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19. April 2010

Christoph Willibald Gluck: "Alkestis" (Alceste) in Leipzig

Foto: Oper Leipzig  Zum Video: Theater-tv

„Ich war darauf bedacht, die Musik wieder zu ihrer wahren Aufgabe zurückzuführen, nämlich dem Libretto und den Situationen zu dienen“ schreibt Gluck in seiner Vorrede zu seiner Reformoper „Alceste“ und verfasste damit eine Kampfansage an die „Missbräuche“, die er in der „übel angebrachten Eitelkeit der Sänger“ sah sowie in der „allzu großen Gefälligkeit des Komponisten“ gegenüber der italienischen Oper. Gluck wünscht von Anfang an „Natürlichkeit“, wie sie später von Rousseau gefordert wird, er verschmäht barocke Opern-Maschinerie und erteilt der „opera seria“ mit vorgeschriebenen Nummern-Arien eine Absage.

Mit der Aufnahme von „Alkestis“ beginnt in Leipzig 2010 ein Gluck-Zyklus, den man auch in Anspielung an Richard Wagner, der Gluck sehr verehrte und als seinen Lehrmeister ansah, als „Leipziger Gluck-Ring“ bezeichnen könnte. Auf „Alkestis“ sollen weitere Gluck-Opern mit Frauen-Gestalten der Antike im Mittelpunkt folgen, nämlich  „Iphigenie in Aulis“, „Iphigenie auf Tauris“ und schließlich „Armida“, sämtlich inszeniert von Peter Konwitschny.

Die jetzt erstmalig aufgeführte „Leipziger Fassung“ verbindet die ursprüngliche für Wien komponierte Alkestis-Oper von 1767 mit der Pariser Fassung der „Alceste“ von 1776.  Da die in sich stimmige und vollständige Wiener Fassung, die lediglich das glückliche Ende ausspart, durch den 3. Akt der anders aufgebauten Pariser Fassung ergänzt wird, ergeben sich Wiederholungen, die jedoch durch die Regie Peter Konwitschnys geschickt  aufgefangen werden: Der Dialog zwischen der zum Opfertod bereiten Alkestis mit den Totengöttern, ihr Hinabsteigen in die Unterwelt, findet in Leipzig zweimal statt, einmal real im 2. Akt, zum anderen im 3. Akt als Showelement und Videobotschaft in einem heutigen Fernsehstudio, in das Alkestis und mit ihr ihre Familie und ihr Volk Jahrtausende später wie durch Zauber geraten sind. Die Brüche und teilweisen Wiederholungen zwischen dem zweiten Akt der Leipziger Alkestis und dem dritten Akt, der im Heute spielt, sind also nicht nur ein virtuoser Regie-Einfall, sondern auch der Verbindung zweier unterschiedlicher Opernfassungen geschuldet. Da der Hörer dadurch aber in den Genuss der völlig homogen durchkomponierten frühen Wiener Fassung kommt, die vermutlich die beiden ersten Akte der späteren Pariser Version musikalisch übertrifft, stellt dies kein Manko, sondern im Gegenteil einen Gewinn dar.

Orchester
Es spielte das Gewandhausorchester Leipzig unter der Stabführung von George Petrou. Letzterer schwang den Taktstock mit Verve und hatte seine delikat aufspielenden Leute gut im Griff. Erstaunlich, wie schnell die Ouvertüre angegangen wurde. Lebhafte Streicherpassagen nahmen ebenso wie bei klagende Bläser-Einlagen Naturschilderungen vorweg, die später im Gesang der Alkestis auf ihrem Weg in das Reich der Toten wieder aufgegriffen wurden: Das Singen der Waldvögel, die Kaskaden der Wasserfälle. Da man die Oper durchaus als vertontes Seelendrama, als musikalisches Schauspiel nach Euripides, sehen kann, gibt es wenige Arien, jedoch viele Dialoge und Rezitative, die eine zuverlässige Basso-Continuo-Begleitung erfordern, die hier durch Violoncello und Cembalo mustergültig erfolgte.

