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24. April 2010

Für Braunschweiger Theaterfreunde

Liebe Freunde des Staatstheaters Braunschweig!

Sie kennen noch die "rote Treppe", die anlässlich der Theaterformen im Jahre 2002 in den damaligen "Weißen Saal" des Theaters führte:

Hier ein Foto und darunter ein vertonter Diafilm


Hier der Diafilm mit Tenor
(es singt José Medina eine Arie aus Mozarts "Gärtnerin aus Liebe" aufgenommen im Weißen Saal des Staatstheaters anläßlich der Erstpräsentation des Theaterinformationssystems [inƒos] 1995)

(Start mit Klick oder Doppelklick auf den Pfeil.
Zur Vollbilddarstellung auf das Symbol unten rechts klicken)

Sie erinnern sich vielleicht auch an die interaktive Informations-Säule, die jahrelang im Foyer des Staatstheaters Braunschweig mittels kurzer Videoclips über fast alle Produktionen des Staatstheaters informierte.


Dieses sog. [inƒos]-System wurde im Frühjahr 1995 im Braunschweiger Theater aufgestellt und gilt als erstes interaktives multimediales Theaterinformationssystem Deutschlands. Später wurde die Infosäule durch Videoclips im Internet unter dem Namen "Kulturatlas" ersetzt. Auch dieses Projekt ist jetzt im April 2010 beendet worden. Videoclips von Braunschweiger Produktionen, aber auch von vielen anderen Theatern, werden inzwischen von meinen Kollegen auf www.theater-tv.net angeboten.

Für Opernfreunde, die insbesondere Belcanto-Opern lieben, habe ich seit 2007 diesen Belcanto-Blog eingerichtet. Auch über Braunschweiger Produktionen wurde berichtet. Klicken Sie auf die Rubrik "Braunschweig" und Sie werden ca. 15 Beiträge finden, angefangen von "La Cenerentola" über "Fedra",  "Der Alchymist" "Salvator Rosa" bis zur "Lucia di Lammermoor".

In diesem Blog kann jedermann schreiben oder kommentieren. Auch über Ihre Beiträge würde ich mich sehr freuen.

Ihr Reiner Fricke 
E-Mail: rf@belcantoblog.de

19. April 2010

Glänzend gesungene "Lucia di Lammermoor" im Staatstheater Braunschweig


Dunkelheit, Dauerregen, angedeuteter Wald und ein steriler, kalter Raum als Guckkastenbühne – das sind die zentralen Elemente, in denen Regisseur Florian Lutz seine Neuinszenierung von Donizettis Lucia di Lammermoor am Staatstheater Braunschweig spielen lässt. Die funktionale Drehbühne des Hauses leistet da einmal mehr ihre guten Dienste. Bühnenbildner Martin Kukulies schafft darauf Räume, die das Dunkle und Mystische, aber auch Eisig-Emotionale in Donizettis von Schauerromantik durchtränkter Oper gut einfangen. Daneben wirken die Kostüme von Andrea Kannappee recht unauffällig – allein das knappe rote Strickkleidchen für Lucia, das schon von Beginn an das blutige Ende vorausahnen lässt, hat hier symbolträchtige Aussagekraft.

Florian Lutz konzentriert sich weniger darauf, eine stringente Geschichte zu erzählen, er nimmt mehr die seelischen Verstrickungen der Figuren in den Blick, findet dabei mal mehr – in den Szenen zwischen Lucia und Edgardo, in der Begegnung Edgardos und Enricos zu Beginn des dritten Aktes –, mal weniger – vor allem in den Szenen, in denen der Chor beteiligt ist – zu überzeugenden Bildern. Insbesondere der Chor erfüllt in diesem Stück kaum mehr als die Funktion klingender Staffage, da darf ein Regisseur durchaus auch einmal Mut zur Vernachlässigung haben. So liegen die Stärken der Inszenierung vor allem im Ausloten der Dreiecksbeziehung zwischen Lucia, Edgardo und Enrico, die zwar nicht den ganzen Abend trägt, wohl aber zu den wesentlichen dramaturgischen Gerüsten zählt. 

Dass Donizettis subtile Seelengemälde der Figuren so plastisch erfahrbar wurden, lag vor allem am vorzüglichen Ensemble. 

Liana Aleksanyan Foto: Staatstheater Braunschweig

Die junge armenische Sopranistin Liana Aleksanyan erschließt sich mit der Lucia eine weitere Glanzpartie. Glaubhaft verkörpert sie das junge Mädchen, das in kaum einem Moment die Möglichkeit hat, das zu tun, was sie will – und wenn, führt es zum Mord an ihrem vom Bruder aufgezwungenen Bräutigam Arturo und schließlich in den Wahnsinn. Von einigen scharfen Spitzentönen abgesehen singt Aleksanyan die anspruchsvolle Partie, vor allem die vertrackten Koloratur-Passagen, mit einer Souveränität, die ihresgleichen sucht. Nicht minder eindrucksvoll geriet der Edgardo Andrej Dunaevs. Der russische Tenor verfügt über eine große, hell timbrierte und ganz lyrisch grundierte Stimme, die durchaus über herbe Farben verfügt, die aber gerade in dieser Partie noch mehr zur Charakterisierung der Figur beitragen. Mühelos bewältigt er die vertrackten Höhen in seiner Schlussszene am Grab, in den Duetten mit Liana Aleksanyan mischen sich die Stimmen perfekt.

Malte Roesner und Athur Shen, der den Edgardo in der Premiere am 27. März 2010 gesungen hatte. Foto: Staatstheater Braunschweig

Malte Roesner als Lucias Bruder Enrico schont sich stimmlich in keinem Moment, kommt dabei zu einer insgesamt packenden Darstellung, da schlummert ein großes Potential in dem ebenfalls noch recht jungen Sänger, der nur an wenigen Stellen hörbar machte, dass er freilich noch etwas Zeit braucht, um ganz in dieses Repertoire hineinzuwachsen. Gewohnt souverän gab der koreanische Bass Dae-Bum Lee den Raimondo, in den kleineren Partien gab es mit Tobias Haaks als Arturo, Kenneth Bannon als Normanno und Sarah Ferede als Alisa ebenfalls wenig zu wünschen.

Von kleinen Konzentrationsschwächen abgesehen, führte Kapellmeister Sebastian Beckedorf das Staatsorchester Braunschweig sicher und klangschön durch die Partitur und konnte vor allem die Momente, in denen Donizetti dem Orchester hier mehr gönnte als allzu konventionelle Begleitung immer wieder starke Akzente setzen. Besonders im Verlauf der dritten Aktes gelang Beckedorf mit seinen Musikern ein spannungsgeladener Bogen über den dramatischen Verlauf der Handlung.

Das Publikum im gut besuchten Staatstheater feierte vor allem Liana Aleksanyan und Andrej Dunaev mit begeistertem Applaus und zeigte sich insgesamt mit der sängerisch und musikalisch sehr gelungenen Vorstellung beglückt und zufrieden.

Christian Schütte
Besuchte Vorstellung: 17. April 2010
Weitere Vorstellungen: 29. April; 5./16./23./30. Mai 2010

18. März 2010

"Salvator Rosa" Deutsche Erstaufführung in Braunschweig


Bildschirmfoto und Video: www.theater-tv.com 

Salvator Rosa  - eine nahezu unbekannte Oper von Antônio Carlos Gomes
Mit Antônio Carlos Gomes (1836 - 1896) setzte sich zur Zeit Verdis ein brasilianischer Opernkomponist auch international durch. "Salvator Rosa" war neben "Il Guarany", uraufgeführt an der Mailänder Scala, als einzige seiner Opern erfolgreich. 1874 erlebte diese "Revolutionsoper" ihre Uraufführung am Genueser Teatro Carlo Felice. Erst spät wurde diese Oper auch in Deutschland entdeckt, und sie feierte eine viel beachtete und auch im Rundfunk übertragene Erstaufführung am Staatstheater Braunschweig (Premiere am 20. Januar 2010).
Inhaltlich geht es in der Oper einmal um den Aufstand der neapolitanischen Fischer unter der Leitung ihres Anführers Masaniello im Jahre 1647. Dieser war Rädelsführer einer Revolte gegen die spanische Herrschaft Neapels. An die Macht gekommen wurde Masaniello wahnsinnig. Er übte eine Schreckensherrschaft aus und fiel schließlich einem Mordkomplott zum Opfer. In der Oper ist er mit dem Maler Salvator Rosa (1615-1673) befreundet. Rosa pendelt zwischen den Revolutionären und dem spanischen Machthaber, dem Duca d`Arcos, hin und her, da er die Tochter des Duca, Isabella liebt. Isabella opfert sich später und erdolcht sich, um den Geliebten vor der Verurteilung zum Tode zu retten. In der Oper werden somit beider Schicksale, die des Malers und die des Aufständischen aus dem Volke, verknüpft, ohne dass dies historisch belegt wäre. 


