27. August 2008

Pesaro - Opernfreude in bella Italia

Piazzale della Libertà: die große Kugel

Die nach italienischen Maßstäben "ruhige" Hafenstadt Pesaro, in der nördlichen Region „Le Marche“ an der Adria unweit Riminis gelegen, ist für Freunde des Belcanto-Gesangs ein unwiderstehliches Highlight im Festival- und Opernkalender.

Alle Jahre wieder gibt es Rossini-Opern, Kirchenmusiken und Konzerte zu erleben, die auch strengen Anforderungen an Qualität hinsichtlich der Stimmen, der Aufführungspraxis und nicht zuletzt der Authentizität des verwendeten Notenmaterials genügen dürften. Und so liest man in jeder Ankündigung nebst ausführlichem Verzeichnis der jeweiligen Sponsoren gleich zu Beginn als feierliche Einleitung den Satz: "Edizione critica della Fondazione Rossini, in collaborazione con Casa Ricordi , a cura di….".

Teatro Rossini

Obwohl Opernfreunde aus der ganzen Welt einfallen, darunter auch viele japanische Gäste – die Japaner haben eine eigene Rossini-Gesellschaft und reisen um den halben Erdball, um an ihrem geliebten Festival teilzuhaben – , so sind doch das Straßenbild und die Strandpromenade mit ihren ordentlich aufgestellten Liegen und Sonnenschirmen weniger durch das auch international etwas in die Jahre gekommene Opernpublikum geprägt, sondern vielmehr durch ganze Heerscharen entspannt-frohgestimmter vorwiegend junger italienischer Urlauber, Singles und Paare mit Kindern, die mit Oper offensichtlich wenig im Sinn haben.

Piazza del popolo

Für alle agilen und neugierigen Pesaro-Besucher gilt trotz des Termindrucks durch zahlreiche Veranstaltungen: Ein Bummel durch die Altstadt, Plausch mit den Nachbarn, ein Ausflug in die umliegende, an die Toscana erinnernde bergige Landschaft und nicht zuletzt dolce fa niente am Strand bilden eine hinreißende Verbindung zwischen Kultur, Sonne und Meer. Was kann es Schöneres geben? In Pesaro klappt alles wie am Schnürchen, auch der kostenlose Transfer zu der zur Oper umfunktionierten Sportarena "Adriatic Arena".

Adriatic Arena

Die Nebenkosten (kleiner Imbiss, Cappuccino) sind nicht überzogen, die italienischen Gastgeber glänzen mit Liebenswürdigkeit und Lockerheit, und es fehlt völlig an der kreischenden Verkaufsatmosphäre und Hektik mancher Touristenorte.

Am Strand von Pesaro

In diesem August war es wieder soweit: Das Rossini Opera Festival in der Geburtsstadt des Meisters lud ein, diesmal wies das "Programma" mit "L`equivoco stravagante" ("Die verrückte Verwechslung"), "Maometto II" und "Ermione" drei Opernproduktionen aus, über die ich berichten möchte.
Autorin: Astrid Fricke

Rossinis "Ermione" in Pesaro 2008

Die Oper des damals 27-jährigen Rossini wurde am 27. März 1819 in Neapel mit geringem Erfolg uraufgeführt. Nach wenigen Aufführungen wurde der zweite Akt vollständig gestrichen. Erst im 20. Jahrhundert wurde die Oper wieder entdeckt und erlebte zumeist konzertante Wiederaufführungen, vornehmlich im angelsächsischen Raum.

In Deutschland sangen 1995 unter dem Dirigat Gustav Kuhns im Berliner Konzerthaus Daniela Longhi, Rosanna Mancarella, Patrizio Saudelli, Gianluca Floris und Enrico Facini. Die drei letztgenannten Tenöre hatten zuvor eine Saison lang am Staatstheater Braunschweig im „Otello“ von Rossini geglänzt. Damals wurde eine, derzeit noch nicht abgeschlossene, neue Entwicklung in der Ausbildung junger Sängerinnen und Sänger im Belcanto-Gesang vorangetrieben. Auch in Italien, dem Mutterland des Belcanto, fehlte weitgehend die entsprechende Ausbildung. Heute kann man davon ausgehen, dass in den Hochburgen des Belcanto die alte Technik des Schöngesangs wieder beherrscht wird.

Antonino Siragusa als Oreste und Sonia Ganassi als Ermione Nun wird im Programmheft des Rossini Opera Festivals von 2008 stolz gefeiert, dass zumindest „Oreste“, einer der männlichen Hauptsänger in der Ermione, von Antonino Siragusa, einem Italiener, gesungen wird. Pirro wird von Gregory Kunde, einem Amerikaner, verkörpert, in der wichtigen Nebenrolle des Pilade hat es der deutsche Tenor Ferdinand von Bothmer auf die Bühnenbretter von Pesaro geschafft.

Die Handlung der Oper gemahnt an Mozarts Oper „Titus“ – die römische Fassung einer Tragödie, in der eine jeweils vor Eifersucht und Enttäuschung rasende Frau – Vitellia bei Mozart, Ermione bei Rossini - einen Mord befiehlt, den Sextus (in „Titus“) bzw. Oreste bei Rossini ausführen sollen.

ErmioneWenn eben von „Belcanto“-Schöngesang, die Rede war, so sprengt die „Ermione“ Rossinis, deren Libretto auf eine Tragödie Racines zurückgreift, das einer typischen italienischen Oper des frühen 19. Jahrhunderts und auch einer „klassischen“ Rossini-Oper vorgegebene Muster in jeder Weise:

In der Ouvertüre singt ein unsichtbarer Männerchor, die Musik ist fast expressionistisch und nimmt phasenweise in ihrer Schärfe des Stils bereits Verdi und bei den zarten romantischen Bögen Bellini voraus. Die Hauptsängerin, zur Rossinizeit die Spanierin Isabella Colbran, welche Rossini selbst nicht nur als seine beste Sängerin, sondern auch als vorzügliche Schauspielerin schätzte, hat zum Schluss des ersten und auch des zweiten Aktes nicht die üblichen effektvollen letzten Töne zu singen, und außerdem wurde ihr, jedenfalls in Bezug auf die Oper „Mosé in Egitto“ von der zeitgenössischen Kritik vorgeworfen, sie singe „troppo laceranti le grida“ – „das Ohr zerreißende Schreie“ heißt es da wörtlich. Das mag auch für die „Gran Scena“ der Primadonna im zweiten Akt der „Ermione“ gelten, dort hat sie als enttäuschte und eifersüchtige Verlobte des Königs Pirro eine in sieben Teile gegliederte lange Arie, welche 69 Seiten des Autographs umfasst, zu bewältigen. Sie bringt so widersprüchliche Gefühle wie Liebe, Todessehnsucht, Eifersucht und Wut über ihre Demütigung in exaltierter Weise zu Gehör.

Rossinis eigene Befürchtung bereits vor der Premiere, die Oper könne „zu tragisch“ sein, mutet heute sonderbar an, war aber nicht unbegründet, da damals auch bei dem häufiger vertonten Stoff dieser Oper ein völlig unpassendes heiteres Ende zurechtgebogen wurde. Rossini wollte mit „Ermione“ etwas Außergewöhnliches schaffen, und das ist ihm gelungen. Allerdings bewirkt die Abweichung von der Tradition – wenige Ensembleszenen, wenige zündende Arien und stattdessen ein ständiges Auftrumpfen der überaus geforderten Hauptsänger – damals wie heute, dass selbst eingefleischte Rossini-Fans mit dieser Oper wenig anfangen können. Für mich stellte sie die schönste und aufregendste Inszenierung dieses Festivals dar. Ich wünsche der Oper eine wirkliche Renaissance.