Chor und Kinderchor
Es ist immer wieder eine Freude, den Leipziger Chor zu erleben. Bei Gluck spielt er eine herausragende Rolle. Er kommentiert das Geschehen nicht aus höherer Warte wie ein antiker Chor im Drama, sondern nimmt als „Volk“ aktiv am Geschehen teil. Die Homogenität zwischen Frauen-, Männer- und Kinderstimmen ist verblüffend. An dieser Stelle soll noch auf die Besonderheit der beiden Königskinder Aspasia und Eumelo (in der Premiere gesungen von den Kindern Lea Heinzel und Johann Lieberwirth) hingewiesen werden, welche in italienischer Sprache sauber intoniert einige Passagen darboten, grandios vom Opernfachmann Gluck eingebaut.

Sängerinnen und Sänger
An erster Stelle ist hier  die Sängerin der Alkestis, Chiara Angella, zu nennen. Gluck hat hier nicht nur musikalisch eine „Heldin der Antike“, sondern einen Menschen aus Fleisch und Blut entworfen, der erst allmählich das von den Göttern heraufbeschworene Dilemma begreift und dann entsprechend handelt: Die Götter fordern ein Menschenopfer, um den König Admetos, der dem Tode nahe ist, zu retten.


Alkestis beschließt aus Liebe zu ihrem Mann, dieses Opfer zu bringen, da sie die einzige ist, die hierzu bereit ist.  Von nun an geht sie nicht nur buchstäblich in das Totenreich, in die Unterwelt, sondern auch psychologisch durch die Hölle: Zwar ständig zum Opfer entschlossen, vergeht sie fast vor Sorge um ihre Kinder, die sie mutterlos zurücklassen müsste. Zudem sieht sie sich den Vorwürfen und der Wut ihres Mannes ausgesetzt, als sie sich ihm offenbart und er erkennen muss, dass er ihrem Todeswillen seine Genesung verdankt.  Die Musik drückt Alkestis` Angst, Sorge, Zweifel und Liebe aus. Mal ist sie fast schon gestorben und von den Kräften verlassen, dann erstarkt sie wieder. Ihr Abschied ist musikalisch lang und ergreifend ausgemalt. Das ging unter die Haut und erforderte großen Einsatz der Sängerin, die über einen ausgeglichenen Mezzo verfügt. Im Sinne Glucks, der neben Expressivität in den Arien auch leise Töne forderte und dem Schreien abhold war, gestaltete sie ihre Rolle. Angella war fast ununterbrochen präsent, sie repräsentierte einen herben, fast burschikosen Frauentyp mit ausladenden Gesten und zeitweilig raumgreifenden Schritten, vermochte aber auch als liebende, zärtliche Mutter und besorgte Gattin zu überzeugen. Einige Einsätze klangen kernig, gegen Ende erschien sie mir erschöpft, kein Wunder bei dem Einsatz. Angella erhielt den verdienten heftigen Premieren-Applaus.

Leidenschaftlichen Einsatz zeigte Yves Saelens als König Admetos. Ihm gönnt Gluck private Gefühlsausbrüche, die ihn weniger als um sein Volk besorgten Herrscher, sondern überwiegend als Privatmann zeigen, der seine Frau über alles liebt, der über ihren Entschluss, ohne ihn zu Rate zu ziehen, sich dem Tode zu weihen, bestürzt und wütend ist. Das war sängerisch und darstellerisch packend. Kaum zu glauben, dass Gluck für seine ursprüngliche Wiener Fassung seiner Oper fast nur Buffo-Sänger zur Verfügung standen, (die aber gleichwohl vermutlich sehr gute Darsteller-Sänger waren).

Weiterhin sang Viktorija Kaminskaite die Ismene, Vertraute und Begleiterin der Königin Alkestis. Ihre klare schöne Stimme ließ keine Wünsche offen, man möchte sie öfter hören. Sie folgt ihrer Königin auf dem langen Weg in den Hades und ist nur nach wiederholter, fast grober Aufforderung, sich zu entfernen, in der Lage, die Königin allein zu lassen.

Auch die übrigen Rollen waren mit jungen Stimmen adäquat besetzt, sehr erfreulich, Norman Reinhardt als Evandros zu erleben, Ryan McKinny als Herkules mit großem Körper- und Keulen-Einsatz. Etwas eigenartig  maniriert (gewollt?) klang der Einsatz des göttlichen Apollo (Tomas Möwes), ein wahrer „deus ex machina“, der die durch Herkules verfügte Rettung beider Gatten absegnet.

Eine Sonderrolle spielten Damen des Leipziger Balletts als Geister der Unterwelt. Regiekonform traten sie als eine Art „Fernsehballett“ auf, aber die suggestiven, lasziven Bewegungen, mit denen sie lockten, waren als Signal der Todesgefahr nicht zu verkennen.