Das Orchester spielte unter der Leitung Georg Menskes schwungvoll und konzentriert. Der Musik wohnt eine gewisse Herbheit inne, es gibt einen "veristischen Zug" (Menskes im Programmheft), und "Lokalkolorit" durch Tarantella, Kanonenschüsse und den stilgerechten  Einsatz einer Orgel in der Klosterszene. Man könnte die Musik als "typischen Verdi", als "echte italienische Musik des 19. Jahrhunderts" beschreiben (Menskes). Besonders im zweiten Akt gewinnt die Oper deutlich an Fahrt, es wird immer mitreißender und dramatischer. Gomes setzt gekonnt Effekte ein zum Beispiel durch ein herrliches Duett zwischen dem Bariton Malte Roesner als Masaniello und dem Tenor Ray M. Wade Jr. als Salvator Rosa. Auch der Chor, der mal die Hofgesellschaft des Herzogs, mal das aufrührerische Volk von Neapel darstellt, trumpft machtvoll auf. 
Roesner, 1979 in New York geboren und seit 2006 in Braunschweig Ensemblemitglied, lieferte ein glänzendes Rollenportrait als Masaniello und gefiel mir wiederum mit seiner schönen beweglichen Stimme, die auch fahle raue Töne der Zerrissenheit und Verzweiflung zu produzieren weiß. Die Stimme als "kernig" zu bezeichnen und ihn zu behaupten, Roesner "sei dramatisch doch noch über seine Grenzen gegangen" (Andreas Berger am 22.1.2010 in der Braunschweiger Zeitung) empfinde ich als überzogen. 
Wades samtiger makelloser Tenor als Rosa ist berückend, nicht oft ist ein so großartiger und beseelt singender lyrischer Tenor zu hören. Die Rolle der Isabella wurde von der jungen slowakischen Sopranistin Maria Porubcinova ebenfalls glänzend verkörpert. Hier stimmte einfach alles: Die herrliche kraftvolle Stimme, der dramatische Ausdruck, aber auch Zartheit und Trauer in Passagen der Liebessehnsucht oder Entsagung. Auch bei der zweiten von mir am 28.2.2010 besuchten Aufführung konnte ich mich von der Ausstrahlung und eindrucksvollen Gestaltungssicherheit der Sängerin überzeugen. 


Der 1975 in Korea geborene Dae Bum Lee verlieh dem hinterhältigen tyrannischen Herzog mit strahlendem Bass die Macht, diejenigen zu töten oder zu entmachten, die ihm im Wege standen oder ihn stürzen wollten. Außerdem ist die 1981 geborene Simone Lichtenstein als "neapolitanischer Junge" und Gehilfe des Malers Gennariello zu erwähnen. Gennariello versucht alles, um seinen Meister aus Todesgefahr zu erretten. Die Sängerin ist in Braunschweig neben Malte Roesner und Dae-Bum Lee Ensemblemitglied und trotz ihrer Jugend eine technisch versierte Koloratursopranistin. Auch darstellerisch wusste sie in dieser anspruchsvollen Rolle zu überzeugen. Auch die weiteren Rollen sind mit Ensemblemitgliedern vorzüglich besetzt: Tobias Haaks als Fernandez, Kenneth Bannon als Il Conte di Badajoz.
Das Geschehen spielte sich auf einer sperrig und sparsam mit Malutensilien, Gerüsten und Leitern ausgestatteten Drehbühne ab, auf der sich die Haupt-Akteure und der Chor bewegten. Eine "Hauptrolle" spielten Abbildungen verschiedener Gemälde des 19. Jahrhunderts, welche revolutionäre Szenen darstellen wie "der Tod des Marat" von David oder "Die Freiheit führt das Volk" von Delacroix. Ein auf den Duca gemünztes Bild des spanischen Diktators Franko und die Rockerkluft des Masaniello führen dagegen ins 20. Jahrhundert bis zur Gegenwart (Inszenierung Uwe Schwarz). 
Anzumerken ist, dass auch auswärtige Besucher von dieser besonderen Produktion des Staatstheaters Braunschweig sehr beeindruckt waren. Wer eine mitreißende und sehr gelungene Oper eines brasilianischen Komponisten im Stile Verdis erleben will, sollte Braunschweig einen Besuch abstatten.

Weitere Aufführungen am 4. April 18:00 Uhr und 9. April 19:30 Uhr

Astrid Fricke

1. Juni 2009

Orlando paladino - Ernst-komische Oper von Joseph Haydn

Bericht zur Premiere des Staatstheaters Braunschweig am 29. Mai 2009
Orlando-Paladino
v.l. Malte Roesner, Rebecca Nelsen, Henryk Böhm, Kenneth Bannon, Thomas Blondelle, Simone Lichtenstein, Tobias Haaks.
Fotos: Programmheft Staatstheater Braunschweig

Haydn schuf diese kleine Oper im neuen Gewand des „dramma eroicomico“ für seinen Fürsten Nikolaus Esterházy auf der Höhe seiner Meisterschaft als Fünfzigjähriger 1782. Wie seine anderen komischen Opern war sie zur Aufführung in Esterháza am Hofe des Fürsten bestimmt. Vorzügliche Berufsmusiker und renommierte italienische Sänger standen ihm zur Verfügung. Auf einer großen Bühne wie in Prag wollte Haydn selbst seine Opern nicht aufgeführt wissen.
Da trifft es sich gut, dass die Braunschweiger Inszenierung ohne großen technischen Aufwand open-air im Innenhof des barocken Schlosses in Wolfenbüttel aufgeführt wurde. Die Besucher saßen auf stabilen Pappkartons und trotz kalten Wetters bei der Premiere durften sie eine Aufführung der Extraklasse erleben.
Der Inhalt der Oper basiert sehr frei auf dem damals bekannten und beliebten Stoff aus dem Renaissance-Epos „Orlando furioso“ des Ludovico Ariosto (1474-1533). Die Rollen waren mit Haussängern des Braunschweiger Staatstheaters hervorragend besetzt. Es klang, als habe Haydn selbst ihnen die Stücke auf den Leib geschrieben:
Der junge Thomas Blondelle, der schon etliche bekannte Tenorpartien in Braunschweig verkörpert hat, durfte diesmal als Orlando mit warmen, eher in der mittleren bis tiefen Tenorlage angesiedelten Tönen verzaubern. Interessant, dass der „rasende Roland“, der seinen Verstand aus Liebespein verloren hat, als frustriertes gepeinigtes, fast ängstliches Mannsbild dargestellt wurde.
Die Debütantin Simone Lichtenstein setzte als viel umworbene Angelica gekonnt ihren seidigen Sopran ein; hoffentlich werden wir in Zukunft in Braunschweig mehr von ihr hören und sehen.
Orlandos Gegenpart, ebenfalls Tenor, war als Medoro der groß gewachsene, in ein prunkvolles Gewand gehüllte und mit überlanger Lockenperücke ausgestattete Tobias Haaks. Er sang sehr nobel den unentschlossenen Liebhaber.
Rebecca Nelsen – wiederum ein Ereignis! Temperamentvoll gestaltete sie die kokette Sopranrolle der Eurilla, ihr zur Seite ebenso geläufig als Pasquale Malte Roesner, der sich mehr und mehr im Ensemble auszeichnet. Seine berühmte Arie „Ecco spiano – Ecco il mio trillo“, in der er sich mit dem Orchester schulmeisterlich und parodistisch auseinandersetzt, war ein auch in der Begleitung herausragend umgesetzter Höhepunkt der Aufführung.
Orlando-Paladino-2
v.l. Rebecca Nelsen, Simone Lichtenstein, Malte Roesner, Sarah Ferede, Thomas Blondelle, Selcuk Hakan Tirasoglu, Henryk Böhm, Tobias Haaks
Als Rodomonte mit gezwirbeltem Schnurrbart und goldener Rüstung glänzte der in Braunschweig bekannte und beliebte Bariton Henryk Böhm. Kenneth Bannon als Licone bewährte sich augenzwinkernd im Clownsgewand, Caronte als Abgesandter der Unterwelt wurde von Selcuk Hakan Tirasoglu gesungen und gespielt. Passend, dass der Bass, der eine ausdrucksvolle „unverzierte“ Arie zu singen hat, von Kopf bis Fuß in glänzendes Schwarz gehüllt ist. Schließlich die Zauberin Alcina. Sie hält, wie eine frühe „Königin der Nacht“ über dem Geschehen thronend und überlange weiße Finger bewegend, alle Fäden in der Hand und wirkt mal gut und mal böse – bringt schließlich Einsicht und Erlösung. Eine Paraderolle für die wunderbare Sarah Ferede.
Das Libretto von Nunzio Porta wurde in eine deutsche Fassung von Dominik Wilgenbus übertragen. Bewundernswert, wie einige im Schnellgesang dargebotenen Ensemblenummern gelangen; sie sind im originalen Italienisch leichter singbar.
Die musikalische Leitung oblag Sebastian Beckedorf, einem Spezialisten für diese Art Musik. Das Orchester setzte diesen Haydn schwungvoll in Szene. Besonderes Lob gebührt Aniara Amos, verantwortlich sowohl für die Inszenierung als auch die Ausstattung. Geradezu fantastisch vermochte sie den Sänger-Darstellern einen dem Stück angemessenen erhaben-komischen tänzerischen Gestus zu verleihen und gekonnt die Stimmungen der Musik auch in Mimik umzusetzen. Da stimmte jede Regung, jeder Ausdruck. Die Ausstattung war schlicht und somit einer kleinen Bühne, die im Schlosshof aufgebaut worden war, angepasst. Man kam mit einigen drehbaren Stellwänden und wenigen Beleuchtungseffekten aus: Da war eine gemalte pastorale Landschaft auf einer Seite, auf der Rückseite in tiefem Schwarz die dämonische Unterwelt . Zwischen diesen beiden Polen, beherrscht von der Zauberin Alcina, bewegt sich das Stück.
Wer irgend kann, sollte im Jahre des 200. Todestages des Komponisten die noch folgenden Aufführungen dieser einmaligen Inszenierung besuchen. Bei der Premiere hätte ich mir beim Publikum ein wenig mehr Begeisterung gewünscht – aber, wie gesagt, das Wetter war ziemlich kalt.
Weitere Aufführungen am 6./12./18./21. Juni 09
(Autorin: Astrid Fricke)