Sonia Ganassi und Gregory Kunde Für die Oper werden in erster Linie grandiose Sängerschauspieler benötigt, in Pesaro gab es sie. Gregory Kunde überzeugt besonders im zweiten Akt und zeigt sängerisch mit der Stimme eines wahren Baritenore und darstellerisch die Zerrissenheit des Königs Pirro, der sich sehr wohl der Brisanz seiner unerwiderten Liebe zur schönen trojanischen Witwe und Mutter Andromaca, bewusst ist und zwangsläufig seine stolze Verlobte Ermione zurückstoßen muss. Als Otello machte Gregory Kunde im letzten Jahr in Pesaro noch mehr Eindruck auf mich. Da, wo er feurig die königlichen Koloraturen abfeuert, füllt seine schöne Stimme das Haus; seine lyrischen leisen Töne als die Sklavin Andromaca umwerbender Pirro gefielen mir dagegen nicht so recht. Das Publikum spendete ihm dennoch begeisterten Beifall.

Antonino Siragusa hielt mit starkem, in jeder Lage strahlendem „dramatischem" Tenor die schwierige Partie des Oreste bis zum Ende durch. Man nahm ihm die glühende bedingungslose Liebe zu Ermione ab und litt mit ihm, als er einwilligte, den ihm aufgezwungenen „Mord aus Liebe“ an König Pirro auszuführen, obwohl die sprungbereit im Hintergrund noch angeleint lauernden Erinnyen – kauernde Wesen mit schwarzen Hundeköpfen – bereits Unheil ankündigten.

Sonia Ganassi als Ermione sang makellos mit vollem Sopran und agierte mit viel Gefühl. Unglaublich, welche Kraft für diese Rolle vonnöten ist!

Marianna Pizzolato als Andromaca

Eine weitere Hauptrolle fällt der Andromaca, makellos von Marianna Pizzolato verkörpert, zu.

Auch die Nebenrollen: Nicola Ulivieri (Fenicio), Irina Samoylova (Cleone), Cristina Faus (Cefisa), Riccardo Botta (Attalo) und nicht zuletzt der bereits erwähnte Ferdinand von Bothmer als Pilade fügten sich hervorragend in das Ensemble ein, ebenso wie der Coro da camera di Praga unter Jaroslav Brych. Ferdinand von Bothmer hatte sich endgültig im zweiten Akt freigesungen und glänzte im Duett mit Nicola Uliveri als Fenicio. Den Taktstock schwang Roberto Abbado und hielt die Spannung von Anfang bis Ende. Besonders beeindruckten mich seine dynamisch fein abgestuften Begleitungen der zahlreichen, wunderbar auskomponierten Rezitative, in denen Rossini Passagen „von außerordentlicher Modernität“ (Bruno Cagli) gelingen.

Sonia Ganassi und Chor

Auch die Regie von Daniele Abbado war dem antiken Stoff angemessen: Einerseits klassisch-antike Kühle und Strenge in Bühnenbild und Kostümen in apartem Schwarz und Weiß sowie Rot, andererseits viel Bewegung und ausdrucksstarke Personenregie im zweiten Akt, wo oft nur zwei oder drei Sänger einander umkreisen. Im ersten Akt singt noch der Chor der Gefangenen in einem unterirdischen Verlies, das durch Mauern in verschiedene Bereiche getrennt wird und aus dem auch der kleine Sohn der Andromaca fast nackt herausgezogen wird.

Marianna Pizzolato Zu Beginn des zweiten Akts bewegt sich dort nur noch die unglückliche Andromaca. Der Schluss der Oper hätte meines Erachtens einen auch visuell dramatischeren, dynamischen Effekt gebraucht. Warum nicht die hundeköpfigen Erinnyen als Jäger des Oreste einsetzen, während Ermione auf der Bühne ohnmächtig zusammenbricht? „Gejagt von den Furien, (Orest) weggetragen von seinen Gefährten“– so endet die Oper (G. C. Ballola im Programmheft S. 27). Der Anblick des an die Palastpforte genagelten toten Pirro als Schlussbild befremdete dagegen nur, entsetzte jedoch nicht.

Bei der Abfassung dieser Rezension war mir das schöne diesjährige Begleitheft zur Oper „Ermione“ des Rossini-Festivals eine große Hilfe, insbesondere nützten die von Michael Aspinall in ein hervorragendes Englisch übersetzten Beiträge von Giovanni Carli Ballola sowie von Arrigo Quattrocchi, der auf S. 45 den Geschäftsführer der Rossini-Gesellschaft Reto Müller zitiert.

Autorin: Astrid Fricke, besuchte Vorstellung in der Adriatic Arena am 16. August.

Rossinis "Maometto II" in Pesaro 2008

Die Oper wurde in der Adriatic Arena aufgeführt. Es handelt sich um eine Neuproduktion in Zusammenarbeit mit dem Theater Bremen unter dem Dirigat des in Österreich geborenen Gustav Kuhn, Regie Michael Hampe. Ab 15. März 2009 wird diese Inszenierung in Bremen zu sehen sein. Das ist sicherlich für viele Opernfreunde eine willkommene Gelegenheit, nach Bremen zu fahren, da das großartige Werk selten szenisch aufgeführt wird.

Daniela Barcellona (Calbo), Francesco Meli (Erisso), Enrico Iviglia (Condulmiero)

Den Vater Erisso der jungen Anna, die den Feind Maometto liebt, sang Francesco Meli mit wunderbarer Tenorstimme. Anna selbst wurde mit hellem jugendlichem Sopran, der sich im Laufe der langen Partie deutlich steigerte, von der Lettin Marina Rebeka verkörpert. Calbo, der um Annas Hand anhält und sie schließlich erhält, war der ausdrucksstarken Daniela Barcellona auf den Leib geschneidert. Sie glänzte in der Hosenrolle, die ihr Koloraturen über mehrere Register hinweg abverlangte. Die Titelrolle des Maometto war auch diesmal wieder Michele Pertusi vorbehalten, der in jeder Hinsicht zu überzeugen vermochte. Die Nebenrollen wurden mit geschmeidigen Belcanto-Sängern besetzt: Enrico Iviglia sang den Condulmiero, Cosimo Ponozzo den Selimo. Es sang der Coro di camera di Praga unter Lubomìr Mátl; das Bühnenbild schuf Alberto Andreis, die Kostüme Chiara Donato.

Maometto II

Die stimmlichen Anforderungen an die Sänger sind auch in dieser Oper ungeheuer. Hinzu kommt die extreme Handlung, die nicht glücklich ausgeht, sondern mit dem Selbstmord Annas tragisch endet. Auch die männlichen Helden sind keine Sieger-, sondern eher Verlierertypen. Ihre militärische Lage in der belagerten Stadt ist aussichtslos, das Kriegsglück schwankt im Laufe der Handlung. Da die Oper im Italien des frühen 19. Jahrhunderts, das auf der Bühne keine Extreme sehen wollte, sondern eine gewisse klassische Mäßigung bevorzugte, aus der Reihe fiel und ihr dort zunächst kein großer dauerhafter Erfolg beschieden war, sah sich Rossini veranlasst, diese Oper später für Paris zu überarbeiten, ein Schicksal, dass seiner „Ermione“ verwehrt blieb, möglicherweise, weil dort zu sehr „weibliche“ Leidenschaften im Mittelpunkt standen, während im Maometto II immerhin eine Heer- und Waffenschau auf die Bühne gebracht werden kann.

Marina Rebaka (Anna), Francesco Meli (Erisso), Daniela Barcellona (Calbo)

An dieser Stelle wage ich eine Kritik an der Inszenierung. Wie die Fotos schonungslos zeigen, ist diese ausgesprochen konventionell; sie hätte ohne Weiteres aus den 60er bis 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts stammen können. Ein Opernpublikum, das keine Experimente wünscht, kann der „Augenlust“ frönen und im Laufe der Aufführung orientalische prachtvolle Gewänder und Rüstungen, diverse in heroischer Pose ausgestreckte Schwerter, Bögen, Krummdolche etc. sowie vor dem Abend- oder Nachthimmel düster aufragende Burgzinnen studieren.