Inszenierung
Wie schon erwähnt, zerfällt die Inszenierung in zwei deutlich voneinander zu unterscheidende Teile: Im ersten und im zweiten Akt befinden wir uns im antiken Griechenland, in einer mythischen Vorzeit, in der ein Hirtenvolk mit dem baldigen Ableben seines Herrschers rechnen muss und die üblichen Tieropfer nicht mehr helfen. In Leipzig ist ein schönes Lamm auf der Bühne zu sehen, über ihm schwingt ein Priester bereits das Messer, gelegentlich erklingt ein leises „Bäh“ in die klagenden oratorienähnlichen Chorgesänge hinein und ruft beim Publikum verhaltene Heiterkeit hervor.

Im zweiten Akt macht sich Alkestis auf den langen Weg ins Totenreich. Sie wandert auf der sich drehenden Bühne durch eine felsige karge Landschaft.  Der Hintergrund zeigt einen Morgenhimmel mit ziehenden Wolken, die sich immer mehr auftürmen und verdunkeln; der Tag geht in den Abend über. Das Zwiegespräch der im Totenreich schließlich nach langer Wanderung angelangten Königin Alkestis mit den schemenhaften Gestalten der Unterwelt gehört zu den Höhepunkten der Inszenierung und der Oper: Die Bühne ist jetzt in Ober- und Unterbühne aufgeteilt. Oben ein Felsen, auf dem die Königin kauert, der schließlich durch Nebel fast völlig verhüllt wird, unten sich windende schemenhafte Gestalten. Die Königin beugt sich zu den Totengöttern hinab, bietet sich als Opfer an und steigt schließlich zu ihnen hinab, vorübergehend nur, denn dann verlässt sie das Totenreich wieder, um Abschied von ihrer Familie zu nehmen.

Ganz anders der dritte Akt, der in einem Fernsehstudio spielt. Da in den ersten beiden Akten Trauer und Schmerz vorherrschen, und in dieser Hinsicht eigentlich keine Steigerung mehr möglich ist,  wird die im dritten Akt erfolgende Ent-Mythologisierung vom Publikum überwiegend dankbar angenommen. Es setzt sich nunmehr bereitwillig mit einem ironisierenden modernen „Satyrspiel“ (Konwitschny) auseinander. Das Libretto verheißt zwar eine Steigerung des Grauens; das Totenreich mit dem Fluss Lethe und dem Fährmann Charon wird als noch bedrohlicher und einsamer geschildert. In Konwitschnys Inszenierung wird eine Steigerung jedoch auf andere Weise erzielt: Zunächst wird das Thema "Opfertod" behutsam wieder aufgegriffen, schließlich jedoch ins Absurde übersteigert. Das "Volk" von Thessalien, die Menschen der Antike, betreten nämlich zaghaft die Bühne und verwandeln sich dann vor aller Augen in das "Fernsehvolk", in Statisten eines TV-Senders, die ihren Text auf Schautafeln geliefert bekommen, die dann nur noch abgelesen werden müssen. Lustvoll sind sie in einer banalen Gegenwart angekommen. Auch Alkestes und Admetos erscheinen und setzen ihren Streit fort.


Herkules von "HercoolTV", Moderator mit nacktem Oberkörper, über den er ein Raubtierfell geschlungen hat, schwingt eine riesige Keule, die auch als funktionierendes Mikrofon dient, welches er einzelnen Sängern vor den Mund hält. "Griechen" treten in adretten Karnevalskostümen auf, Alkestis, verstört und unsicher wirkend, wird in ein weißes Abendkleid und Stöckelschuhe gezwungen, Admetos wird ebenfalls als Mann der Neuzeit "verkleidet". Von königlichem Rang bleibt beiden nichts. Beide wetteifern darum, den Kahn des Todes besteigen zu dürfen, bis Herkules eingreift und alles sich zum Guten wendet.

Beim Publikum kam die Inszenierung gut an, langer, anhaltender Beifall. Und manch heutigem Opernbesucher geht es vielleicht wie den Musikfreunden vor mehr als zweihundert Jahren: Nach all der Trauer möchte man etwas Beruhigung und Aufheiterung. Herkules Rettungstat und Apollos Eingreifen setzten sicher auch in historischen Aufführungen einen entspannenden Schluss-Strich. Wenn es früher kein Opern-Satyrspiel wie in der Pariser Fassung der Alceste gab, fügte man einem musikalischen Drama als Anhang gerne noch ein oder zwei mehr oder weniger gekünstelte Ballette bei, wie historische Theater-Ankündigungen belegen.