30. Mai 2009

Spohrs Oper "Der Alchymist" in Braunschweig

Alchymist
Moran Abouloff (links) als Inez und Susanna Pütters als Sklavin Paola. Foto: Jochen Quast; Quelle: BZ vom 26.5.2009
Romantische Themen lieferten immer wieder den Stoff für große Opern, man denke nur an „Hoffmanns Erzählungen“ mit dem Sandmann-Motiv, an Hindemiths „Cardillac“ über einen genialen und besessenen Goldschmied und nun - in einer Inszenierung des Staatstheaters Braunschweig - „Der Alchymist“. Dabei handelt es sich um ein 1830 in Kassel uraufgeführtes Werk von Louis (Ludwig) Spohr (1784 – 1859), dem großen Sohn der Stadt Braunschweig, einer Stadt, in der unter Herzog Karl II in der Zeit bis 1830 eher Rossini-Opern zu hören waren (siehe Achim Lange „Joachim Rossini – Hausgott in Braunschweig"). Eine weitere einaktige „Comische Oper“ zu diesem Motiv, ebenfalls mit dem Titel „Der Alchymist“ von Joseph Schuster wurde 1778 im Kleinen Kurfürstlichen Theater in Dresden uraufgeführt, sie geht auf eine andere Vorlage zurück. Möglicherweise war sie Spohr bekannt.
Das Libretto der Spohr-Oper basiert auf einer Erzählung des amerikanischen Schriftstellers Washington Irving (1783 – 1859), eines Zeitgenossen. Aus Irvings Feder stammt auch die bekannte Figur des „Rip van Winkle“, welche noch 1999 als Vorlage zu einem Horrorfilm mit Jonny Depp diente. Irvings eindrucksvolle literarische Behandlung des Alchemistenthemas in der 1822 erschienenen Erzählung „Der Student von Salamanca“ aus der Sammlung „Bracebridge Hall oder die Charaktere “ kann hier im Internet nachgelesen werden.
Beide Bearbeitungen weisen sowohl Übereinstimmungen (Bühnenbild im ersten Aufzug) als auch Unterschiede auf. Bei Irving nimmt, anders als in der Oper, die Beschreibung des Charakters des Alchemisten den meisten Raum ein. Dem Bühnenwerk sind verständlicherweise weitere Handlungsstränge hinzugefügt. Zigeuner spielen in der Oper wie in der Erzählung eine Rolle, das maurische Element ist jeweils breit ausgeschmückt . Die Liebesgeschichte zwischen Inez, der Tochter des Alchemisten, und Don Alonzo, der in der Erzählung den Namen Antonio de Castros trägt, wird bei Irving nur angedeutet und nicht ausgeführt. Irving schildert das Sehnen des jungen Mannes nach der unerreichbar in Abgeschiedenheit lebenden Alchemistentochter, von einer Erfüllung seiner Liebe zu Inez ist auch am Ende der Erzählung nicht die Rede. Paola, die maurische Sklavin, bei Spohr eine Schlüsselfigur, taucht in der Vorlage nicht auf. Es gibt dort allerdings auch einen Nebenbuhler, einen fremden Cavalier, der erfolglos unter dem Turm, in dem Inez weilt, eine Serenade singt und sich dann entfernt, um, anders als in der Oper, nicht mehr aufzutauchen. Auch bei Irving rettet Antonio dem Alchemisten Don Felix de Vasquez nach einer Explosion, bei der die Bücher und Gerätschaften des Alten verbrennen, das Leben. Danach ist der junge Mann bestrebt, ihm nachzueifern, um das Erbe des Alchemisten fortzuführen. Das ist bei Irving bereits alles.
Neben der Figur des Alchemisten ist also das Liebessehnen des jungen Antonio/ Alonzo das tragende Element in beiden Werken. In der Oper findet es Erfüllung, nicht in der fast zeitgleich verfassten romantischen Vorlage.
Der Alchemist, welcher im Mittelalter nach Elixieren zur Lebensverlängerung suchte, die Verwandlung „unedler“ Metalle in Gold anstrebte und angeblich mit übernatürlichen Kräften, auch dem Teufel selbst, im Bunde stand, ist in vielen Kulturen bekannt und wird bis heute in der Kunst behandelt. Es ist nachvollziehbar, dass dieser Typus besonders in der Romantik wieder auflebte. Die Premiere des „Alchymisten“, dieser sehr selten aufgeführten Spohr-Oper, die in Opernführern eher beiläufig erwähnt wird und als eine der ersten romantischen Opern in Deutschland gilt, fand am 24. 5. 09 am Staatstheater Braunschweig statt (Videofilm siehe www.theater-tv.com).

