21. April 2009

"Arianna in Creta" u. "Orlando Paladino" in Braunschweig

im Mai zeigt das Staatstheater Braunschweig neben Louis Spohrs Werk "Der Alchymist" zwei weitere außergewöhnliche Opernaufführungen:

"Arianna in Creta" von G. F. Händel (konzertant), nur am 15. Mai 2009, 19 Uhr im Großen Haus und
"Orlando Paladino" von J. Haydn, am 29. Mai, 1. und 6. Juni jeweils 19:30 Uhr im Schloss Wolfenbüttel (Innenhof)

Für weitere Informationen zitiere ich aus dem Newsletter des Staatstheaters Braunschweig:

"Gastspiel Arianna in Creta

Oper von Georg Friedrich Händel

Konzertante Aufführung

Im Rahmen von Soli Deo Gloria, »Feste Alter Musik« im Braunschweiger Land, zeigt das Staatstheater Braunschweig eine konzertante Aufführung der Barockoper "Arianna in Creta" von Georg Friedrich Händel.

Das Werk ist die dritte und letzte Inszenierung in einer Reihe von drei Opern, die Christopher Hogwood – Gründer und Ehrendirigent der Academy of Ancient Music – in den drei Jahren bis zum 250. Todestag Georg Friedrich Händels geleitet hat.

Die Uraufführung von "Arianna in Creta" fand am 26. Januar 1734 im King's Theatre am Londoner Haymarket statt. Die Oper kam auf sechzehn Vorstellungen. Im November wurde sie am Covent Garden Theatre nochmals aufgenommen. Im August 1737 stand "Arianna in Creta" erstmals in Braunschweig auf dem Spielplan.

Das Libretto basiert auf Pietro Pariatis "Arianna e Teseo". Dieses wurde von Francesco Feo für eine Aufführung während der Karnevalszeit 1729 in Turin vertont.

Der mythologische Stoff ist von Plutarch überliefert und wurde auch von Ovid verarbeitet. Es ist die Liebesgeschichte zwischen Ariadne, der Tochter des grausamen kretischen Königs Minos, und dem Athener Königssohn Theseus. Sie rettete ihm und 14 Kindern mit einem magischen Schwert und einem Knäuel Wolle das Leben.

Die Mezzosopranistin Angelika Kirchschlager singt die Partie des Teseo. Sie gehört weltweit zu den führenden Sängerinnen ihres Fachs und ist sowohl im Opern- als auch im Konzertbereich äußerst renommiert. Im Juni 2007 ernannte sie die Wiener Staatsoper zur Kammersängerin.

Die in Wien lebende gebürtige Österreicherin verfügt über ein großes Repertoire, das von Bach, Händel, Brahms, Mahler und Ravel zu Rossini, Schubert, Schumann, Weill und Wolf reicht. Wichtige Dirigenten ihrer Karriere waren und sind: Riccardo Muti, Claudio Abbado, Sir Colin Davis, James Levine, Kurt Masur, Kent Nagano und Sir Simon Rattle. Die Künstlerin gastierte bereits an nahezu allen großen Opernhäusern der Welt, wie der Mailänder Scala, der Met in New York, der Pariser Opéra Bastille, der Wiener Staatsoper und der San Francisco Opera. In den Jahren 2000 und 2005 gewann sie für zwei ihrer CD-Einspielungen den Echo Klassik. Angelika Kirchschlagers erste CD mit Barock-Repertoire erschien 2002. Vier Jahre später folgte ein Album mit Händel-Arien, begleitet vom Kammerorchester Basel unter der Leitung von Laurence Cummings.