Astrid und Reiner Fricke

Besuchte Aufführung: Premiere am 17. April 2010
Weitere Vorstellungen: 29. April; 6./14./28. Mai; 18. Juni

7. Februar 2010

"Alkestis" (Alceste) Premiere in Leipzig am 17. April, 2010

Die Oper Leipzig informiert:

Christoph Willibald Gluck
Alkestis (Alceste)
Tragische Oper in drei Akten | Text von Raniero de Calzabigi und Le Blanc du Roullet | In italienischer Sprache. Mit deutschen Übertiteln

Premiere am Samstag, 17. April, 19 Uhr, Opernhaus

Höhere Mächte haben entschieden – nur der Tod eines anderen Menschen kann König Admetos vor dem drohenden Lebensende bewahren. Als einzige willigt seine Frau Alkestis ein, sich für ihren geliebten Mann zu opfern. Denn ohne ein männliches Staatsoberhaupt sind das Land und auch ihre Kinder schutzlos dem Chaos ausgeliefert. Ihre Opferbereitschaft führt allerdings zu einem ausgedehnten Ehestreit: Vom Tode gekennzeichnet, muss sich Alkestis auch noch die Klagen und Vorwürfe ihres Mannes gefallen lassen, der sie nicht loslassen will. Da erscheint Herkules als strahlender Held. Bringt er Alkestis und Admetos die Rettung oder ist ihre Zeit doch abgelaufen?

Christoph Willibald Gluck zeichnet in seiner 1767 für Wien in italienischer Sprache entstandenen und 1776 für Paris in französischer Sprache bearbeiteten Oper „Alkestis“ das ergreifende Porträt einer Frau und Mutter, die durch ihr Opfer hofft, das Schicksal ihres Mannes und ihres Volkes retten zu können. Vom anfänglichen energischen Todesmut bis zum Annehmenkönnen des Todes und der dadurch bedingten Auseinandersetzung mit ihrem Mann reift Alkestis zu einer hochsensiblen Persönlichkeit. Den Göttern, die sie aber in die grausame Situation erst gebracht haben, darf Alkestis am Ende noch danken.

Peter Konwitschny inszeniert Glucks „Alkestis“ an der Oper Leipzig als erste Oper seines geplanten Gluck-Zyklus, der sich neben der „Alkestis“ aus „Iphigenie in Aulis“, „Iphigenie auf Tauris“ und „Armida“ zusammensetzen wird und bis 2013 komplettiert wird. Am Pult des Gewandhausorchesters Leipzig steht der ehemalige GMD der Oper Frankfurt, Paolo Carignani.


INSZENIERUNG:
Musikalische Leitung Paolo Carignani | Inszenierung Peter Konwitschny | Bühne Jörg Koßdorff | Kostüme Michaela Mayer-Michnay | Choreinstudierung Sören Eckhoff | Einstudierung Kinderchor Sophie Bauer | Choreographie Mirko Mahr | Video fettFilm (Momme Hinrichs und Torge Møller)

Eine zehntausend Jahre alte Frau als Studiogast? Moderator René Kindermann zeigt der verstörten, sich im Jenseits wähnenden Alkestis (Chiara Angella) sein BRISANT-Studio und nimmt dabei die Rolle ein, die in Glucks Pariser Version dem Herkules zukommt.

BESETZUNG:
Alkestis Chiara Angella | Admetos Yves Saelens | Evandros Norman Reinhardt | Herkules Ryan McKinny | Oberpriester Apollos Jürgen Kurth | Ismene Viktorija Kaminskaite | Eumelo, Aspasio Mitglieder des Kinderchores | Chor und Kinderchor der Oper Leipzig | Leipziger Ballett | Gewandhausorchester

TERMINE:
Premiere am Samstag, 17. April, 19 Uhr, Opernhaus
Weitere Vorstellungen: 29. April, 19 Uhr I 6. Mai, 19 Uhr I 14. Mai, 19 Uhr I 28. Mai, 19 Uhr I 18. Juni, 19 Uhr I weitere Termine im November und Dezember 2010

