschichte, statt derjenigen, die ihm vorliegt, inszeniert. Er verlegt den ganzen ersten Akt kurzerhand in eine Irrenanstalt (was gerade en vogue ist), während im zweiten Akt nicht klar wird, wo man sich befindet. Vieles spricht dafür, dass es sich um die Kanzlei der Regierung handelt, wo nach der Rückkehr des Königs die Möbel wieder zurecht gerückt werden (neben Ronconis Cenerentola also noch ein Möbellager). Aber wieso tauchen die Irren wieder auf? Vielleicht grenzt der Palast direkt ans Irrenhaus, oder – wie sinnig, vor allem wenn man an die heutige italienische Politik denkt – der Palast ist das Irrenhaus… Am Schluss werden auf jeden Fall die Missetäter von den Irren abgeholt – sie erhalten ihre gerechte Strafe, indem sie selber in den Sog der Demenz gezogen werden. Wie man sieht, bietet die Inszenierung eine ganze Reihe von (irr)sinnigen und schlüssigen Anregungen. Leider werden dabei Libretto und Musik allzu oft übergangen. Striche in den Rezitativen sind von jeher auch in Pesaro kein Tabu (wiewohl sie es aus philologischer Sicht sein sollten), aber dass sie zu einem großen Teil schlicht aus Willfährigkeit gegenüber dem Regisseur gemacht werden, ist ein Armutszeugnis für ein Festival, das sich Werktreue auf die Fahnen geschrieben hat. Die Kürzungen, die hier vorgenommen wurden (und neuerdings im Programmheft gekennzeichnet werden), sind in weiten Teilen auf den neuen Handlungsort zurückzuführen und merzen alle nicht mit der Irrenanstalt zu vereinbarenden Hinweise auf die Waldszene aus. Den Jägerchor, eine musikalische Nummer, die nicht einfach so weggelassen werden kann, stellte Michieletto als „Betriebsausflug“ der Irren dar, aber für viele weitere Anspielungen auf die Waldszene und die Kriegsbedrohung ist ihm dann nur noch die Kürzungsschere eingefallen.