Musikalische Leitung: Christopher Hogwood

MIT: Miah Persson (Arianna), Angelika Kirchschlager (Teseo), Sonia Prina (Carilda), Karen Cargill (Tauride), Lisa Milne (Alceste), Antonio Abete (Minos)

Academy of Ancient Music

Am 15. Mai 09, 19:00 Uhr im Großen Haus (Am Theater/Steinweg)

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Orlando Paladino

Ernst-komische Oper in drei Akten von Joseph Haydn

- in deutscher Sprache -

An einen malerischen Ort entführt das Staatstheater Braunschweig sein Publikum mit der Inszenierung der Oper "Orlando Paladino" von Joseph Haydn. Denn erstmals laden Opernensemble und Staatsorchester unter der musikalischen Leitung von Sebastian Beckedorf in den Innenhof des Schlosses Wolfenbüttel ein.

Im Haydn-Jahr 2009 steht mit "Orlando Paladino" eine deutschsprachige Oper des vor 200 Jahren gestorbenen Wiener Klassikers auf dem Spielplan:

Orlando, treuer Gefolgsmann Karls des Großen, verliebt sich in Angelica, die exotische Königin von Kattai. Diese interessiert sich allerdings nur für den schönen Ritter Medoro, der ihre Liebe auch leidenschaftlich erwidert. Die ausbleibende Gegenliebe Angelicas erlebt Orlando als Trauma und verliert seinen Verstand. Von dem rasend eifersüchtigen Orlando bedroht, flieht das Liebespaar. Durch Zauberkräfte und ein Elixier, das den Liebeskranken seine Angelica-Passion vergessen lässt, kommt der Wahnsinnige letztlich zur Ruhe.

So sonderbar wie die Handlung ist auch die Entstehungsgeschichte der Oper. Das Werk ist ein reines Zufallsprodukt. Eigentlich sollte Haydn am 6. Dezember 1782 eine bereits vorhandene Oper von Pietro Allessandro Guglielmi aufführen. Doch dann erhielt er den Auftrag, dessen Libretto als Vorlage für eine neue Oper zu nutzen, weil sich der russische Großfürst Pawel Petrowitsch überraschend angekündigt hatte. Ihm sollte "Ungehörtes" präsentiert werden. Zwar sagte der prominente Besucher kurzfristig ab, doch Haydns Oper war fertig und wurde uraufgeführt.

Aniara Amos inszeniert die selten gespielte Haydn-Oper und entwirft zudem Bühne und Kostüme.

Mit den Solisten: Simone Lichtenstein (Angelica), Henryk Böhm (Rodomonte), Thomas Blondelle (Orlando), Tobias Haaks (Medoro), Kenneth Bannon (Licone), Rebecca Nelsen (Eurilla), Malte Roesner (Pasquale), Sarah Ferede (Alcina) und Selçuk Hakan Tiraşŏglu (Caronte).

Premiere: am 29. Mai 09, 19:30 Uhr im Schloss Wolfenbüttel (Innenhof)

Weitere Vorstellungen: 1. und 6.6. um 19:30 Uhr"

Opern-Videos im Internet

Aus dem aktuellen Programm von ClassicLive:

Bis 3. Mai: Rossini - Il viaggio à Reims (St. Petersburg)

Bis 3. Mai: Rossini - La pietra del paragone (Madrid)


Ab 2. Mai: Verdi - Il trovatore (Bregenz)

ab 12. Mai: Verdi - Oberto (Bilbao)

4. April 2009

Oper "Der Alchymist" von Louis Spohr in Braunschweig ab 24. Mai 09

Bild 4

Die Oper des in Braunschweig vor 225 Jahren geborenen Geigers, Dirigenten und Komponisten wird am 24. Mai 09 im Staatstheater Braunschweig aufgeführt (zur Rezension der Premierenaufführung).

Weitere Termine: 29. Mai
18. 24. u. 28. Juni.


"Ein Virtuose aus Braunschweig"
(Bericht über Louis Spohr und Übersicht zu weiteren Veranstaltungen in Braunschweig im Spohr-Jahr 2009, BZ vom 4. April 09)


Selbstbildnis von Louis Spohr
Foto: Peter Sierigk (BZ)


Weitere Informationen zur Oper aus dem Newsletter des Staatstheaters Braunschweig:
"Mit Louis Spohrs Werk "Der Alchymist" kommt eine absolute Rarität auf die Bühne des Großen Hauses. Besonders freut es uns, dass wir Bernd Weikl für die Titelpartie (Don Felix de Vasquez) gewinnen konnten.