Informationen und Karten:
Oper Leipzig I Augustusplatz 12 I 04109 Leipzig I Tel: +(49) 341 / 1261-261 I Fax: +(49) 341 / 1261-300
www.oper-leipzig.de I service@oper-leipzig.de

6. November 2008

Neu auf CD und DVD (Teil 1)


CD Joyce DiDonato
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Händel-Arien aus Xerxes, Teseo, Giulio Cesare, Admeto, Hercules, Imeneo, Ariodante und Amadigi
Ausführliches Video zur CD „Furore“ bei
http://www.youtube.com/watch?v=T_KAnTzIRNE
CD Robert Crowe
Growe-CD

Der Amerikaner Robert Crowe gehört zu den ganz wenigen "Male Sopranos", die an die Aufführungspraxis des Barock anknüpfen, als es Frauen gänzlich untersagt war, in Kirchenräumen singend ihre Stimme zu erheben…..

http://www.br-online.de/bayern4klassik/cd-tipps/klassik-cd-carissimi-motetten-robert-crowe-ID1208268327709.xml
s. auch http://www.robertcrowe.com/

Gluck - Orphée et Euridice - Radio Canada 1961
Gluck - Orphée et Euridice - Radio Canada 1961
Mayr - David in spelunca Engaddi
Mayr - David in spelunca Engaddi
Pacini - Alessandro nell'Indie
Pacini - Alessandro nell'Indie
Florez CD
Arien & Duette von Bellini, Donizetti, Rossini
Juan Diego Florez, Anna Netrebko, Mariusz Kwiecien, Patricia Ciofi
Comunitat Valenciana Orchestra, Daniel Oren


kermes

Der Mozart-Zeitgenosse Joseph Martin Kraus wird längst nicht mehr als »Kleinmeister« gehandelt. Dass seine faszinierenden Solodramen en miniature aber bislang kaum beachtet wurden, dürfte seinen Grund in den halsbrecherischen Schwierigkeiten haben, mit denen Kraus diese Werke nur so gespickt hat. Er komponierte sie nämlich in seiner Eigenschaft als schwedischer Hofkomponist für die dortige Primadonna Fru Augusti, deren Stärke atemberaubende Koloraturen in Schwindel erregender Höhe waren. Simone Kermes steht ihrer berühmten Vorgängerin dabei in nichts nach. Ihre Virtuosität und Musikalität machen aus diesen vergessenen Kantaten musikalische Juwelen. (Textübernahme von jpc)

Turco Pesaro

CD: Rossini "Il turco in Italia"
(Pesaro 2007)

tell




italiana

DVD: Rossini
"L'italiana in Algeri"
(Aix-en-Provence 2006)

opera fanatic


DVD: OPERA FANATIC - A film by Jan Schmidt-Garre Featuring: Anita Cerquetti, Iris Adami Corradetti, Leyla Gencer, Fedora Barbieri, Marcella Pobbe, Giulietta Simionato, Magda Olivero, Carla Gavazzi, Gina Cigna, Gigliola Frazzoni, - Stefan Zucker

"We are living in an era of Barbie doll opera singers who look good and move well but lack expressiveness. What we need are singers with hair under their arms." (Stefan Zucker)


Bianca e Fernando

CD: Bellini "Bianca e Fernando"
Live-Mitschnitt vom Bellini-Festival
Catania 1991 - mit Gregory Kunde



inganno

CD: Rossini "L'inganno felice"
(Bad Wildbad 1. Juli 2005)




donna

CD: Rossini "La donna del lago"
(Bad Wildbad, November 2006)


gazza

DVD: Rossini "La gazza ladra"
(Pesaro 2007)




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"La Cenerentola" von den
Salzburger Festspielen 1988

Nicht neu, aber eine schöne Erinnerung an die
"Cenerentola" in Bremen in der Inszenierung von Michael Hampe





camb Cambiale CD

DVD / CD: Rossini
"La cambiale di matrimonio"
(
Pesaro 2006)

cencic_rossini

CD: Max Emanuel Cencic singt Rossini-Arien
Mehr zur CD im Forum Opéra

Angriff der Unkastrierten
Von Kai Luehrs-Kaiser
Die Stimme des Countertenors Max Emanuel Cencic wird selbst von Stimmkennern für die einer Frau gehalten. Auf seinem neuen Solo-Album mit Rossini-Arien versucht er, Männerrollen zurückzuerobern, die sonst wirklich mit Damen besetzt werden…
... mehr unter www.spiegel.de/kultur