Weitere Aufführungen wird es am 16., 18., 24. und 28. Juni geben. Radioübertragung auf NDR Kultur am 18. Juni, 20 Uhr.
In der Premiere wurde die Ouvertüre unter der Leitung von Christian Fröhlich zu einem Höhepunkt des Abends. Das Orchester kostete die Klangfarben triumphierend aus. Auf dem Vorhang wechselten Bilder von Landschaften, um die jeweiligen „Stimmungen“ der Partitur zu verdeutlichen.
Das erste Bild zeigt sehr eindringlich, wo die heutigen „Zigeuner“, die gegen Geld zur Unterhaltung der Herrschaften auftreten, zu suchen sind; sie „quollen“ geradezu aus einem Container heraus und zeigten sich als arme Migranten, denen gleich bei ihrer Ankunft die Pässe abgenommen werden.
Die Musik erinnerte stark an die bekannteren romantischen deutschen Opern, wie „Der Freischütz“ von Weber. Sie enthält schöne Soli ebenso wie einige Duette und Ensemblestücke. Der Chor wird stark gefordert und tritt mal im altgriechischen Statuen-Look auf, dann wieder, „Fandango“ tanzend, im spanischen Gewand. Wie bereits erwähnt, gibt es bei Spohr eine maurische Sklavin Paola, welche Ramiro, den Inez-Verehrer und Nebenbuhler des Alonzo, liebt. Sie wird von Susanna Pütters verkörpert, die schon in vielen Rollen in Braunschweig glänzte. Sowohl stimmlich als auch darstellerisch meisterte sie mit strahlendem Sopran die Anforderungen der Rolle. Sie darf eine Intrige spinnen, ihre mit Koloraturen verzierte Eifersuchtsarie war einer der Höhepunkte der Aufführung. Statt zur „Guitarre“ ihre „schwermüthige maurische Ballade“ zu singen wie in der Irving-Erzählung, wird Inez in der Spohr-Oper im ersten Aufzug effektvoll von einer auf der Bühne spielenden Harfenistin (Ursula Fatton) begleitet. Moran Abouloff setzte als Inez Akzente mit weichem, kultiviertem Sopran. Sehnsuchtsvoll, doch weitgehend vergeblich schmachtet sie nach Liebe. Es ist Heiterkeit erregend, wie beide, Alonzo und Inez, einander zunächst „verfehlen“, wie Alonzo, der ihr aus dem „Turm“ herabhängendes Haar ergreifen möchte, daneben fasst. Bei aller Quirligkeit, allen komischen Akzenten, welche die Regie ihr abverlangten, vermochte Frau Abouloff jedoch auch als um den Vater bangende Tochter zu überzeugen, eine Gratwanderung.
Glaubwürdig und eindrucksvoll wurde die Partie des „Alchymisten“ von Bernd Weikl gesungen und dargestellt. Seine Angst und Erregung angesichts der drohenden Inquisition vermochten zu berühren, obwohl diese Rolle mit sehr viel Sprechgesang verbunden ist. Überhaupt enthält die Oper sehr viele gereimte Rezitative, die Spohr wohl in anderen Opern noch verschwenderischer einsetzte.
Jörg Dürmüller als Don Alonzo gestaltete seine Tenor-Rolle als Liebhaber und Retter mit der gebotenen „Schüchternheit“ und schmelzenden Arien. Jan Zinkler trat auf als Don Ramiro de Loxa. Er besitzt einen ausdrucksvollen, unverwechselbaren dramatischen Bariton. In dieser lyrischen Partie eines skurpellosen und gerissenen Liebhabers blieb er vergleichsweise blass.
Schnell wurde deutlich, dass der Regisseur Uwe Schwarz sich nicht scheute, alles aufzufahren, was seiner Meinung nach verstaubt-romantisch ist: Liebe, symbolisiert durch Sonnen und Monde, die von den Chormitgliedern an Stöcken geschwenkt wurden, sowie durch ein großes rotes schwebendes Luftballonherz. Hinzu kommt das Doppelgängermotiv: Die Puppe, die Ramiro im 2. Aufzug auf dem Schoß hält , später entkleidet und malträtiert, ist eine Anspielung hierauf. Dieser Puppe werden nicht nur die Hammelbeine lang gezogen, ein Akt der gespielten Selbstverstümmelung? Wenn man das Programmheft liest, kommt man auf diese Idee. Nur hätte die hier inszenierte angebliche Lustfeindlichkeit der Romantik , besonders, wenn man an die „keusche“ Vorlage Irvings denkt, eher zu Alonzo gepasst.
Der Stoff wurde bereits von Spohr und seinem Librettisten Pfeiffer trivialisiert und daher ist es nur folgerichtig, dass die Inszenierung an der Ernsthaftigkeit der Vorlage zweifelt und die „Ironie“ der Romantik herausstreicht. Anders als in der Erzählung Irvings sind im Libretto die komischen Elemente tatsächlich nicht zu übersehen. So geht es beispielsweise von einem Bewerber um die Gunst der Inez aus, dem es nicht so sehr nach „Alchemie“ gelüstet, sondern der wiederholt seinem sehr bodenständigen Wunsch Ausdruck verleiht, „ er wäre doch so gerne Schwiegersohn.“ Auch die plötzliche „Auferstehung“ des vermeintlich tödlich verwundeten Nebenbuhlers Don Ramiro de Loxa am Ende wirkt alles andere als natürlich. Das alles mag dazu beigetragen haben, dass der Oper kein dauerhafter Erfolg beschieden war. Spohr, der noch mehrere andere Opern schrieb, hielt sie jedoch vermutlich für seine beste und musikalisch ist sie weitgehend ein Erlebnis.
Misst man den Erfolg einer Produktion am Schlussapplaus, können die Akteure sehr zufrieden sein. Es gab viel Beifall, das Publikum klebte förmlich auf den Sitzen und wollte sich gar nicht fortbewegen. Mag das zum Teil auch einem Braunschweiger Lokalpatriotismus geschuldet sein, gebührt dem Staatstheater doch Dank dafür, dieses Werk ausgegraben und in einer musikalisch überzeugenden Fassung auf die Bühne gebracht zu haben.
(Autorin: Astrid Fricke)

Joachim Rossini - Hausgott in Braunschweig

Ein Rätsel
Was ist der Unterschied zwischen einem
Braunschweiger Rossini-Liebhaber von heute
und einem Braunschweiger Rossini-Liebhaber von gestern?
Ganz einfach:
Der Fan von heute
geht 6x in 1 Rossini-Oper
Der Fan von gestern
ging 1x in 6 Rossini-Opern:
Tempi passati!
In ebenso unterhaltender wie informativer Weise berichtet Achim Lange über die überwältigende Rossini-Rezeption im Herzogtum Braunschweig.

Vortrag gehalten in Braunschweig am 28. März 1998 anlässlich der Mitgliederversammlung der Deutschen Rossini Gesellschaft.
zum Vortragsmanuskript

"Arianna in Creta" in Braunschweig

Eine Rezension der Aufführung vom 15. Mai 2009 im Staatstheater Braunschweig finden Sie auf der Seite Mittelloge.de

4. April 2009

Oper "Der Alchymist" von Louis Spohr in Braunschweig ab 24. Mai 09

Bild 4

Die Oper des in Braunschweig vor 225 Jahren geborenen Geigers, Dirigenten und Komponisten wird am 24. Mai 09 im Staatstheater Braunschweig aufgeführt (zur Rezension der Premierenaufführung).

Weitere Termine: 29. Mai
18. 24. u. 28. Juni.


"Ein Virtuose aus Braunschweig"
(Bericht über Louis Spohr und Übersicht zu weiteren Veranstaltungen in Braunschweig im Spohr-Jahr 2009, BZ vom 4. April 09)


Selbstbildnis von Louis Spohr
Foto: Peter Sierigk (BZ)


Weitere Informationen zur Oper aus dem Newsletter des Staatstheaters Braunschweig:
"Mit Louis Spohrs Werk "Der Alchymist" kommt eine absolute Rarität auf die Bühne des Großen Hauses. Besonders freut es uns, dass wir Bernd Weikl für die Titelpartie (Don Felix de Vasquez) gewinnen konnten.

Der Alchymist

Romantische Oper von Louis Spohr

In Kooperation mit der Internationalen Louis Spohr Gesellschaft Kassel

Das Staatstheater gedenkt des Braunschweiger Komponisten Louis Spohr anlässlich seines 225. Geburtsjahrs und 150. Todesjahrs mit der Wiederentdeckung seiner Oper "Der Alchymist", die 1830 uraufgeführt wurde:

Inhaltlich ist es eine Liebesgeschichte mit Happy End: Sowohl Don Ramiro de Loxa als auch Don Alonzo de Castros haben sich in Inez, die schöne Tochter von Don Felix de Vasquez, dem Alchymisten, verliebt. Inez´ Vater jedoch nimmt von den Verehrern seiner Tochter keinerlei Notiz. Er lebt einzig und allein für die Wissenschaft und will den "Stein der Weisen" erschaffen. Kurz vor dem Durchbruch kommt es zu einer Explosion. Don Felix de Vasquez wird von Alonzo de Castros aus den Flammen gerettet. Wenig später wird Vasquez gefangen genommen. Ramiro de Loxa beschuldigt ihn der Ketzerei.

Doch der Retter Alonzo konnte das Herz von Inez gewinnen. Sein Kontrahent Ramiro allerdings verhindert ihr gemeinsames Glück und verschleppt Inez in seinen Palast. Sie kann entfliehen und sich Zutritt in das Inquisitionsgebäude verschaffen. Vor den Richtern kommt es zum Duell zwischen Ramiro und Alonzo. Ramiro unterliegt und wird tödlich verletzt. Am Ende wird Vasquez freigelassen und die Liebe von Inez und Alonzo siegt.