Librettoauschnitt mit gekennzeichneten Kürzungen

Es gibt auch einige Elemente, die zu dieser Geschichte passen, und die man als „Stilmittel“ auch in einer adäquaten Inszenierung gut hätte einsetzen können: Ich meine die drei Aldimira-Doubles, die wie Gespenster Sigismondo und Ladislao bedrängen und sehr plastisch deren Verfolgungswahn darstellen. Erfreulich war auch, dass die Ouvertüre ungestört bei geschlossenem Vorhang gespielt werden durfte, dass die Handlung nicht in der Jetztzeit sondern in der Vergangenheit (wenn auch in der falschen) spielte und dass das störende Gekreische und das Umwerfen von Tischen wenigstens „nur“ während musikalischer „Pausen“ vorkamen. Michieletto gelingt es hervorragend, seine eigene Geschichte zu erzählen und das Libretto mehr oder weniger außer Acht zu lassen. Ist es das, was wir unter „Interpretation“ zu verstehen haben? Nein, es ist nichts anderes als ein „Meme“ (engl., „Mihm“ gesprochen), wie das im neusten Internetjargon heißt, wo unter diesem Genre Filmausschnitten völlig fremde Texte (gesprochen oder als Untertitel) unterlegt werden (für ein Meme der lustigen Art schaue man sich auf YouTube Obamas Rede in Berlin auf Schwäbisch an!). Aber auch innerhalb dieses Konzeptes ist vieles nicht durchdacht. Ist es etwa plausibel, dass ein Herrscher, so dement er auch sein mag, auf der allgemeinen Station in einem 8-Betten-Saal interniert wird? Auch der Rollstuhl, in dem Sigismondo herumgefahren wird, ist mehr ein Moderequisit als ein notwendiges Hilfsmittel für einen Irren. Aldimira, von der wir übrigens nicht erfahren, in welcher Beziehung sie zu dem Arzt der Anstalt (Zenovito) steht – die entsprechende Rezitativpassage wurde gestrichen –, hat ihren Auftritt nicht wie im Libretto vorgesehen in der Waldhütte, wo sie Zuflucht gefunden hat, sondern sie kommt ins Irrenhaus und besingt den „tranquillo soggiorno“ („Oh beschaulicher Ort“). Auch wenn die Irren gerade mehr oder weniger ruhig schlafen, ist das in der Situation eine groteske Aussage, die „leider“ durch die neuerdings auch in Pesaro vorhandenen Übertitel augenfällig wurde. Im Duett, in dem sich Ladislao der vermeintlichen Tochter Zenovitos, in der er Aldimira zu erkennen glaubt, gegenüber sieht und wo die Stretta die Verstörung der beiden charakterisiert, inszeniert der Regisseur eine Vergewaltigungsszene, die in dieser Situation jeder Logik entbehrt und mithin reine Perversion und Effekthascherei ist. Gegen Ende der Oper, kurz bevor Ladislao seine Taten eingesteht, wird uns freundlicherweise ein Gemetzel erspart, wenn die beiden Truppen aufeinander losgehen. Stattdessen reißen die Uniformierten alle Schubladen auf und werfen Papierstöße wild durcheinander – kein Mensch versteht, was diese Aktion bedeuten soll: Sie ist denn auch reiner Aktionismus eines Regisseurs, dessen verirrte Geschichte nicht zur tumultartigen Musik passt. Wie sagte ich doch in meinem Vortrag in Wildbad: „Wenn man einzelne Teile weglässt oder verändert […], kollabiert das System und kann oft nur noch durch absurde Manöver zu Ende gebracht werden“. Vielleicht glaubt so ein Regisseur, wenn seine Konzepte nicht ganz aufgehen, im Geiste der italienischen Librettistik zu handeln, die vor Unwahrscheinlichkeiten ja nur so strotzt (das ist freilich ein Gemeinplatz: die vermeintlichen Widersprüche entstehen oft erst durch die unbedarfte Streichung von Rezitativpassagen) – dabei wäre es die nobelste Aufgabe dieser Berufsgilde, allfällige Fragwürdigkeiten inszenatorisch auszumerzen und nicht neue zu kreieren.
Das größte Problem sind aber die Irren selbst: wie sie da herumzucken, am Boden kriechen, ausflippen, hysterisch schreien etc. ist nicht nur eine entwürdigende Bloßstellung und mithin eine Herabwürdigung von kranken Menschen, sondern für manch einen Zuschauer auch eine schwer verdauliche Realität, mit der umzugehen jedermann seinen eigenen Weg finden muss, und wenn es deren Verdrängung ist; das Publikum ungefragt auf so krude Weise damit zu konfrontieren, ist ein Missbrauch der verantwortungsvollen Regisseurenrolle. Im Übrigen gilt für die klassische Ästhetik, zu der Sigismondo trotz romantischer Vorwegnahmen letztendlich gehört, das Gebot des „bello ideale“, wo das Hässliche zwar thematisiert, aber nicht dargestellt wird: so wie im letzten Jahr die grässlichen Blutszenen in der Zelmira gegen dieses Prinzip verstießen, so verstoßen in diesem Jahr die Irren in Sigismondo dagegen.