Marina Rebeka (Anna) und Chor

Wenn dann aber auch noch ein wenig inspiriertes, lediglich handwerklich sauber abgespultes Dirigat hinzukommt, wird es „eng“. Bei mir hinterließ die Aufführung daher insgesamt trotz der hingebungsvollen Bemühungen der Sänger keinen nachhaltigen Eindruck, zumal ich noch im Banne der noch extremeren und meiner Meinung nach viel packender inszenierten „Ermione“ stand. Anders verhielt es sich bei der konzertanten Aufführung des „Maometto II“ im Concertgebouw Amsterdam am 12. Mai 2007, die als musikalisches Ereignis in der Erinnerung bleibt.

Autorin: Astrid Fricke, besuchte Aufführung am 18.8.2008

26. August 2008

Rossinis “L'equivoco stravagante” in Pesaro 2008

Für diese Oper braucht man vor allem eines: vier hervorragende Sänger. Diese standen in Pesaro zur Verfügung: Ernestina wurde brillant und geschmeidig von Marina Prudenskaja gesungen, für mich eine der wichtigsten Entdeckungen des Festivals. Bruno de Simone verfügt über den beweglichen Bass, den die Rolle des Gamberotto erfordert. Marco Vinco machte als Buralicchio einen hervorragenden Eindruck. Da stimmte jede Note, und beim zungenbrecherischen Prestissimo sucht er seinesgleichen. Eine weitere Überraschung des Abends war für mich der weiche Tenor des Dmitry Korchak als Ermanno. Er wurde von der Regie weniger als „Lehrer“ der Ernestina, sondern vielmehr als sie permanent anschmachtender schüchterner Liebhaber im modernen etwas schlabberigen Freizeitlook vorgeführt, durfte sich aber zu Recht über den einzigen enthusiastischen Szenenapplaus des Abends freuen. Hinzu kommen die Dienerrollen der Rosalia, hervorragend gestaltet von Amanda Forsythe, und des Frontino, ebenso gut gesungen von Ricardo Mirabelli.

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In gewohnter klanglicher Qualität trat der Coro da camera di Praga auf, diesmal wieder von Pavel Vanek geleitet. Auch die Choreographie des Chores stimmte: Beflissene Angestellte im ersten Akt, torkelnde Ordnungshüter im zweiten. Es spielte das Orchestra Haydn di Bolzano e Trento unter dem Dirigat von Umberto Benedetti Michelangeli schnell, makellos, aber unterkühlt. Hier fehlte der Schwung, das sahen andere Opernliebhaber ebenso. Überhaupt hatte die Aufführung Mühe, in Fahrt zu kommen, und wurde vom Publikum recht kühl aufgenommen. Vielleicht lag das an der Inszenierung, die sehr ausgefeilt war, aber der Ironie, dem Witz und der Doppelbödigkeit der Vorlage wegen eines verfehlten Konzepts nicht gerecht wurde. Das Regiekonzept verhinderte eine Feinzeichnung des Charakters der tragenden Frauenrolle Ernestina.

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Diese hat die ausdrucksstärksten und schwierigsten Arien zu singen. Ihr Charakter ist differenziert angelegt: Sie studiert einerseits Philosophie und spricht Ermanno als „nuovo Plato“ an, als Gamberotto ihn als ihren Hauslehrer (und gleichzeitig Buralicchio als ihren künftigen Verlobten) vorstellt. Andererseits wird sie von einem ihr bisher unbekannten Liebessehnen erfasst, das sie selbst als „ipocondria“ bezeichnet. Sie vergräbt sich in ihrer „magnifica libreria“, ihrer „prächtigen Bibliothek“, und ruft sowohl die Göttin Minerva als auch Ariost und andere Dichter als Verfasser „moralischer Bücher“ auf, ihr bei ihrer „ipocondria“ beizustehen. „Ernestina, an einen Tisch gelehnt, über verschiedenen Büchern sinnend, indem sie mal das eine, mal das andere mit der Lorgnette betrachtet“ (Regieanweisung im Original-Libretto). In geradezu liebevoller und gleichzeitig spöttischer Weise wird hier Ernestinas innere Welt abgebildet.

Im ursprünglichen Libretto sind die von ihr gesungenen Verse geradezu schockierend. Marco Beghelli und Stefano Piana belegen unter der Überschrift: „Ein etwas …'schlüpfriger Start'“ im Programmheft der Bad Wildbader Aufführung von 2000 an Beispielen, inwieweit die Zensur bereits vor der ersten Aufführung Passagen des Chors, in denen unverhohlen Ernestinas sexuelle Unerfülltheit angesprochen wird, „entschärfte“ und in Verse umwandelte, „an denen nicht einmal der Prüdeste Anstoß nehmen kann“.

Der Konflikt zwischen Ratio und Gefühl bleibt jedoch. Ernestina: „Schuld ist die Liebe, die dieses Herz zerreißt….“ Chor als Antwort: „Welche Frau! Ein wahrer Merkur! Welch großes Wissen.“ Dieser Konflikt zeigt sich später noch einmal, als Ernestina den Verehrer Ermanno im letzten Akt zunächst mit Haarspaltereien grausam zurückweist und auf die Probe stellt (10. Szene: „Ich bin aus anderem Holz geschnitzt, bin eine ernsthafte Literatin, das versichere ich dir.“), bevor die beiden, begleitet von resignierenden bis abgeklärten Tönen Buralicchios und Gamberottos, endlich im innigen Liebesduett vereint sind. Bis dahin versucht Ernestina in komischer Weise während der ganzen Oper, sich als Philosophin und kühle Analytikerin von Gefühlen zu profilieren: Den Körper bestimmt sie für den Verlobten, die Seele für den Lehrer.

Ernestina als „Bücherwurm“ verlässt also schon im Jahre 1811, als die Oper in Bologna uraufgeführt und nach drei Aufführungen von der Zensur wieder abgesetzt wurde, die Pfade traditioneller Weiblichkeit, sie ist eine „Emanze“. Allerdings keine hässliche, wie das Libretto unmissverständlich klar macht, sondern eine schöne, die auch den reichen und etwas dummen „Tölpel“ Buralicchio zu reizen vermag – oder ist es nur die zu erwartende Mitgift?

Nach nur drei Aufführungen wurde, wie gesagt, die Oper abgesetzt und für lange Zeit nicht mehr aufgeführt, ein unverdientes Schicksal! Möglicher Grund für das Verschwinden dieser Oper von den Spielplänen des 19. Jahrhunderts mag auch die Unverfrorenheit gewesen sein, mit der sich das Libretto über Kastraten lustig macht, ein damals heikles Thema. Der Diener Frontino spielt Buralicchio nämlich einen Brief zu, in dem die Rede davon ist, dass Ernestina in Wirklichkeit Ernesto, Sohn Gamberottos, sei und als Mädchen verkleidet vor dem Militärdienst versteckt werde. Buralicchio glaubt sofort, maskuline Züge an seiner mit Ermanno turtelnden Verlobten zu entdecken, und lässt sie als vermeintlich Fahnenflüchtigen verhaften. Nachdem Ermanno sie aus dem Gefängnis befreit hat, wird Buralicchio zur Rede gestellt, und allgemeine Empörung löst sein Ausruf aus, Ernestina sei doch ein „musico“ – seinerzeit Synonym für einen Kastraten. Zu dieser Thematik kann allerdings eine im 21. Jahrhundert angesiedelte Inszenierung nicht recht passen.