Die Titelpartie Don Felix de Vasquez singt der Bariton Bernd Weikl, der seit seinem Debüt bei den Bayreuther Festspielen 1972, dort über 200 Vorstellungen gesungen hat. Gastspiele führten ihn an alle bedeutenden internationalen Opernhäuser, 1977 debütierte er an der Metropolitan Opera New York. Das vielseitige Repertoire des promovierten Wirtschaftswissenschaftlers umfasst ca. 120 Partien in fünf Sprachen; zudem ist er ein gefragter Oratorien- und Liedsänger.

In weiteren Partien sind zu hören: Moran Abouloff (Inez, Tochter von Don Felix de Vasquez), Jan Zinkler (Don Ramiro de Loxa), Susanna Pütters (Paola), Jörg Dürmüller (Don Alonzo de Castros), Mike Garling (Lopez) u. a.

Die musikalische Leitung liegt in den Händen von Christian Fröhlich.

Uwe Schwarz inszeniert die Oper von Louis Spohr für das Staatstheater Braunschweig. Bühne und Kostüme gestaltet Dorit Lievenbrück.

Premiere: am 24. Mai 09, 19:30 Uhr im Großen Haus (Am Theater/Steinweg)

Weitere Vorstellung: 29.5./ 18./24./28. Juni (19:30 Uhr)"


5. Juli 2008

Vincenzo Bellini: "I Capuleti e I Montecchi" in Rheinsberg

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Ein Bericht über die Aufführung der Kammeroper Schloss Rheinsberg am 28. Juni 2008. Unser Besuch erfolgte im Rahmen einer Reise des „Besucherrings“ des Staatstheaters Braunschweig unter bewährter Leitung von Andrei Petrov.

Eigentlich sollte die konzertante Vorstellung im Schlosshof mit Blick durch die Kolonnaden auf das Schlossparterre und den Glienitzsee stattfinden; sie musste wegen des schlechten Wetters jedoch verlegt werden.
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Somit war die Oper nun in der neuen Siegfried-Matthus-Arena im Hafendorf Rheinsberg zu erleben – nach Meinung der Opernfans aus Braunschweig kein Nachteil, konnte man in den ersten Reihen doch vorzüglich das Zusammenspiel des jungen Dirigenten Alexander Joel mit seinen Sänger-Solisten miterleben und hatte auch einen ungehinderten Blick auf das in stattlicher Zahl zusammen mit den Herren des Opernchors angereiste Staatsorchester Braunschweig, laut Programmheft „eines der ältesten Kulturorchester der Welt“, hervorgegangen aus der im Jahre 1587 von Herzog Julius zu Braunschweig/Wolfenbüttel gegründeten Hofkapelle.
Das Orchester hatte am Vortag eine Operngala in Braunschweig zu bestreiten, das hinderte es nicht, mit Hingabe und Aufmerksamkeit dem Werk des früh vollendeten zarten, blond gelockten und bereits im Alter von 33 Jahren an einer chronischen Darmkrankheit verstorbenen Bellini (1801-1835) zu huldigen.
Das Programmheft zeigt ein Portrait des Komponisten und bringt Auszüge aus Heines „Floretinischen Nächten“ (1836), Cristina_Belgiojoso die sich unter anderem mit Bellinis patriotischer Bewunderung für die „Barrikadenkämpferin, Pariser Salonkönigin und Historikerin“, der Mailänder Prinzessin Cristina Belgiojoso, beschäftigen. Zwei Tage vor der Rheinsberger Aufführung brachte die Wochenzeitung „DIE ZEIT“ Nr. 27/2008 ein ganzseitiges bebildertes Gedenken an diese „Fürstin der Freiheit“ zu ihrem 200. Geburtstag mit gleich lautenden Passagen aus den „Florentinischen Nächten“ wie im Programmheft, dazu ein hinreißendes farbiges Portrait dieser zu ihrer Zeit berühmten Bellini-Freundin.
Nun zu den Solisten unserer Aufführung. Anmerkung vorweg: Stolz vermeldet das Programmheft die bisherigen Erfolge seiner bei ihrem Start in Rheinsberg noch unbekannten Sänger. Da liest man eine lange Liste bekannter Stars, alle ehemalige Preisträger des internationalen Gesangswettbewerbs, der seit 1991 regelmäßig durchgeführt wird, unter ihnen herausragende Namen wie Annette Dasch und Olga Peretyatko. Auch für die in diesem Jahr aufgeführten Werke konnte die Jury aus wiederum circa 400 Bewerbern etwa 30 Preisträger auswählen. So verwundert es nicht, dass sämtliche Rollen der Bellini-Oper gleichwertig gut besetzt waren.
Die Stimmen harmonierten wunderbar miteinander. Auch in dieser Inszenierung fesselten wiederum besonders die lyrischen Passagen, allen voran die traumhaften Duette der Giulietta und des Romeo, in denen beide inmitten des Kampfgetümmels der verfeindeten Clans und vor dem Hintergrund von Gefahr und nahendem Tod ergreifend ihre Liebe besingen. Takado Onodera, geboren 1976 in Japan, gab den Romeo. Das Programmheft hebt ihre reiche Konzerterfahrung hervor. In der besuchten Aufführung konnte man sich darüber hinaus von ihrer herausragenden Ausdruckskraft überzeugen, die sie für Oper zu prädestinieren scheint. Sie lebte förmlich in der Rolle, ihr weicher glutvoller Mezzo ging unter die Haut. Giulietta wurde mit mädchenhafter Zartheit von Clara Soojoo Lim, 1980 in Südkorea geboren, verkörpert. Zu Beginn verhalten, steigerte sie sich binnen kurzem. Bei ihr fiel mir die Musikalität auf, mit der sie fast unerwartet in den für Bellini typischen langen melodischen Bögen die Tiefen der Rolle auslotete. Giulietta war hier nicht nur das naive Mädchen, das ungestüm seiner Liebessehnsucht nachgibt, sondern zugleich die reife Frau, die bewusst Todesgefahr auf sich nimmt. Kein Wunder, dass auch beim Publikum die beiden Damen besonders beklatscht wurden.
Dabei waren die Herren ebenfalls hervorragend besetzt. Man weiß nicht, mit wem man beginnen soll, vielleicht mit Joon-Young Kim als Giulettas Vater Capelio, ebenfalls 1980 in Südkorea geboren. In Hochschulproduktionen hat er schon anspruchsvolle Bassrollen gestaltet, und in Rheinsberg konnte man sich von seinem Potential überzeugen: Eine volltönende bewegliche Stimme, die sich sehr gut in das Solistenensemble einfügte. Auch der Finne Iikka Leppänen als Lorenzo, ausgerüstet mit warmer und geschmeidiger Spiel-Bass-Stimme, ließ aufhorchen, ebenso wie Sylwester Targosz-Szalonek aus Polen, geboren 1979, in der Rolle des Tebaldo. Mit seinem beherzt eingesetzten schönen Tenor brillierte er von Anfang an leidenschaftlich „ohne Netz und doppelten Boden“ als glückloser Bewerber um Giulettas Hand. Bei der scheinbar ohne Anstrengung wohlklingenden Stimme hätte ich mehr vorsichtige Zurückhaltung erwartet und wurde angenehm überrascht. Ebenso wie die beiden Damen verdienen sämtliche Sänger dieser Produktion weitere Engagements in den Opernhäusern und für einige würde ich mir wünschen, dass sie sich als feste Ensemblemitglieder bewähren.
(Premiere dieser konzertanten Aufführung im Staatstheater Braunschweig am 4. Okt. 2008)
(Autorin: Astrid Fricke)

8. April 2008

Fedra erhält deutlich positives Zuschauer-Urteil

Die Braunschweiger Zeitung veröffentlichte am 8. April 08 deutlich positive Zuschauer-Urteile zur Fedra. Durchschnittsnote 1,37.