Besetzungszettel

Im Rahmen des Konzepts agierten die Darsteller ausgezeichnet. Daniela Barcellona war schlicht ergreifend, wie sie den schwachen, verunsicherten Sigismondo mit einer großartigen schauspielerischen Leistung darstellte – dies alleine hätte genügt, um das innere Drama dieses von Gewissensbissen verfolgten Herrschers und damit die von Rossini beabsichtigte Thematisierung darzustellen. Barcellona präsentierte sich auch in bester stimmlicher Verfassung und löste die größten Ovationen aus, die einmal mehr zeigten, was dem Publikum wirklich wichtig ist. Olga Peretyatko hat in Aldimira eine kongeniale Rolle gefunden. Anders als die anspruchsvollen Colbran-Partien, für die sie weder die richtige Vokalität noch die Reife besitzt, liegen ihr die Rollen, die Rossini für die typische Sopranstimme der Elisabetta Manfredini-Guarmani geschrieben hat, ganz besonders; neben Aldimira sind das weitere „A“-Rollen, nämlich Amira in Ciro in Babilonia, Amenaide in Tancredi und die Titelrolle von Adelaide di Borgogna. Eine Idealbesetzung war auch Antonino Siragusa für den Ladislao, dessen Timbre gut zu dem Verrätertyp passt. Er meisterte auch alle Koloraturen perfekt, aber ein differenzierter Gesang ist nicht gerade seine Sache: seine Versuche, auch mal ein schönes Piano zu singen, blieben Ausnahmeerscheinungen. Exzellent war der gehaltvolle Bass von Andrea Concetti in den Rollen des Zenovito (1. Akt) und des Ulderico (2. Akt). Gut in dieses erstklassige Ensemble fügten sich Manuela Bisceglie (Anagilda) und Enea Scala (Radoski) ein. Der Chor und das Orchester aus Bologna musizierten hervorragend unter ihrem neuen Leiter Michele Mariotti. Der ist dem Vorwurf der Vetternwirtschaft ausgesetzt, weil er in seinem jugendlichen Alter bereits den so wichtigen Posten des GMD am Teatro Comunale di Bologna besetzt, an der Mailänder Scala einen Barbiere (nach dem Rauswurf des designierten Dirigenten Spinosi) und jetzt in Pesaro die Eröffnungsoper dirigiert – alles Dinge, die damit in Verbindung gebracht werden, dass er der Sohn des ROF-Intendanten ist. Man darf sich bei der Beurteilung seiner Leitung aber weder davon noch von der sinnwidrigen Regie ablenken bzw. irreleiten lassen. Das wiederholte Anhören der Radioübertragung vom 9.8. macht ohrenfällig, dass der junge Mann durchaus Talent hat und dass Pesaro richtig tat, ihn trotz der „Vitamin-B“-Vorwürfe zu engagieren. Mariotti dirigiert einen präzisen, spannungsvollen Rossini, energisch, aber durchsichtig. Allerdings zeigt er in diesem Sigismondo eine Tendenz zu krassen Differenzierungen, plötzlichen dynamischen Wechseln wie unvermittelte Accelerandi oder extreme Übergänge zwischen piano und forte. Wenn das eine bewusste Lesart dieses „extremen“ Stoffes ist, kann man das akzeptieren, falls es aber (wie bei seinem Vorgänger Daniele Gatti) nur dem Willen nach Effekthascherei und vermeintlicher Originalität entspringt, wird es sich bald als Leerlauf erweisen – ein nächster Prüfungstermin bietet sich im Mai 2011, wenn er La gazza ladra in Dresden dirigiert.

Reto Müller
(Auszug aus «Mitteilungsblatt» der Deutschen Rossini Gesellschaft, Nr. 51-September 2010)

1. September 2010

Rossini Opera Festival 2010 in Pesaro - Die Presseschau




1. September 2010 (esg):

Bilder - Bilder - Bilder!!! 
Fotogalerie zu allen drei Opernproduktionen

Video "La Cenerentola"


Die Videos von den beiden anderen Opern dokumentieren leider mehr die schlechte Sicht aus einer seitlichen Loge als die Aufführung selbst: Demetrio e Polibio und Sigismondo


Die - teilweise durchaus konträre - Berichterstattung im Neuen Merker:


Auch Manuel Brug war in Pesaro und berichtet in der "Welt":

Oper als geschlossene Anstalt - Wie das Rossini-Festival in Pesaro der katastrophalen Kulturpolitik von Berlusconi trotzt
Italien ist ein Irrenhaus. Seit einigen Jahren gibt es hier keine Nervenkliniken mehr. Man wird stationär behandelt oder der Obhut der Familie überlassen. Jeder muss sehen, wie er damit klarkommt. Längst ist auch die italienische Kulturpolitik ein Irrenhaus, denn die Regierung Berlusconi entlässt fast alle Institutionen aus ihrer Verantwortung und kappt damit auch die Subventionen. Jeder muss sehen, wie er damit klar kommt. Jetzt steht auch noch im reizend klassizistischen Teatro Rossini in Pesaro ein Irrenhaus auf der Bühne. Wo man doch im Geburtsland der Oper gewohnt ist, dass auf einer Theaterszene dekoriert, aber nicht inszeniert,geschweige denn interpretiert wird. ... mehr
 
Im Online Musik Magazin OMM wird ebenfalls ausführlich berichtet:
 
Phantome der Oper: Demetrio e Polibio
Ein Belcanto-Feuerwerk in der Adriatic Arena: La Cenerentola 
Die Welt als Irrenhaus: Sigismondo
 
Einen weiteren Internetbeitrag gibt es hier ...