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In der Inszenierung in Pesaro wird aus dem „reichen Bauern“ und Schlossbesitzer Gamberotto nämlich ein heutiger neureicher Obst- und Gemüsehändler. Gleich zu Beginn stehen große Container mit entsprechenden Aufschriften auf der Bühne des alt-ehrwürdigen Rossini-Theaters. Das wirkt sehr ernüchternd, wenngleich wohl niemand die „Außenansicht eines alten Schlosses mit Zugtüre, die hineinführt“ erwartet hat. Dann verändert sich die Szenerie, es sieht aus nach Konzernzentrale mit Hintergrundflächen in schwarz-weißem Schachbrettmuster. Auf einem riesigen Glastisch, getragen von weißen Bällen, räkelt sich mit katzengleichen Bewegungen Ernestina, singt vor Augen und Ohren der mal ergriffen lauschenden, mal vor ihr ängstlich zurückweichenden „Manager“ ihre Arie, in der sich alles um ihre „Unausgefülltheit“, ihre rätselhafte innere Leere dreht. Keine Bibliothek, nur ein einziges Buch, in dem sie blättert.

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Ernestina ist in Papas Betrieb offenbar zur Juniorchefin aufgestiegen. Durch diese Angepasstheit, durch ihre Reduktion auf eine sexy Wildkatze im hautengen schwarzen Glitzerkleid mit weißer Schärpe, die die Männer anzieht und gleichzeitig abstößt, wird der Rolle ihre Vielschichtigkeit genommen. Ernestina ist hier offenbar eine moderne Emanze, aber eine solche, die sich nur noch im Aufbegehren gegen die Männerwelt verwirklicht. Da bot die Bad Wildbader Inszenierung mehr, hier durfte Ernestina charmant und hübsch sein, aber auch etwas linkisch und vor allem an Philosophie und Büchern interessiert. Von dieser Literaturbegeisterung war in Pesaro nichts zu bemerken.

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Nach dem strengen schwarz-weißen Start im ersten Akt wurde es im zweiten Akt bunt. Zunächst ein sündiges Rot, dann trat das weibliche Personal in grellfarbigen rosa und grünen Tüllröcken auf, die nicht jede Dame vorteilhaft aussehen ließen.

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Lediglich das große Sitzmöbel inmitten der Bühne in Form einer großen aufgeschnittenen Himbeere, auf der sich das Liebespaar Ernestina und Ermanno scheinbar verborgen mit dem Rücken zum Publikum umarmt, war witzig und faszinierend, gestattete doch ein darüber angebrachter Spiegel mit Goldrand dem Publikum, die turtelnden Tauben zu beobachten.

Insgesamt eine Inszenierung, die - gemessen an gewohnten Zumutungen - nicht erschreckt, aber auch nicht restlos zufrieden stellt. Vor allem bleibt die fantastische gertenschlanke und groß gewachsene Marina Prudenskaja im Gedächtnis haften, die mit ihrer Stimme all das auszudrücken vermochte, was die Regie von Emilio Sagi und das Bühnenbild von Francesco Calcagnini schuldig blieben.
(Librettoauszüge auf Deutsch zitiert nach Reto Müller, L'equivoco stravagante, Libretto Italienisch/Deutsch, Rossini in Wildbad 2000)

Autorin: Astrid Fricke unter Mitarbeit von esg, besuchte Vorstellung am 14. Aug. 2008 im Teatro Rossini

24. Juli 2008

GIOACHINO ROSSINIS "OTELLO" in Wildbad

Zum 20-jährigen Bestehen des Belcanto Opera Festivals „Rossini in Wildbad“ gab es 2008 erstmals die Oper "Otello"

Vor einem düsteren Hintergrund spielt sich inmitten von Pfählen, die einige an Weidenruten, andere an Pfosten erinnerten, an denen in den Kanälen der Lagunenstadt Venedig die Gondeln festmachen, das bekannte Eifersuchtsdrama ab. Eigentlich müsste das Stück „Desdemona“ heißen, denn anders als bei Shakespeare steht die Zerrissenheit der Frau (Desdemona) zwischen Vater (Elmiro) und heimlichem Gemahl (Otello) im Vordergrund und verdrängt fast die Intrigengeschichte um den Mohren.

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In der Oper wird Otello von einem Tenor gesungen, ebenso sein Widersacher Jago, hinzu kommen in der gleichen Stimmlage Rodrigo und nicht zuletzt im dritten Akt der kurze, aber effektvolle Gesang des unsichtbar bleibenden Gondoliere aus der Ferne. Weitere Tenöre sind Otellos Vertrauter Lucio und der venezianische Doge. So haben wir insgesamt sechs Tenöre in dieser einzigartigen Oper. Es bedarf schon der Meisterschaft eines Rossini, um so viele hohe Männerstimmen in einer Weise zusammenzuführen, dass nicht ein langweiliger weichlicher Wohlklang entsteht, sondern höchste Spannung. Die Tenorlagen sind in der Tessitura nicht einheitlich, sondern trotz gleichen Lagebereichs durch Abstufungen – Baritenore, hoher Tenor – gekennzeichnet. Neben den Kompositionsmerkmalen bewirkt diese Lagendifferenzierung zusätzlich, dass der Gesang in den Ensembleszenen deutlich vielstimmig bleibt und die Personen unterschiedlich charakterisiert werden.

Rossinis Oper inspirierte den jungen Dichter Wilhelm Hauff zu der gleichnamigen Erzählung „Othello“. Diese erschien 1826, zehn Jahre nach der Uraufführung der Oper in Neapel. Zu der Zeit war die Oper schon in ganz Europa berühmt und sollte das noch für lange Zeit bleiben.

Kein Wunder, dass der Romantiker Hauff besonders das – von einem Wellenmotiv in den Streichern eingeleitete - wehmütige Lied von der Weide behandelt, das Desdemona im dritten Akt in ihrem Schlafzimmer singt, kurz bevor der wütende Otello eindringt.

Ausdrucksvolle Harfenklänge begleiten sie, bevor sie ins Stocken gerät und ihr Lied nicht mehr zu Ende führen kann. In frühen Sängerinnenportraits wird Desdemona gerne an der Harfe sitzend abgebildet, und dieses Bild gibt auch Hauff wieder: …“sanft, arglos wie ein süßes Kind sitzt sie an der Harfe“…

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Michael Spyres sang mit dunklem Timbre kraftvoll die Otello-Koloraturen. Er war bereits 2007 als Alberto in „La gazzetta“ bei „Rossini in Wildbad“ aufgetreten. Ein Tenor, der ganz sicher eine große Karriere vor sich hat. Jessica Pratt als Desdemona überzeugte ebenfalls. Sie hat alles, um in dieser Rolle zu glänzen: makellose Rossini-Technik in Forte- wie in Piano-Passagen, eine weiche Stimme, die auch in der Tiefe schön klingt, und große Ausdruckskraft, die in dieser Rolle notwendig ist. Filippo Adami meisterte kraftvoll die halsbrecherische Partie des Rodrigo. Ausgestattet mit einer hellen, etwas harten Stimme könnte man ihn als „weißen Tenor“ einstufen. Als Gondoliere sang Leonardo Cortellazzi die Vertonung von Dantes Versen über den Schmerz, den die Erinnerung an schöne Momente des Lebens bei dem Leidenden hervorruft, mit einer Ausdruckskraft, wie ich sie bisher noch nicht gehört habe. Auch sämtliche anderen Sängerinnen und Sänger verdienen großes Lob: Geraldine Chauvet als Emilia, Sean Spyres als Doge, Hugo Colin als Lucio, Ugo Guagliardo als Elmiro und schließlich Giorgio Trucco in der Rolle des Jago, wobei Letzterer als Kokain schnupfender Fiesling neben dem allmächtigen Dogen eine Atmosphäre von ständiger Gefahr zu verbreiten wusste. Als „Vocal Coach“ zeichnet sich Raul Giménez aus.