"Musikalisch fantastisch - Bühne zu modern"
Deutlich positives Zuschauer-Urteil über die deutsche Erstaufführung der Oper "Fedra" von Johann Simon Mayr
Nach zwei Vorstellungen der Oper "Fedra" von Johann Simon Mayr im Braunschweiger Staatstheater sammelten wir zahlreiche Zuschauerstimmen.
"Großartige Erstaufführung eines vergessenen bayerischen Komponisten." Renate Dierl

"Bühnenbild modern, aber super. Stimmen sehr schön - eine gelungene Inszenierung." Heike Herrmann

"Wieso war dieses Füllhorn großartiger Musik bislang unbekannt? Ein Lob dem Staatstheater Braunschweig." Gerd Bessai

"Großartige sängerische Leistungen. Ich hätte mir eine arschaisch anmutende Inszenierung gewünscht. Zeitlosigkeit hätte dem Ausdruck der starken Gefühle, der Schuld und Rache mehr Raum gelassen." Christine Schrader

"Die zahllosen Selbstbefragungen und Kommentare der Vorlage wurden in einprägsame Bilder und melodiöse, oft monologische Klangfolgen übersetzt." Heino Bartels

"Eine Symbiose zwischen Altertum und Moderne, falls beabsichtigt, misslingt." Gopal Kripalani

"Toller Chor, sehr gute Solisten und eine stimmlich farbige Aufführung. Ein schlichtes und stimmiges Bühnenbild." Johannes Thormeier

"Stimmen sowie Orchester einfach herrlich. Toller Opernabend." Margrit Lemke

"Sehr schöne Musik, grandiose Arien und in der szenischen Umsetzung von Frau Pöhler auch optisch ein Vergnügen." Hannelore Schmidt

"Muss man einen antiken Stoff immer modern verunstalten? Diese Kostüme! Dieses unpassende Bühnenbild! Schade nur um die schönen Stimmen." Josef Essler

"Hervorragende Sänger, leidenschaftliches Orchester, interessante Musik - leider sehr wirrer Inhalt, den die Regie nicht erhellt." Marianne Thier-Englisch

"Musikalisch und von der Inszenierung her ausgezeichnet. Eine lohnende Ausgrabung dieser Oper." Rolf Schneider

"Ein Kompliment an die Regie; sie verstand es, durch Effekte ohne Übertreibung mitleben zu lassen." Brigitte Böhnke

"Musikalisch phantastisch - Bühnenbild für meinen Geschmack viel zu modern." Dörie Baumann

"Bühnenbild und Beleuchtung schufen eine tiefe Atmosphäre, stimmungsvoll untermalt durch das sehr überzeugende Orchester. Die Darsteller überzeugten in großen Teilen. Leider galt dies in meinen Augen für den Darsteller des Theseus nur partiell. Eine gelungene Inszenierung, der es aber stellenweise an stimmlicher Fülle fehlte." Devid Wilde

"Ein starker Eindruck. Ohren- und Augengenuss." Renate Sauer

"Wie konnte so eine Perle nur 200 Jahre schlummern?" Christine Liehn

"Exzellente Inszenierung und an Mozart erinnernde Musik. Man wünscht dieser Oper eine Zukunft auch an anderen Häusern." Jens Henschel

"Orchester und Sänger waren großartig. Mayrs absolute Musik hatte wenig Beziehung zum Inhalt der Oper." Dr. Manfred Seidel

"Inszenierung, Dramaturgie, Bühnentechnik - spitze." Margarete Pohl
(Braunschweiger Zeitung, 8. April 2008, Kultur, Seite 14)

7. April 2008

Andere sahen ein Meisterwerk

Leserbriefe zur Fedra-Kritik in der BZ vom 1.4.08

Die Oper Fedra in Braunschweig ist ein Ohrenschmaus

Die Braunschweiger Fedra-Aufführung wird sich nicht zu einer bloßen Fußnote entwickeln. Das großartige Werk wird sich nach seiner triumphalen Premiere am Staatstheater rasch in den Opernspielplänen etablieren und Braunschweig wird als Mutter einer Mayr-Renaissance in die Geschichte eingehen können, wenn es das Werk des Komponisten weiter pflegt. Wieso der Rezensent in seiner Kritik mehrfach von "Papa Mayr" schreibt, um ihm anschließend die musikalische Güte abzusprechen, bleibt seltsam und unergründlich. Das sind Mätzchen, die Rezensenten sonst bei Regisseuren kritisieren. Wenn der Rezensent später der Regisseurin Kerstin Maria Pöhler Librettofehler vorwirft, wirft das kein gutes Licht auf seine Librettokenntnisse. (Almut Carlitscheck-Müller und Sven-David Müller, Berlin)

Andere sahen ein Meisterwerk

Ich weiß, dass Kritiken über künstlerische Ereignisse immer subjektiv sind. Wenn man aber die Kritik zu Fedra von Andreas Berger mit dem vergleicht, was sein Kollege Stefan Arndt in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung schreibt, kann man auf die Idee kommen, die Herren seien auf unterschiedlichen Veranstaltungen gewesen. Während Herr Berger die Oper als Fußnote abtut und den Komponisten als Vorläufer der Belcanto-Meister bezeichnet, spricht Stefan Arndt von einem Meisterwerk und feiert die Erstaufführung als großes Ereignis. Ich finde es nur schade, wenn ein kulturelles Ereignis von überregionalem Interesse ausgerechnet in der Stadt, in der es stattfindet, derart abqualifiziert wird. (Werner Schildt, Braunschweig) Braunschweiger Zeitung, 4. April 2008, Leserseite, Seite 28

Zuschauer sollten sich selbst überzeugen

Zu "Eine brillant gesungene Fußnote", Kultur-Seite vom 1. April:
Durch den Anstoß der Internationalen Simon Mayr Gesellschaft - und das lobenswerte Engagement des hiesigen Staatstheaters - gelangte Simon Mayrs Oper Fedra mit großem Erfolg zur Aufführung.

Warum Andreas Berger, der sich wohl zu wenig mit dem Werk und speziell mit der Musik beschäftigt hat, so negativ urteilt, bleibt mir und auch vielen anderen ein Rätsel.

Über die Inszenierung kann man geteilter Meinung sein, aber die Musik ist ein Meisterwerk ihrer Zeit und sollte unbedingt auch an anderen Bühnen gespielt werden. Äußerst positiv der Einbau der stummen Rolle der "Aricia" durch Regisseurin Pöhler. Dadurch wurde die Handlung verständlicher.

Ich hoffe auf regen Besuch, damit sich die Zuhörer selbst ein Bild von dem großartigen Werk machen können. (Horst-Henning Albrecht, Braunschweig, BZ vom 7.4.2008, Seite 40)

4. April 2008

Fedra-Premiere in Braunschweig


Die Titelrolle in Braunschweig singt Capucine Chiaudani. - Foto: Bort
Am 30. März 2008 fand am Staatstheater Braunschweig die deutsche Erstaufführung der Oper "Fedra" von Johann Simon Mayr (1763-1845) statt, also 188 Jahre nach der Uraufführung am 26. Dezember 1820 am Teatro alla Scala in Mailand.

Hier ein Videoclip zur Fedra entweder auf dem Kulturatlas oder auf Theater-tv

Die Aufführung fand bei den Braunschweiger Rossinifreunden, den aus Ingolstadt angereisten Mitgliedern der Internationalen Simon-Mayr-Gesellschaft und dem Braunschweiger Publikum sehr große Zustimmung. Oper "Fedra" erhält deutlich positives Zuschauer-Urteil. Gesamtnote 1,37"


Kritiken in den Medien

"Wiener Zeitung" vom 3.4.08:

Johann Simon Mayrs Oper "Fedra" erlebt nach fast 200 Jahren ihre deutsche Erstaufführung in Braunschweig - Bayer als Lehrmeister von Donizetti (Von Ernst Scherzer)

Den zweifachen Mut des Braunschweiger Staatsintendanten möchte man manchem seiner gerade prominenteren Kollegen wünschen: Wolfgang Gropper hat nicht nur seinen bereits fertigen Spielplan geändert, sondern dabei den "Idomeneo" Wolfgang Amadeus Mozarts gleich gegen ein Werk von dessen weitaus unbekannterem Zeitgenossen Johann Simon Mayr ausgetauscht.
"Fedra", die vorletzte Oper des gebürtigen Bayern, erlebte ihre deutsche Erstaufführung. Gropper gebührt für seine Entscheidung der fünfte Stern dieser Kritik; noch dazu, wo mit dem Stoff ein aktuelles Thema aufgegriffen wurde.