... und bei Klassik-info Rosamunde Pilcher an der Adria

Über alle Opernproduktionen, aber auch über die Konzerte des diesjährigen Festivals berichten ausführlich:

Opera Gazet
 (niederländisch): acht Rezensionen (die Links zu den Berichten finden Sie hier)

Forum Opéra
(französisch):
Concerto Pergolesi  -  Concerto Majella Cullagh  -  Kantaten
Zu den vier Berichten über die Opernproduktionen geht es hier.

Hinweis zum Übersetzen mit Google
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15. August 2010 (esg):

Hier eine Fotostrecke von der Eröffnung des diesjährigen ROF mit zahlreichen Szenenfotos von "Sigismondo" (ab Bild 11).

Ein weiterer Bericht über "Sigismondo": Il Resto del Carlino

Eine positive Bewertung der Inszenierung des Sigismondo enthält der die Festivals von Torre del Lago und Pesaro vergleichende Bericht "Schöner leben und neppen: Puccini-Fastfood in Viareggio, Rossini-Perle in Pesaro", der auch kurz auf die beiden anderen Produktionen eingeht:

 Auszug Rossinis „Sigismondo“: ein großer Wurf in Pesaro
Zweihundertfünfzig Kilometer weiter östlich hingegen ließ sich „Rossinis Bayreuth“, das 31. Festival in Pesaro, glänzend an. Damiano Michieletto ist mit seiner Interpretation des an Weihnachten 1814 im Teatro La Fenice erstmals gezeigten „Sigismondo“ ein Wurf gelungen: Er hat den Eifersuchts- und Thronfolge-Konflikt aus dem historisch nicht genau zu verortenden Gesna und den mittelalterlichen Wäldern an der polnisch-böhmischen Grenze in die Zeit der ersten Republik und eine psychiatrische Anstalt verschoben. Das wird in wundersamer Weise der turbulenten Handlung gerecht, die bei der Uraufführung auf vehemente Ablehnung des Publikums und entschiedene Einwände seitens der Fachkritik stieß....mehr


13. August 2010 (rf):
Eine erste deutschsprachige Kritik von Elena Habermann gibt es im Neuen Merker :
"Musikalisch war es eine ganz große Sache,  dieses schon sehr große Werk des erst 22jährigen Rossini zu hören"
"Die Sängerliste war vom Feinsten, besonders die drei großen Hauptrollen waren nahezu unüberbietbar besetzt".
"Aber so eine sängerfeindliche Arbeit sah ich in Italien noch nie, und es wundert mich, dass die Italiener das alles so mitmachen".
"Nun hat der Regietheater-Schmarren leider die Alpen überschritten, und auch im Süden darf man sich über diese Modetrends wie Spitalsbetten etc. freuen".


12. August 2010 (rf):

Zur Oper "Sigismondo" wurde eine Rezension in La Stampa gefunden. Auch für diejenigen, die zur Übersetzung den Google Übersetzer benötigen, wird klar, dass es hervorragende Sänger gab, dass die Inszenierung allerdings Anlass zu Kritik gab.

Hier einige Zitate aus der Google Übersetzung:
"Hervorragende Sänger", "Die ganze Gruppe von Performern erhielt begeisteten Beifall"
"Der Regisseur Damiano Michieletto (Bühnenbildner Paul Fantin) erhielt zwischen Genehmigungen und Protesten, sollten wir einen gnädigen Schleier zu ziehen"
"Dieses dekorative Display des menschlichen Leidens geht weit Grenzen des guten Geschmacks und vielleicht sogar die Moral. Dann wird der Vorhang unten, bitte. Doch es gibt diejenigen, die applaudieren."


12. August 2010 (rf):

Unter dem Titel "Ungebremste Entdeckerfreude" berichtet Bernhard Doppler auf der Homepage von Deutschlandradio Kultur über das Rossini Opera Festival 2010 in Pesaro und die Opern "Demetrio e Polibio" und "Sigismondo".
Auf dieser Seite kann auch ein Direkt-Kommentar aus Rossinis Geburtsstadt als Audio-Datei angehört oder heruntergeladen werden.