Hier ein Videolink zu Youtube:
Max Emanuel Cencic singt die Arie des Arsace aus “Semiramide”



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DVD: Rossini, La pietra del paragone (Paris 2007)
mehr in MusicWeb INTERNATIONAL





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Madrid 2007:
Dirigiert von Alberto Zedda -
Inszenierung von Pizzi aus Pesaro

Sämtliche CD/DVD-Tipps sind unter der Rubrik CD/DVD zu finden

Ein umfassendes Angebot an Opern auf CD und DVD - auch mit Hörproben - gibt es bei http://www.jpc.de/

5. November 2008

Nicht nur Primadonnen-Theater - Aspekte einer Opernreise nach Wien

Warum reist der Opernliebhaber nach Wien? Ein Grund ist natürlich die Wiener Staatsoper, um dort internationale Stars einmal live zu erleben, die man am heimatlichen Opernhaus nicht zu hören bekommt und nur aus Funk und Fernsehen kennt.

So erlebten wir in der Staatsoper zwei Primadonnen, die sich „standesgemäß“ selbst inszenierten, - zum einen Renée Fleming rollenangemessen kapriziös als Capriccio-Gräfin, zum anderen völlig rollenunangemessen mit gekünsteltem Gehabe Angela Gheorghiu als tief dekolletiertes Gretchen mit Ehemann Roberto Alagna als Faust in einer Nicht-Inszenierung (rudimentär wegen Todes des Bühnenbildners und Erkrankung des Regisseurs). Frau Gheorghiu musste natürlich auch beweisen, dass sie bestimmt, wieviel sie zu singen hat, und leider hat sich die Intendanz dem gebeugt. Da legt Bertrand de Billy im Programmheft in seinem Beitrag "Kürzer ist meist nicht besser" u.a. ausführlich dar, warum es eine schlimme Tradition sei, die erste Szene des 4. Aktes - Gretchen am Spinnrad - zu eliminieren, und im Anschluss an den Beitrag ist dann eine Anmerkung abgedruckt: "Die Neuproduktion von Gounods Faust an der Wiener Staatsoper wurde in der vollständigen Form geprobt und einstudiert. Auf Wunsch der Sängerin der Marguerite wird in der Premierenserie das 1. Bild des IV. Aktes jedoch nicht gespielt werden. In den späteren Vorstellung wird dies wieder stattfinden. Die Direktion". Wer diese Premierensängerin ist, ist aufgrund der Besetzungsangaben bei den Fotos im Programmheft auch künftig nachlesbar, - schön, dass sich die Direktion nicht mit einem Einlagezettel begnügt hat!

Eine ungekürzte Fassung und intensives Musiktheater mit Singschauspielern im Totaleinsatz gab es dagegen bei der Aufführung der „Pique Dame“ von Tschaikowsky in einer Inszenierung von Vera Nemirova und unter der spannungsvollen musikalischen Leitung von Seji Ozawa. Insbesondere die Szene zwischen Hermann (Neil Shicoff) und Gräfin (Anja Silja) ging unter die Haut, ein Meisterstück sowohl der Personenregie als auch der Darstellungskunst.

Aber es gibt – und das war für mich persönlich der wichtigere Teil der Reise – in Wien noch ein weiteres bedeutendes Opernhaus: Das Theater an der Wien, - mit einem Spielplan und Besetzungen, die das Herz höher schlagen lassen. Während unseres Aufenthalts liefen die „Barocken Festtage“ mit so ziemlich allem, was in diesem Musik-Genre Rang und Namen hat. Wir konnten leider nur zwei Vorstellungen besuchen, das Konzert von Max Emanuel Cencic und eine Aufführung von Glucks „Orfeo ed Euridice“.