Antikes Rache-Drama
Die antike Geschichte von Fedra (oder Phaedra), der Gattin des Athener Königs Theseus, die an ihrer unerwiderten Liebe zum Stiefsohn Hippolytos verzweifelt, wurde erst kürzlich wieder von Hans Werner Henze vertont – die Oper steht bereits auf dem Programm der Wiener Festwochen. Johann Simon Mayrs 1820 an der Mailänder Scala uraufgeführtes Stück konfrontiert den Zuschauer mit Rache, Eifersucht und Selbstauslöschung.
Die Dramatik des Werks lässt schon an Giuseppe Verdi denken und seine melodische Erfindungskraft kann neben den besten musikalischen Eingebungen eines Gioacchino Rossini, Vincenzo Bellini oder Gaetano Donizetti bestehen. Hinzu kommt, dass sie, wie in Braunschweigs repräsentativem Theaterbau geschehen, überzeugend, ja geradezu leidenschaftlich dargeboten wird.
Das gilt zunächst einmal für das von Gerd Schaller geleitete Staatsorchester und den von Georg Menskes einstudierten Chor. Rebecca Nelsen, die in Wien ausgebildete und dort bei Aufführungen der Neuen Oper schon aufgefallene Sopranistin, machte den aufmüpfigen Hippolytos zur eigentlichen Hauptfigur, obwohl Capucine Chiaudani in der Titelrolle stimmlich und darstellerisch ganz aufging. Beachtliche tenorale Qualitäten zeigte Tomasz Zagorski als Theseus, mit kleinem Abstand gefiel auch Dae-Bum Lees Theramenes.

Leben in zwei Welten
Auf der Bühne von Frank Fellmann haben sich die von Dietlind Konold eingekleideten Darsteller in zwei Welten zu bewegen: In der geschäftstüchtigen von heute und in einer eher idealisierten für das Paar Hippolytos-Aricia. Dazwischen stehend scheint der Weg für Fedra aussichtslos zu sein. Kerstin Maria Pöhlers Inszenierung ist vielleicht kein ganz großer Wurf. Die Nachzeichnung der ausweglosen Situationen der handelnden Personen, die von höheren Mächten zur Erduldung ihrer Schicksale gezwungen werden, war der Regiearbeit freilich glänzend gelungen.
Jubelnder Beifall belohnte eine Aufführung, deren Spannung in zweieinhalb Stunden stetig im Steigen war und nur von der Pause unterbrochen wurde.


Die Titelrolle in Braunschweig singt Capucine Chiaudani. - Foto: Bort
Weitere Kritiken in:
Leserbriefe zur Kritik in der BZ

Weitere Vorstellungen
am 5./10./13./20./29. April; 2./25. Mai; 17./25. Juni
jeweils 19:30 Uhr, am 25.Mai schon um 18 Uhr

Zur Vorbereitung auf die Oper
ist das Programmheft u.a. mit Originalbeiträgen sehr hilfreich.

Iris Winkler
"JOHANN SIMON MAYR - GIOVANNI SIMONE MAYR EINE BIOGRAPHISCHE SKIZZE"

Kerstin Maria Pöhler
"CEST VÉNUS TOUT ENTIÈRE
DIE DESTRUKTIVE GEWALT DER LIEBE"

Geerd Heinsen
"JOHANN SIMON MAYRS FEDRA
EINE SPÄTE OPER EINES REIFEN MEISTERS"


Im Radio:
Übertragung der Aufführung vom 30.3. auf
NDR Kultur am 10. April, 20 - 22 Uhr.

Garantiert ungekürzte Fassung:
Sa, 10. Mai, 19.05 - 22.30 Uhr - DLR Kultur

13. März 2008

"Fedra" bei den Staatstheater-Freunden

Am Dienstag, den 11. März 2008 waren wir wieder bei den Staatstheaterfreunden zu Gast. Anwesend: die Regisseurin Frau Pöhler sowie unsere junge texanische Sopranistin Rebecca Nelsen, die ihre erste Hosenrolle, die des Ippolito, verkörpern wird, ferner der an diesem Abend eingesprungene Halberstädter Pianist Daniel Linton-France , dortiger Kapellmeister, gebürtiger Australier, der mit 18 Jahren seine Ausbildung in Salzburg begann. Frank Fellmann (Bühnenbild) sowie Christin Marstall (Regieassistenz) vervollständigten die Runde.

Foto: Mit freundlicher Genehmigung von Herrn Kirchner, Gesellschaft der Staatstheater-freunde in Braunschweig e.V.


v.r.: Frank Fellmann, Bühnenbild; Kerstin Maria Pöhler, Regie; Rebecca Nelsen, Christin Marstall, Regieassistenz
Nach einigen Einleitungssätzen, die für uns nichts Neues brachten, sang Frau Nelsen eine herrliche Arie des Ippolito und bemühte sich sehr um der Rolle entsprechendes "männliches" Auftreten, wie es die Regie verlangt. Obwohl sie, durch Grippe angeschlagen, nur "mezza voce" singen konnte, war das zumeist ältere Publikum, das sie nach ihren furiosen Auftritten in "La Bohème" und in der "Czardasfürstin" regelrecht anbetet, mit Recht hingerissen und der kongeniale Begleiter gab sein Bestes. - Bei den Proben spielen sie immerhin vierhändig als Begleitung! -

Die Inszenierung gestaltete sich schwierig, da Frau Pöhler mit einem unvollständigen Klavierauszug und textlich ziemlich alleingelassen mit den Proben beginnen musste. Inzwischen sind alle Mitwirkenden von der Musik begeistert. Frau Nelsen musste während ihrer häufigen Auftritte in den anderen Stücken diese Musik einstudieren, von der es keine CDs gibt, was die Aufgabe erschwert. Die Musik strotzt von Anleihen an Mozart (Don Giovanni!), Beethoven, Rossini, Donizetti (nicht wirklich, da Simon Mayr den jungen Donizetti beeinflusste, nicht umgekehrt). Mayr, der "Vater der italienischen Oper", der immerhin 60 Bühnenwerke neben seinem umfänglichen kirchenmusikalischen Werk verfasste, ist heute fast vergessen, umso schöner, dass wir demnächst die Fedra erleben dürfen, die immerhin Verdi in seinem Nachlass aufbewahrte, was dann zu weiteren Nachforschungen und letztlich zu dieser Aufnahme oder Wiederaufnahme führte.

Inzwischen weiß Frau Pöhler auch, dass das Libretti auf Racine zurückgeht, nicht auf Euripides oder andere, die sich ebenfalls des antiken Stoffes annahmen. Das Libretto ist in schwer verständlichem Italienisch abgefasst und weist Lücken auf, die sich nur mit Kenntnis der Racineschen Fassung erklären lassen. Es kann also nicht schaden, sich mal den Racine zu Gemüte zu führen. Es gibt bei Reclam eine zweisprachige Fassung französisch und deutsch, auch eine Übersetzung von Schiller usw. Was es nicht gibt - ein vollständiges Libretto in deutscher oder meinetwegen auch italienischer Fassung, die übrigens selbst Italiener heute nur mit Mühe verstehen. Aber die von den Theaterfreunden gestiftete neue Übertitelungsanlage wird eingesetzt und uns hoffentlich das Verständnis erleichtern.

Der Kapellmeister aus Halberstadt hatte am letzten Dienstag auch seinen großen Auftritt, als er anhand der Ouvertüre die vielen überraschenden Wendungen der Musik verdeutlichte, ebenso wie die vielfältigen "Zitate" der Komponistenkollegen. Am Ende wurde dann noch auf den Höhepunkt der Oper verwiesen, ein dramatisches 10-minütiges Duett zwischen zwei Frauen, zwischen Fedra, einer Tosca-Sängerin, und der schon erwähnten Rebecca Nelsen. Man darf also gespannt sein und sich freuen!

Wir hatten übrigens im vollbesetzten Saal des "Lindenhofs" - über einem italienischen Restaurant gelegen und für solche Anlässe von den Theaterfreunden gerne genutzt - den Vorteil, dass uns eine freundliche Dame am besten Tisch rechtzeitig Plätze reserviert hatte. Wir hatten also einen prima Überblick. Anschließend dann noch ins Restaurant. Frau Nelsen und die anderen Eingeladenen saßen auf den Ehrenplätzen der Staatstheaterfreunde und speisten, was die Karte an Köstlichkeiten so bot, zum Nachtisch ein kleines „Tiramisuchen“. Diese kleine Freude habe ich der blassen und noch leicht unter Grippemedikament-Einfluss stehenden Frau Nelsen von Herzen gegönnt.

5. März 2008

Wer war Johann Simon Mayr?