Besonderes Lob verdient auch der süchtig machende Chor, der Philharmonische Chor Transilvania Cluj, Leitung Cornel Groza. Nicht zuletzt gefiel die Berliner Kostümbildnerin Claudia Möbius mit einem zauberhaften grau-weiß plissierten Brautkleid für Desdemona. Sie hat auch die Gewänder für den diesjährigen „Don Giovanni“ von Pacini in Bad Wildbad geschaffen.

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Annette Hornbacher als Regisseurin merkt man die Erfahrung mit der kleinen Bühne des Kurhauses an. Sie nutzt sämtliche Möglichkeiten der Spielstätte, so dass man letztlich vergessen kann, dass hier große Oper auf begrenztem Raum geboten wird. Ihre düster-prächtige Inszenierung mit tollen Lichteffekten (Beleuchtung: Michael Feichtmeier, Sebastian Götze, Frieder Keller) hebt sich deutlich von der letztjährigen Otello-Inszenierung in Pesaro ab. Dort mediterranes Flair mit lichten blauen Wellen, hier eine „dämonische“ Renaissancewelt in Grau, Schwarz und Blutrot. Nur die „Zweige“ oder „Stecken“, in denen sich die Darsteller wie in ihren übermächtigen Gefühlen „verirren“, zeigen einen Hauch von bleicher Natur.

Viele Opernbesucher, die wohl den Verdi-Otello kannten, nicht aber die gleichnamige und viel frühere Oper von Rossini, waren sich einig, dass dieser Otello ihr bisheriges Rossini-Bild verändert hat. Sie erlebten ein fast wuchtig zu nennendes Operndrama, kein Schäkern zwischen den Geschlechtern wie beim „Barbier von Sevilla“ und kein glücklich endender Liebeszauber à la „Cenerentola“, sondern Kampf- und Gewitterszenen, die die wenigen lyrischen Momente schroff und gewaltsam unterbrechen, schließlich auch kein „happy end“, das damals fast obligatorisch für den Erfolg einer Oper schien.

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Bei fast allen Festivalproduktionen spielte mit viel Schwung das tschechische Orchester Virtuosi Brunensis, das von Karel Mitas geleitet wird. Sämtliche Pulte sind mit hervorragenden Könnern besetzt. Fast alle Mitglieder des Orchesters sind noch sehr jung.

Das Dirigat lag in den Händen von Antonino Fogliani, der in der Ouvertüre auf unangenehmes Glissando und Effektheischerei bei den ersten Violinen verzichtete. Er dirigiert einerseits deutlich, temperamentvoll und mit vollem Körpereinsatz, andererseits aber auch mit Seele; er lässt den Solisten den notwendigen Spielraum, um zu interpretieren und auszusingen.

Autorin: Astrid Fricke, Mitwirkung Dieter K.und esg; besuchte Vorstellungen am 17. und 19. Juli 2008

Rossinis "L´Italiana in Algeri" in Bad Wildbad, 2008

Wir erlebten eine Aufführung im Kurtheater Bad Wildbad mit einem überragenden Savio Sperandío als Mustafa. Mit seinem wohl tönenden Bass bewältigt er die schwierigsten Koloraturen und im Schnellgesang geht ihm keine Silbe verloren, wie man auch in der Pappataci-Aufführung am 19. Juli feststellen konnte. Auch darstellerisch war er ein Ereignis. Mit großer Delikatesse zeigte er, dass Mustafa nicht nur ein eitler und letztlich unsicherer Macho ist, sondern auch ein großherziger Verlierer, dem man schließlich sogar abnimmt, dass er die stolze Italienerin Isabella ziehen lassen kann und sein Herz für die ebenfalls gewandelt aus allen Verwicklungen hervorgehende orientalische Ehefrau Elvira wieder entdeckt. Neben allen „Verrückheiten“ dieses „albernen“ Stoffes steckt also mehr dahinter, nämlich eine allgemein gültige Analyse festgefahrener Beziehungen und „exotischer“ Versuchung. Nur Klamauk? Nein, damit wird man diesem Feuerwerk an Situationskomik und witzigen Einfällen nicht gerecht.

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Elsa Giannoulidou war eine dem Mustafa ebenbürtige Isabella, ihr Mezzosopran ließ keine Wünsche offen. Im roten Reisekostüm und später in ebenso rotem Kleid, entworfen von Claudia Möbius, beherrschte sie auch optisch mit koketter Noblesse die Bühne. Als strahlender Tenor mit ausdrucksvollem Liebesschmachten und perlenden Koloraturen glänzte an ihrer Seite Pablo Antonio Martín Reyes in der Rolle des Lindoro, des "Lieblingssklaven des Beys" Mustafa. Er ist Finalist bei Domingos im September stattfindender "Operalia" und war "Cover" für Florez beim letztjährigen Otello in Pesaro, gehört also bereits zu den Arrivierten. Isabellas Erziehungsversuchen auf dem Weg zur selbstbewussten Ehefrau fügte sich letztlich Ruth Gonzalez als bemitleidenswerte Elvira, die Gattin des Beys. Ihr heller Sopran ließ sogleich aufhorchen. Ihre hohen Töne erschienen mir zuweilen schrill. Dennoch war ich insgesamt mit der Wahl dieser flinken kleinen Sängerin zufrieden, weil sie stimmlich Jammer und Leid der verstoßenen Ehefrau des Mustafa auch in den Ensembleszenen unüberhörbar machte. Loriana Castellano in der Nebenrolle der Zulma gefiel mir außerordentlich, ich war jedes Mal betrübt, wenn ihr Auftritt vorbei war. Stefan Hagendorn als Haly, Kapitän der algerischen Korsaren (in der Inszenierung „Chef der Security“), war mir bereits aus Braunschweig bekannt, wo er in einer Cenerentola für Kinder sein Können bewies. Taddeo wurde tadellos von David Mc Ferrin gesungen. Ihn verschlug es als Isabellas Begleiter in das Reich des Bey Mustafa; er überzeugte mit flüssig perlenden Läufen und viel Spielwitz.

Das Dirigat des jungen Japaners Ryuichiro Sonoda, äußerlich ein ähnlicher Dirigententyp wie Fogliani (Otello), war sicher und überzeugend. Mit großer Sensibilität hatte er seine Leute im Orchester im Griff. Die Tempi waren zu Beginn behutsam, aber nicht lahm, Spannung wurde dann unaufhaltsam aufgebaut und nicht mehr fallen gelassen.

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Während die Personenregie die Verunsicherung der Protagonisten durch das teils unfreiwillige Aufeinanderprallen zweier Welten glaubhaft machte und den Sängern auch darstellerisch Differenzierungen abverlangte, gefielen mir Ausstattung und Bühnenbild nicht. Die Handlung spielte im ach so exotischen Dubai. Eine Damen-Putzkolonne war am Werk, im Hintergrund lief immer jemand herum und störte bei der Darbietung der schönsten Arien. Der Security-Chef prüfte und konfiszierte, und Männer in Pilotenanzügen trugen kleine Flugzeuge an Stecken über die Bühne, denn nach Dubai fliegt man bekanntlich und kommt nicht mit dem Schiff. Spätestens an dieser Stelle fühlte ich mich an Schülertheater erinnert. Schreiende unharmonische Farben, riesige rote Kissen, die umherfliegen, gebastelte Hüte, die nicht sitzen wollen und mit der Hand festgehalten werden müssen, viel Gerümpel auf der Bühne. Das störte einige mehr, andere weniger. Ich weiß allerdings von Besuchern, die auch an dem viel Vergnügen hatten, was zu sehen war.

