17. November 2010

Nochmals: 'Guillaume Tell' in Zürich

Manfred Froschmayer über die zweiten Vorstellung am 16. November

Moritz Leuenberger ist während der Ouvertüre wiederum aufgetreten und hat eine grosse Menge Buhrufe aus dem Publikum bekommen. Scheinbar war eher die bürgerliche Gesellschaft im Opernhaus anwesend, die Herrn Leuenberger nicht so schätzt.

Musikalisch war die Aufführung makellos. Der Dirigent ist wirklich ein Gewinn, ich kannte ihn vorher nicht von einer Aufführung einer Oper oder eines Konzertes, sondern nur von CD-Aufnahmen, die allerdings immer sehr gut besprochen waren.

Die Sänger fand ich alle sehr engagiert und es wurde auch durchwegs gut gesungen, herausragend war für mich Wiebke Lehmkuhl (Hedwige) im vierten Akt, besonders das dortige Terzett wurde wunderschön gesungen von allen drei Damen. Sie ist schon mehrmals in kleinen Rollen aufgefallen aber hier war ihre schöne warme Stimme richtig eingesetzt.

Michele Pertusi fand ich äusserst langweilig, wie ein Gesundbeter aus einer Scientology Sekte (so stand er herum), seine Figur wurde meiner Ansicht nach von der Regie total falsch beleuchtet. Das war kein Freiheitskämpfer für die Vereinigung der Schweiz, sondern eher ein selig machender Apostel.

Siragusa hat toll gesungen; dass er etwas Mühe mit dem Piano hatte, liegt wohl daran, dass die Rolle sehr fordernd ist, während es ein Gedda oder ein Pavarotti auf der CD leichter haben, können sie doch ihre Arien etc. in Abständen aufnehmen, wodurch sie weniger gefordert werden.

Von den Damen war wie gesagt Wiebke Lehmkuhl meine Favoritin, Eva Mei war besser als beim Moses, leider war sie schrecklich kostümiert, in allen Kostümen, die sie tragen musste. Im dritten Akt hat sie ausgesehen, als wäre sie gerade aus dem Badezimmer gekommen, irgendjemand hat ihr auch noch eine scheussliche blonde Perücke verpasst, was zu ihrer Person überhaupt nicht gepasst hat. Sie ist doch eine so attraktive und sympathische Frau.

Die Regie hat total versagt, sie stört allerdings auf weiten Strecken überhaupt nicht, es wäre wohl besser gewesen, man hätte die ganze Sache in diesem Fall konzertant aufgeführt inklusive der Ballettmusik. Einen Teil der Einfälle hat er wirklich von dem sehr begabten Duo, welches den Moses inszeniert hat, abgekupfert (die Banker, das Fussvolk). Ich dachte mir schon, das nächste Mal melde ich mich als Statist, dann kann ich auch ohne Grund herumsitzen wie z.B. im vierten Akt und den wunderbaren Sängern gratis oder gegen Gage zuhören.

Die Figur des Landvogts Gessler hat Herr Marthaler total verkorkst, nichts vom Machtmenschen; der Tod auf dem Schiffsteg war einfach lächerlich. Herr Muff hatte keinen sehr guten Abend und ist total untergegangen. Er hat mehr wie ein Geschäftsmann auf der Durchreise ausgesehen, dem alles egal ist, anstatt einen Machtmenschen und Tyrannen darzustellen, der nicht ungestraft davonkommen darf. Aber möglicherweise passt das in unsere Zeit, auch die Mächtigen sind nicht mehr das, was sie sein sollten, ausser gierig. Im letzten Akt noch den Bewegungsradius für die Protagonisten auf einen Schiffsteg zu reduzieren, fand ich unmöglich, alle waren in dieser Szene sehr verkrampft.

Ja, und was wollte denn Herr Rossini immer wieder lächelnd auf der Bühne, der Schauspieler durfte sich am Schluss sogar noch verbeugen! Nach dem was ich so gehört habe, war doch nur sein Bühnenbildner in der Schweiz und der Meister hat sich Noten nach Paris kommen lassen, um die Schweizer Lieder kennenzulernen. Als er lächelnd auf dem Podest für das Denkmal stand, musste ich wirklich den Kopf schütteln.

Pluspunkt: Der Schluss mit dem Liberté - das war ein guter Einfall und hat sehr grossen Eindruck gemacht.

Fazit: Musik natürlich unbestritten bewegend und sehr sehr gut interpretiert von Gelmetti, von Anfang bis Schluss. Die Sänger alle erste Klasse mit ein paar Abstrichen, herausragend Siragusa, Lehmkuhl, Janková, dann Mei, Pertusi.

Wie gesagt, all den Firlefanz mit den Kostümen, den Bankern, dem Fussvolk hätte man sich sparen können. Diese Geschichte um Wilhelm Tell ist eigentlich so gradlinig und spannend, dass es genügt hätte, diese auch so zu erzählen.

Ich möchte nicht altmodisch wirken, aber dieser Tell war eigentlich voll daneben, da war die Moses Inszenierung vom letzten Jahr dafür eindeutig modern, aber stimmend.

Manfred Froschmayer (Besuchte Vorstellung 16. November 2010)

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