Rainer Rupp, Präsident der Internationalen Mayr-Gesellschaft, berichtete am 3.3.08
engagiert im Braunschweiger Theater über Leben und Werk Simon Mayrs, des Vaters der italienischen Oper, und stimmte die Zuhörer auf die Premiere der Fedra ein. 57 Mitglieder der Simon Mayr-Gesellschaft werden zur Premiere aus Ingolstadt anreisen. Die Radioübertragung wird vermutlich am 10.April stattfinden.

Die Braunschweiger Zeitung vom 5.3.08 schrieb:
Der vergessene Papa Mayr
Deutsche Erstaufführung der "Fedra" in Braunschweig nach 188 Jahren

Von Andreas Berger
Dass Rossini, Bellini und Donizetti einen Deutschen als "Vater der italienischen Oper" anerkannten, mag verblüffen. Johann Simon Mayr, 1763 bei Ingolstadt geboren, gehörte seinerzeit zu den erfolgreichsten Opernkomponisten. Regelmäßig wurden seine Werke an der Mailänder Scala aufgeführt, so 1820 seine "Fedra", die am 30. März im Staatstheater Braunschweig ihre späte deutsche Erstaufführung erlebt.
Die Grabrede für den 82-Jährigen hielt kein Geringerer als Giuseppe Verdi. Die Stadt Bergamo ließ den Leichnam ihres Wahlbürgers später an der Seite seines Schülers Donizetti in der Hauptkirche begraben. Doch Mayrs Nachruhm war kurz. Kein Werk überdauerte im Repertoire, nur selten wird eines seiner 600 Sakralstücke oder eine seiner 60 Opern noch aufgeführt. Es scheint, als sei Mayr aus der Musikgeschichte gefallen.
"Te Deum" für Napoleon
Wacker arbeitet die Simon-Mayr-Gesellschaft gegen dieses Vergessen an. Ihr Vorsitzender Rainer Rupp rührte jetzt auch in Braunschweig die Werbetrommel. Durch seinen Orgellehrer war er schon als Kind auf Mayr aufmerksam gemacht worden. Und schon galt es, eine Aufführung zum 200. Geburtstag in Ingolstadt zu organisieren. In München gab es immerhin eine konzertante "Medea". "Und in Bergamo ist Mayr noch sehr präsent", erzählt Rupp.
Er kann die wesentlichen Stationen von Mayrs Leben einfach so aufzählen. "Gelernt hat er bei seinem Vater, einem Dorf-Organisten. Doch statt die Freistelle in Wien zu nutzen, musste er zu den Jesuiten nach Ingolstadt. Gönner war ihm Baron de Bassus, ein bekannter Anhänger der aufklärerischen Sekte der Illuminaten. Als die verboten wurde, flohen beide nach Bergamo." Unterbrochen von wenigen Jahren in Venedig, bleibt Mayr dort ein Leben lang, nennt sich fortan Giovanni Simone und wird Kapellmeister der Hauptkirche.
"Dabei hätte er Direktor der Pariser Oper werden können", sagt Rupp. Napoleon hatte Mayrs zu seiner Krönung komponiertes "Te Deum" so gut gefallen, dass er ihm den Posten anbot. Doch der gemütliche Mann blieb lieber in Bergamo. Und dann kam Donizetti, ein armer kränklicher Knabe, der eigentlich nicht gut genug singen konnte für Mayrs Collegium, aber durch Gehörbildung auffiel. So wurde er denn sein Schüler, hielt seinem väterlichen Freund stets ehrendes Angedenken. Trotzdem: Mayr starb 1845 blind und verarmt. 1847 wurde zum letzten Mal eine Oper von ihm aufgeführt - in New York.
Wieso wurde Mayr so schnell vergessen? "In Italien stand er als Napoleon-Freund politisch auf der falschen Seite. Angesagt war die nationalromantische Strömung Verdis, die sich für die Befreiung Italiens einsetzte. Und für die Anhänger der neuen deutschen Musik etwa Wagners galt er als welscher Tüftler", erklärt Rupp.
Auch die Besetzung ist nicht einfach. "Für die Fedra braucht es eigentlich eine satte Mezzostimme, aber mit großer Höhengeläufigkeit", sagt Braunschweigs Operndirektor Jens Neundorf. Eine Tosca-Sängerin wird hier die Partie übernehmen. Neundorf hat motivische Parellelen zu Mozarts "Don Giovanni" entdeckt. Die Verspieltheit der Stimmführung und der Orchesterbegleitung lassen freilich vor allem an Rossini und Donizetti denken.
"Fedra" in Verdis Nachlass
Im Zuge der Belcanto-Renaissance der 80er gab es wenige konzertante Wiederbelebungen. Die Mayr-Gesellschaft bemüht sich um Neu-Editionen der Werke, die oft nur in alten Abschriften erhalten sind. "Eine ,Fedra?-Kopie fand sich übrigens in Verdis Nachlass", erzählt Rupp. Braunschweig sollte also einen guten Griff getan haben.
Premiere am 30. März im Großen Haus. Karten: (0531) 1 23 45 67.
Braunschweiger Zeitung, 5. Maerz 2008, Kultur, Seite 16, (Original-Zeitungsseite im pdf-Format)

25. Januar 2008

Deutsche Erstaufführung von Johann Simon Mayrs Oper Fedra in Braunschweig

Dem Staatstheater Braunschweig ist es gelungen, Johann Simon Mayrs Oper „Fedra“ im März dieses Jahres zur deutschen Erstaufführung zu bringen. Mayrs Oper aus dem Jahr 1820 wurde an der Mailänder Scala uraufgeführt, jedoch noch nie im deutschsprachigen Raum gespielt. Aus diesem Grund verändert das Staatstheater kurzfristig seinen Opernspielplan und zeigt die Deutsche Erstaufführung dieser Oper des bayerischen Komponisten erstmalig im Großen Haus statt der geplanten Premiere von Mozarts Oper „Idomeneo“. Mehr Informationen

Weitere Termine in 2008 (ohne Gewähr):
5./10./13./20./29. April; 2./25. Mai; 17./25. Juni

Weitere Veranstaltungen zur Fedra:
Donnerstag 31. Jan 08 20.00
Kerstin Maria Pöhler, Frank Fellmann Kann Liebe Sünde sein? Die deutsche Erstaufführung der Oper »Phädra« von Simon Mayr (1820)Braunschweiger Ästhetik-Kolloquium »RESONANZ-RÄUME«Großer Musiksaal der TU Braunschweig, Pockelsstr. 11, 5. OG (Eintritt frei)

Freitag 22. Febr. 08
17:30 Einführung
18:00 Uhr ÖFFENTLICHE PROBE ZU »FEDRA«von Johann Simon Mayr Zählkarten erhältlich an der Theaterkasse

Montag 3. März 08
20:00 Uhr Staatstheater Foyer 3. Rang: Vortrag von Rainer Rupp, Präsident der Internationalen Mayr-Gesellschaft:
Johann Simon Mayr - Der deutsche Vater der italienischen Oper
(Theaterkasse, freier Verkauf)

Dienstag 11. März 08
19:30 Uhr Theaterkreis der Gesellschaft der Staatstheaterfreunde e.V. im Theatersaal des Lindenhofes: Thema Fedra (Eintritt frei)

Sonntag 16. März 08
18:00 Uhr Extra-Die Einführung zu "Fedra" von Johann Simon Mayr mit Mitwirkenden des Ensembles im Kleinen Haus. Der Eintritt ist frei.

Donnerstag 27.3. 08
17 Uhr Musikpädagogik: Extraeinführung mit Probenbesuch zur Oper Fedra (Anmeldung für Lehrer und andere Interessierte bis 25.3.08 unter AnnetteBrunk@staatstheater-braunschweig.de )

4. Januar 2008

"Cenerentola" für Kinder in Braunschweig

"Märchenglück im Schnelldurchlauf. Rossinis "Cenerentola" als spritzige Kurzfassung im Staatstheater Braunschweig - Nicht speziell kindgerecht" titelte die Braunschweiger Zeitung am 22. Dez. 2007

"Traumprinz heiratet Kioskbesitzerstochter" – aus solchen Schlagzeilen bestehen bis heute die Märchen. Dominik Wilgenbus hat für seine Kurzfassung von Rossinis "Cenerentola" im Kleinen Haus des Staatstheaters Braunschweig die zauberhafte Geschichte um den heruntergekommenen Adligen Don Magnifico, der seine Töchter dringend reich verheiraten muss, in das heutige Regenbogenpress-Milieu verrrückt" mehr...
Videoclip aus dem Kulturatlas

(Zum Start des Videos Rechtspfeil 2x drücken)