Autorin: Astrid Fricke unter Mitwirkung von esg; besuchte Vorstellung am 16. Juli 2008

Rossinis "Edipo a Colono" in Bad Wildbad, 2008

Im Rahmen des Festkonzertes aus Anlass des Jubiläums "20 Jahre Rossini in Wildbad" am 20. Juli 2008 wurden zum gleichen Thema zwei unterschiedliche Werke aufgeführt. Zum einen die bejubelte Uraufführung "KOLONOS" von Wolfgang Rihm und zum anderen Rossinis "Edipo a Colono".
Die Grundlage für Rossinis Auftragswerk "Edipo a Colono" bilden die von dem Literaten Giambattista Giusti in ein sangbares Italienisch transponierten Verse des antiken griechischen Dichters Sophokles. Das zunächst unvollständige Werk wurde höchstwahrscheinlich von Rossini zwischen 1840 und 1843 selbst vervollständigt und nicht von einem unbekannten Mitarbeiter.
Im Programmheft heißt es in der Überschrift: "Rossinis Edipo a Colono – Befremdendes Ergebnis eines Experiments". Das klingt intellektuell und abgehoben, ist es aber nicht. Singt ein Bass wie Lorenzo Regazzo den Corifeo in Rossinis Schauspielmusik zur Tragödie des Sophokles, stellt sich Ergriffenheit ein. In tiefen klagenden Tönen wird das Schicksal des blind in Kolonos umherirrenden Ödipus geschildert. Da geht es um eine Natur, die er nicht mehr sehen kann, um eine Begegnung mit dem Totenreich vor dem endgültigen Verlöschen. Das wird akzentuiert durch eine fein ausgearbeitete Orchesterbegleitung. Streckenweise bildet heller Geigenklang einen eindrucksvollen Gegensatz zu der vom Gesangssolisten ausgedrückten Trauer. Diese Musik, mit Männerchor untermalt, erinnert vordergründig überhaupt nicht an Rossinis eher diesseitiges Opernschaffen. Die Stimmung von Fremdheit und Verlassenheit, die auch Rihms anschließend aufgeführtes Stück „Kolonos“ mit dem Altus Matthias Rexroth auszeichnet, wird durch die seltsamen, gleichwohl auch in der Übertitelung verständlichen Texte verstärkt. Ein tief beeindruckendes Werk! Das Dirigat lag wiederum in den bewährten Händen Antonino Foglianis.
In 3sat wurde ein kurzer Filmbeitrag zum Festkonzert gesendet. Hier direkt zum Filmabruf.
Autorin: Astrid Fricke unter Mitwirkung von Dieter K.

23. Juli 2008

PACINI bei "ROSSINI IN WILDBAD 2008"

Erste öffentliche Aufführung der Oper "Don Giovanni – Il convitato di pietra" - Der Steinerne Gast - von Giovanni Pacini

Giovanni Pacini (1796 in Catania geboren, 1867 in Pescia gestorben), ein Zeitgenosse Rossinis und nur wenige Jahre jünger als dieser, schrieb im Jahre 1832 für einige seiner Verwandten und Freunde die Musik zu einer kleinen Oper, einer „Farsa“, die nach ihrer privaten Uraufführung in der Sommerresidenz des Freundes und Gönners Belluomini in Viareggio in der Versenkung verschwand und nun erstmalig wieder in Bad Wildbad aufgeführt wurde. Giovanni Pacini war mit über 80 Opern einer der produktivsten Komponisten der Belcanto-Ära, und es verwundert daher nicht, dass er imstande war, zum Geburtstag seines Vaters eine Oper zu komponieren, die dann auch aufgeführt wurde! „Ihr wollt eine Oper?“ könnte er gefragt haben, „machen wir uns doch eine!“ Und Pacini wählt den Don-Giovanni-Stoff und besetzt die Rollen mit Mitgliedern und Freunden der Familie und dies nach Meinung der Regisseurin Anke Rauthmann nicht ohne Hintergedanken! Der Vater, das stolze Familienoberhaupt, muss den Diener spielen, während Pacinis Bruder die Rolle des Don Giovanni übernimmt. "Der Vater beginnt zu ahnen, dass sein Sohn mit diesem Don Giovanni-Spiel ein Exempel statuieren will, um ihn, den Patriarchen, an seinem Geburtstag als einen alten Don Juan zu entlarven."

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Das kleine Kurtheater ist fast vollständig renoviert und die große Mühe, die sich Förderkreis und Sponsoren gemacht haben, hat sich gelohnt. Das Kurtheater strahlt in neuem Glanz, insbesondere die Deckenmalerei in roten und grauen Farbtönen bezaubert. Das kleine Werk über den Verführer Don Giovanni, der wie bei Mozart am Ende vom Steinernen Gast die gerechte Strafe erhält und sein Leben aushaucht, stellte für mich die gelungenste Inszenierung des diesjährigen Festivals dar, auch wenn die Bedeutung des kleinen Werks bei weitem nicht an die einer „großen Oper“ heranreicht. Die Bühne, geschaffen von Britta Blanke, wurde beherrscht von einer schrägen, wie ein Bild gerahmten und mit einer goldglänzenden Girlande geschmückten Fensterfront mit Lamellen und Tür in der Mitte. Davor ein riesiger Tisch mit weißer Tischdecke, der ab und zu unauffällig beiseite geschoben wurde, um Raum zu schaffen. Ein Bühnenbild von großer, klassischer „clarté“. Dieses großartige, schlichte Bühnenbild ließ sich übrigens hervorragend für den musikalischen Pappataci-Spaß und „Tenor/Bass-Sängerwettstreit“ verwenden, der anderntags hier stattfand.

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Öffnen sich die Lamellen dieser „Fenstertür“ im „Don Giovanni“ dann und wann ein wenig, so wird der voyeurhafte Blick auf ein ansonsten verborgenes Innenleben der Protagonisten ermöglicht, die insgeheim ihren triebhaften Neigungen nachgehen, während im Vordergrund die Etikette gewahrt bleibt. So tanzt die Hochzeitsgesellschaft zusammen mit Masetto und Zerlina, wie es Brauch ist, Donna Anna räkelt sich sinnlich, während gleichzeitig nicht nur Don Giovanni, sondern auch alle anderen Mannsbilder bis auf den treuen Masetto hinter dem Rücken der anderen „Jagd“ auf alles machen, das einen Rock trägt. Und diese zweite Realität einer vergnügungssüchtigen Gesellschaft wird nicht platt ausgewalzt, sondern nur in kurzen Sequenzen erhellt und ans Licht gezerrt – während vorne, wie gesagt, die Contenance gewahrt bleibt.

Ein Mozart-Vergleich verbietet sich. Bei Pacini geht es „nur“ um die Unterhaltung seiner musikalischen Sänger- und Komponistenfamilie. Das spaßige Element, das auch Mozart in der Figur des Leporello eingebaut hat, wird ausgewalzt. Dennoch waren sich alle Besucher einig: Es gab herrliche Musik zu erleben, eine typische Belcanto-Oper aus der Rossini-Zeit.

Leonardo Cortellazzi verkörperte einen lässigen Don Giovanni voller Charme und Grazie in Stimme und Auftreten. Dämonie sucht man vergebens, fast empfindet man Mitleid mit seinem Ende. In Erinnerung bleibt seine klangvolle Tenor-Stimme. Was er vermag, zeigte sich übrigens auch deutlich bei der Pappataci-Aufführung am folgenden Tag und ganz besonders ließ sein intensiver Auftritt als Gondoliere in der Wildbader Otello-Produktion aufhorchen. Michael meint übrigens, dass „Una furtiva lacrima“, anderntags von Cortellazzi bei „Pappataci“ gesungen, zu den zwei besten Live-Darbietungen dieser berühmten Donizetti-Arie seines Lebens gehört – und Michael versteht etwas von Stimmen!

Donn` Anna wurde von Geraldine Chauvet gesungen, ein traumhaft weicher glutvoller Alt! Zinovia-Maria Zafeiriadou gab die Zerlina, als Masetto und Commendatore überzeugte Ugo Guagliardo, Giulio Mastrotataro als Ficcanaso (bei Mozart Leporello) belebte als gebeutelter Diener und glänzte wie bei Mozart ebenfalls in einer witzigen „Registerarie“.