Das Konzert von Max Emanuel Cencic stand unter dem Motto „Farinelli & Friends“ mit Arien von Riccardo Broschi, Nicola Antonio Porpora, Niccolò Jommelli und Georg Friedrich Händel und Zugaben von Händel und Giuseppe Selitto. Eigentlich mag ich solche „Potpourri“-Veranstaltungen mit aus dem Zusammenhang gerissenen Arien nicht besonders, - es gelingt dabei zu selten, einen Spannungsbogen aufzubauen, der die ständigen Unterbrechungen durch Applaus und Abgänge übersteht, und ohne inspirierte Begleitung des Solisten geht es schon gar nicht. Die konnte das eher akademisch korrekt spielende Instrumentalensemble „I virtuosi delle muse“ unter Stefano Molardi leider nicht bieten, so dass die zwischen den Arien-Gruppen gespielten Ouvertüren und ein Concerto grosso von Vivaldi denn auch nicht viel Freude bereiteten. Äußerst schade für Cencic, der stilsicher und schönstimmig sang, bei elegischen Stücken große Bögen spann und Koloraturkaskaden gekonnt ins Publikum schleuderte. Ich kann nur hoffen, bald Gelegenheit zu haben, ihn in einer Bühnenproduktion zu erleben.

Die zweite Zugabe – eine Arie von Giuseppe Selitto - hier als Video von YouTube:



Das große Ereignis wurde „Orfeo ed Euridice“. Es wurde die Wiener Fassung gespielt, bei deren Uraufführung 1762 der Orfeo von einem Altkastraten gesungen wurde. Die Fassung für Parma 1769 hat Gluck dann für einen Soprankastraten umgeschrieben und für Paris, wo Kastraten verpönt waren, 1774 eine teilweise neue Fassung des Werks erstellt und die Partie des Orphée für einen Haute-Contre – einen hohen französischen Tenor – umgearbeitet und um eine neue Bravour-Ariette am Ende des ersten Aktes erweitert. In der Folgezeit war dann bekanntlich die Rolle des Orfeo der italienischen Fassung eine Domäne der Altistinnen bzw. Mezzosoprane, in Deutschland entwickelte sich aber auch eine gewisse Tradition, die Rolle des Orfeo eine Oktave tiefer von einem Bariton singen zu lassen, um die Partie mit einem Mann besetzen zu können; auf die Gesamtaufnahme mit Fischer-Dieskau sei verwiesen, in Hamburg habe ich noch 1980 Tom Krause als Orfeo gehört. Da der Orfeo – anders als später dann eine Reihe männlicher Partien in Rossinis opere serie - keine genuine Hosenrolle für eine Altistin ist, ist die heute mögliche Besetzung mit einem Countertenor m. E. die rollendeckendste Alternative, was die Wiener Aufführung voll bestätigt hat.

Im Theater an der Wien verkörperte Bejun Mehta mit seinem durchaus männlich klingenden Alt und seiner großen Bühnenpräsenz einen herausragenden Orfeo. Trauer und Freude vermochte er ungekünstelt zu vermitteln, maßvoll eingestreute Verzierungen wirkten nicht als aufgesetzte Mätzchen. Stimmlich harmonierte er hervorragend mit dem warmen Sopran von Miah Persson als Euridice und dem zwitschernden Amor von Sunhae Im. Zusammen mit dem Arnold Schoenberg Chor und dem Freiburger Barockorchester unter der musikalischen Leitung von René Jacobs gelang eine lebendige und packende Darbietung, die deutlich machte, was Gluck mit dieser Reformoper vermitteln wollte: Musik für die Seele!


Hier nun – YouTube sei wieder Dank - Bejun Mehta im Theater an der Wien mit „Che farò senza Euridice“:





Aber nicht nur die musikalische Ausführung begeisterte, sondern auch die Inszenierung von Stephen Lawless im Bühnenbild von Benoit Dugardyn, von der dieser Probenmitschnitt einen kleinen Eindruck geben kann. Auf der Bühne steht als Halbrund eine Nachbildung des Musikvereinssaales , durch dessen Türen blauer Himmel zu sehen ist. Es ist der Tag der Hochzeit von Orfeo und Euridice, die Gäste erscheinen, und dann kommt die Nachricht vom Tod Euridices, die im Hochzeitskleid hereingetragen und im Klavier bestattet wird. Das Elysium ist ein Blumenhain, ein Haufen aufgeschichteter Instrumentenkoffer stellt den Hades dar. Nachdem Amor für das Happy-End gesorgt hat, wird die Hochzeitsfeier fortgesetzt, - vielleicht war ja alles auch nur ein Albtraum Orfeos? Solisten und Chor sind in einer durchchoreographierten Personenregie (Bewegungsregie: Lynne Hockney) fast ständig in Bewegung, punktgenau zur Musik und oft auch tänzelnd.

Es war ein bewegender und beglückender Abend.

(Besuchte Vorstellungen vom 12. bis 16. Oktober 2008)