Eine nicht unbedeutende Rolle spielten die Tanzszenen. Sie vermochten mit einer innovativen Gebärdensprache und schlangengleichen Körperbewegungen die Absicht der Regisseurin zu verdeutlichen, dass es in dieser „Familiengeschichte“ um mehr als bloße Unterhaltung geht. Es traten auf: Kornelia Gocalek/ Hausmädchen, Krankenschwester, sowie Patrick Wurzel als Hausdiener. Kornelia Gocalek hat bereits mehrfach mit Anke Rauthmann, der Regisseurin des Wildbader Don Giovanni, zusammengearbeitet. Ich wünschte, beide hätten noch oft die Gelegenheit, ihr Können in Operninszenierungen zu zeigen.

Mit Rhythmus im Blut wiederum der Chor: Philharmonischer Chor Transilvania Cluj. Die musikalische Leitung oblag Daniele Ferrari, es musizierte das Südwestdeutsche Kammerorchester Pforzheim.

Autorin: Astrid Fricke, Mitwirkung esg; besuchte Vorstellung im Kurtheater Bad Wildbad am 18. Juli 2008.

Fotos von "Rossini in Wildbad 2008"


Video "Rossini in Wildbad 2008" Pappataci



Kurtheater Bad Wildbad: Schlussapplaus nach der Veranstaltung "Pappataci" und Sänger (Michael Spyres) vor dem Theater am 19. Juli 2008

20. Juli 2008

Mathias Rexroth - 1997/99, 2008

„Ein neuer Stern am Himmel der Alte-Musik-Szene...”, schreibt die Kölnische Rundschau anlässlich eines Solokonzertes in der Kölner Philharmonie, „..mit fülliger Tiefe, glänzender, unangestrengter Höhe, wundervoll zarten Piani und perfekter Artikulation...man kam aus dem Staunen über diesen Ausnahmesänger nicht heraus...” Als bisher einziger Altus gewann Matthias Rexroth gleich zwei der bedeutendsten Internationalen Gesangswettbewerbe: Den 37. Francesco-Viñas-Wettbewerb in Barcelona (Erster Preis und spezielle Auszeichnung als Bester Countertenor) und den 19. Hans-Gabor- Belvedere-Wettbewerb in Wien (Erster Preis, sowie acht Sonderpreise) und wurde wenig später „Rising Star“ der Philharmonie Köln. Seitdem gilt der Künstler als einer der besten und vielseitigsten Sänger seines Stimmfachs. Anlässlich seines Konzertes im Prinzregententheater im November 2005 las man in der Süddeutschen Zeitung: „Es war vielleicht nicht das erste Mal, dass Musik aus Händels „Admeto, Re di Tessaglia“ von 1726 hierzulande erklang, Matthias Rexroth freilich gab damit sein längst überfälliges Münchner Debut. Und die Zuhörer waren am Ende aus dem Häuschen: nach dem berühmten „Ombra mai fù“ aus Serse erklatschte es sich als zweite Zugabe das virtuos, fulminant gesungene „Vivi tiranno“ aus Rodelinda. Ob Freude..., Hoffnung...oder Sehnsucht, Trauer oder Zorn..., Matthias Rexroth kann seiner Stimme von der schönen, klingenden Tiefe über eine intensive, warme Mittellage bis hin zu einer wohl klingenden Höhe viele Facetten entlocken. Zwar sind sauber gesungene Koloraturen die Voraussetzung für barockes Musizieren, dennoch ist die Auszierung der Melodie bei der Wiederholung der ersten Teile von Da-capo-Arien eine Kunst für sich. Rexroth beherrscht sie technisch und musikalisch perfekt, scheint sogar durch den erhöhten Grad an Virtuosität noch präziser, farbiger und mutiger zu singen.“ Seine Interpretation der Titelpartie in Stefan Herheims Inszenierung von Giulio Cesare an der Norwegischen Staatsoper Oslo erhielt überschwängliche Kritiken, (Opernglas: ”...Matthias Rexroths Caesar, ...Star des Abends, ...überzeugend in allen Stimmerfordernissen, nuanciert, farbenreich, dynamisch, als stolzer Sieger...”). Weitere Höhepunkte der letzten Saisonen waren sein Debüt mit den Wiener Philharmonikern unter Riccardo Muti mit Orffs Carmina Burana im Musikverein Wien, Konzerte mit der Accademia di Santa Cecilia in Rom unter Fabio Luisi und Nicola Luisotti, Ottone in Monteverdis Poppea an der Staatsoper Hamburg, Bernsteins Chichester Psalms mit dem Orchester des RadioTelevisione Española, Auftritte mit dem Freiburger Barockorchester und Concerto Köln, sowie eine Barockgala mit dem Münchener Kammerorchester im Prinzregententheater. Eine enge Zusammenarbeit verbindet ihn mit Nikolaus Harnoncourt, mit dem er Hamor in Händels Jephtha, Didymus in Händels Theodora und in Purcells Cäcilienode im Musikverein Wien und bei der Styriarte Graz sang. In Nürnberg geboren studierte Matthias Rexroth an der Musikhochschule Karlsruhe, der Schola Cantorum Basiliensis, mit Marilyn Horne in New York und seit 1999 mit Eytan Pessen an der Staatsoper Stuttgart, wo er im gleichen Jahr in Purcells King Arthur sein Opern-Debut gab. Im Bachjahr 2000 sang er in der weltweiten TV- und Rundfunkübertragung der h-Moll-Messe mit dem Gewandhausorchester Leipzig. Es folgten Oberon in Brittens A Midsummer Night 's Dream und die Titelpartie in Rossinis Tancredi, eine Europa- Tournée als 'Rising-Star' der Kölner Philharmonie, Konzerte und Liederabende mit dem Freiburger Barockorchester, Concerto Köln, der Akademie für Alte Musik Berlin, bei den Festspielen in Innsbruck, Ludwigsburg, Schwetzingen, Baden-Baden und der Styriarte Graz. Er wirkte an zahlreichen Rundfunkproduktionen, u.a. mit dem BR, DLR, HR, NDR, SFB, SWR, WDR und der Deutschen Welle mit. Weitere Verpflichtungen sind Telemanns Der geduldige Sokrates unter René Jacobs bei den Innsbrucker Festwochen der Alten Musik in Koproduktion mit der Staatsoper Berlin, die Titelpartie in Händels Admeto bei den Händelfestspielen in Halle (der Livemitschnitt erschien im März 2007 auf CD und DVD), die Titelpartie in Glucks Ezio mit der Deutschen Oper am Rhein in Zusammenarbeit mit dem WDR (Livemitschnitt und CD-Produktion), Armindo in Händels Partenope am Theater an der Wien (Pierre Audì/Christophe Rousset, 2009), Konzerte im Wiener Musikverein, beim MDR-Musiksommer und mit den Petersburger Philharmonikern unter Yuri Temirkanov, Liederabende in Moskau, Wien, Bad Kissingen, den Bayreuther Festspielen und beim Festival Rossini in Wildbad, eine Deutschlandtournée mit Concerto Köln, CD-Produktionen von Bachs Johannes-Passion in der Leipziger Thomaskirche mit dem Gewandhausorchester Leipzig unter Thomaskantor Georg Christoph Biller, Händels Jephtha mit der Bachakademie Stuttgart unter Helmuth Rilling und Bachs h-Moll-Messe in der Alten Oper Frankfurt mit dem Frankfurter Museumsorchester unter Paolo Carignani. Nach Matthias Rexroths Debut in Händels Admeto, Re di Tessaglia bei den Händel-Festspielen in Halle war im Opernglas 09/2006 zu lesen: „…Fulminant die Bewältigung dieser Vorgaben durch Matthias Rexroth, der mit seinem Altus die Titelpartie formvollendet ausformulierte, ein Klangbild von geradezu schmelzender Sättigung unterbreitete und dieser ansonsten darstellerisch eher uninteressanten Figur dennoch vielerlei Facetten abgewinnen konnte.“ Der Mitschnitt dieser Produktion erhielt neben hervorragenden Besprechungen eine Nominierung für den „Preis der Deutschen Schallplattenkritik“. Darüber hinaus wurde er gerade für seine herausragende Sängerdarstellung der Titelpartie des Admeto für den begehrten Deutschen Theaterpreis „Der Faust“ nominiert. Kürzlich erschien seine Portrait- CD ‘Stimme der Könige’ sowie eine Gesamtaufnahme von Rossinis Tancredi mit Matthias Rexroth in der Titelpartie, über den die Opernwelt schrieb: „Gleichwohl ist Matthias Rexroth der pulsierende musikalische Mittelpunkt. Im Ensemble ist er der Einzige, der mit dunkel timbrierter Mittellage über seine Beherrschung der Belcanto-Grammatik hinaus auch die Kunst der dramatisch erfüllten Phrasierung meistert, bewusst deklamiert und sein kostbares Timbre auch in der runden Höhe bewahrt.” Matthias Rexroth war Stipendiat der Studienstiftung des Deutschen Volkes, des Richard Wagner-Verbandes, der Franz-Grothe-Stiftung, der Kunststiftung Baden-Württemberg sowie Kulturpreisträger der Stadt Coburg.
Quelle: http://www.matthiasrexroth.com/

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Pavol Breslik (bis 2001: Brslik) - 2001

Pavol Breslik wurde 1979 in der Slowakei geboren und studierte Gesang an der Universität für Musik in Bratislava. 2000 gewann er den ersten Preis beim Antonin Dvorak Wettbewerb in der Tschechischen Republik. 2002/03 setzte er seine Studien im Opernstudio CNIPAL in Marseille fort. Er besuchte Masterklassen mit Ivonne Minton, Mady Mesplé, Peter Dvorsky und William Matteuzzi. 2005 wurde er von der Zeitschrift Opernwelt zum "Nachwuchssänger des Jahres" gewählt.
2003-2006 war Pavol Breslik als Solomitglied an der Berliner Staatsoper Unter den Linden engagiert, wo man ihn u.a. als Ferrando (Così fan tutte), Tamino (Die Zauberflöte), Don Ottavio (Don Giovanni), Nemorino (L'Elisir d'amore), Kudrjasch (Katja Kabanowa) und Gottesnarr (Boris Godunov) hören konnte. Er gastierte außerdem als Ferrando am Teatro Giuseppe Verdi in Trieste, am Piccolo Teatro in Mailand und am Théâtre Royal de la Monnaie Brüssel, als Tamino beim Glyndebourne Festival, bei den Wiener Festwochen und beim Festival d’Aix-en-Provence sowie als Jaquino (Fidelio) am Théâtre du Châtelet.
In der Spielzeit 2006/07 sang er Belmonte in Die Entführung aus dem Serail am Théâtre Royal de la Monnaie, Tamino am Theater an der Wien, an der Staatsoper Berlin und der Bayerischen Staatsoper, Nemorino an der Staatsoper Berlin und gab Liederabende in Berlin und Brüssel. Er war zudem als Evangelist in Bachs Johannespassion im Théâtre du Châtelet Paris und als Ferrando beim Glyndebourne Festival zu hören.
Künftige Engagements werden ihn an die Staatsoper Berlin (Don Ottavio und Belmonte), ans Royal Opera House Covent Garden London (Tamino), an die Opéra de Monte-Carlo (Stewa in Jenufa), die Bayerischen Staatsoper (Idamante in Idomeneo, Lenski in Eugen Onegin und Gennaro in Lucrezia Borgia), die Metropolitan Opera (Don Ottavio und Ferrando in Così fan tutte), an die Wiener Staatsoper (Lenski in Eugen Onegin), das Gran Teatre Liceu Barcelona (Belmonte), die Deutsche Oper Berlin (Macduff in Macbeth) und die Oper Frankfurt für einen Liederabend führen.
Höhepunkte im Konzertbereich waren bisher seine Auftritte bei den BBC Proms mit dem London Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Kurt Masur (in Janaceks Glagolitischer Messe), in London, Paris und Lille mit dem Concert d'Astrée und Emmanuelle Haïm (Haendels Il trionfo del tempo), beim Edinburgh Festival (in Beethovens Messe C-Dur und Christus am Ölberg) und anläßlich der Wiedereröffnung der Frauenkirche in Dresden mit den Dresdner Philharmonikern und Kurt Masur (Uraufführung eines Te Deum von Siegfried Matthus). Vor kurzem arbeitete er mit dem London Symphony Orchestra und Sir Colin Davies sowie mit dem Orchestre National de France unter Kurt Masur (Beethovens Missa Solemnis) und Riccardo Muti (Berlioz La Messe Solennelle) zusammen . Mit Kurt Masur und dem Orchestre National de France wird Pavol Breslik Beethovens 9. Sinfonie auf einer Deutschland-Tournee singen.
2007 erschien seine erste CD bei Virgin Classics: Haendels Il trionfo del tempo mit dem Concert d'Astrée und Emmanuelle Haïm. -
Quelle: http://www.artistsman.com/

Aktuell: Interview im "Opernglas" Heft 5/2008 - Hier ein kurzer Auszug:
Mit 24 Jahren sind Sie an die Staatsoper Unter den Linden in Berlin gekommen, ein international geführtes Haus. Für einen Anfänger schon wieder kein ganz gewöhnlicher Start in das Berufsleben.
Ich war zu Vorsingen in Berlin, montags an der Komischen Oper und dienstags an der Staatsoper. Maestro Barenboim kam dazu, und ich sang zunächst Tamino. Wenig später erklärte mir die damalige Operndirektorin, Frau Sobotka, wenn ich wollte, könne ich ab der nächsten Spielzeit festes Ensemblemitglied werden. Ich dachte damals, sie macht Witze. Ich war nicht einmal vorrangig mit dem Ziel angetreten, das bekommen zu müssen. Barenboim vorsingen zu dürfen, war mir schon Ansporn und Ehre genug.Und vor zwei Jahren hörte ich statt Rolando Villazón, der abgesagt hatte, plötzlich Pavol Breslik als Nemorino...Wissen Sie, da war ich wirklich der blöde Naive. Ich hatte in Wien Tamino bei den Festwochen geprobt. Frau Sobotka rief mich überraschend an. Ich kannte die Berliner »Liebestrank«-Inszenierung, sagte das leichtfertig zu - ohne mir bewusst zu machen, worauf ich mich da einließ. Wer Rolando Villazón eigentlich war, wurde mir erst vor der Vorstellung so richtig bewusst. Der Inspizient meinte damals: „Pavol, keine Sorge, wir haben Security im Haus, für den Fall, dass das Publikum unter Umständen negativ reagiert.“ Mein Gott! Zum Glück ging alles gut. Das war wie die Feuer- und Wasserprobe! Gustavo Dudamel, der am Abend sein Haus-Debüt gab, hat mir damals sehr viel geholfen...
... Ich habe es abgelehnt, den David in den »Meistersingern« zu singen. Ich persönlich glaube nicht, dass man ihn wie Mozart singen kann. Es bleibt eine Wagner-Partie, und in der jetzigen Phase meiner Entwicklung wäre es zu früh gewesen. Oder nehmen Sie den Prinzen in Dvoráks »Rusalka«. Eine wirkliche Traumpartie für mich. Ich liebe diese Musik! Man fühlt sich geehrt, wenn mehrere Häuser danach anfragen. Die Rolle kann man durchaus lyrisch anlegen, deshalb kommt es auf die Umstände einer Produktion, den Dirigenten, die Kollegen an. Darauf muss man achten. Aber jetzt wäre es definitiv zu früh. Wenn man lange und gesund singen will, muss man solche „Opfer“ bringen und einfach Nein sagen.

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