Der Alchymist

Romantische Oper von Louis Spohr

In Kooperation mit der Internationalen Louis Spohr Gesellschaft Kassel

Das Staatstheater gedenkt des Braunschweiger Komponisten Louis Spohr anlässlich seines 225. Geburtsjahrs und 150. Todesjahrs mit der Wiederentdeckung seiner Oper "Der Alchymist", die 1830 uraufgeführt wurde:

Inhaltlich ist es eine Liebesgeschichte mit Happy End: Sowohl Don Ramiro de Loxa als auch Don Alonzo de Castros haben sich in Inez, die schöne Tochter von Don Felix de Vasquez, dem Alchymisten, verliebt. Inez´ Vater jedoch nimmt von den Verehrern seiner Tochter keinerlei Notiz. Er lebt einzig und allein für die Wissenschaft und will den "Stein der Weisen" erschaffen. Kurz vor dem Durchbruch kommt es zu einer Explosion. Don Felix de Vasquez wird von Alonzo de Castros aus den Flammen gerettet. Wenig später wird Vasquez gefangen genommen. Ramiro de Loxa beschuldigt ihn der Ketzerei.

Doch der Retter Alonzo konnte das Herz von Inez gewinnen. Sein Kontrahent Ramiro allerdings verhindert ihr gemeinsames Glück und verschleppt Inez in seinen Palast. Sie kann entfliehen und sich Zutritt in das Inquisitionsgebäude verschaffen. Vor den Richtern kommt es zum Duell zwischen Ramiro und Alonzo. Ramiro unterliegt und wird tödlich verletzt. Am Ende wird Vasquez freigelassen und die Liebe von Inez und Alonzo siegt.

Die Titelpartie Don Felix de Vasquez singt der Bariton Bernd Weikl, der seit seinem Debüt bei den Bayreuther Festspielen 1972, dort über 200 Vorstellungen gesungen hat. Gastspiele führten ihn an alle bedeutenden internationalen Opernhäuser, 1977 debütierte er an der Metropolitan Opera New York. Das vielseitige Repertoire des promovierten Wirtschaftswissenschaftlers umfasst ca. 120 Partien in fünf Sprachen; zudem ist er ein gefragter Oratorien- und Liedsänger.

In weiteren Partien sind zu hören: Moran Abouloff (Inez, Tochter von Don Felix de Vasquez), Jan Zinkler (Don Ramiro de Loxa), Susanna Pütters (Paola), Jörg Dürmüller (Don Alonzo de Castros), Mike Garling (Lopez) u. a.

Die musikalische Leitung liegt in den Händen von Christian Fröhlich.

Uwe Schwarz inszeniert die Oper von Louis Spohr für das Staatstheater Braunschweig. Bühne und Kostüme gestaltet Dorit Lievenbrück.

Premiere: am 24. Mai 09, 19:30 Uhr im Großen Haus (Am Theater/Steinweg)

Weitere Vorstellung: 29.5./ 18./24./28. Juni (19:30 Uhr)"


Rossinis "Maometto Secondo" im Internet

CLASSIC LIVE ÜBERTRÄGT ROSSINIS "MAOMETTO SECONDO" AUS DEM BREMER THEATER (im Internet)

Nach Mozarts Zauberflöte überträgt ClassicLive mit Rossinis selten gespielter Oper Maometto Secondo zum zweiten Mal eine Aufführung aus dem Theater Bremen. Die Premiere am 15. März stand unter der Regie von Michael Hampe (Übernahme aus Pesaro). Unter der musikalischen Leitung von Daniel Montané sangen István Kovács die Titelrolle, Anna Pegova als Anna Erisso, Nadja Steganoff als Calbo und Luis Olivares als Paolo Erisso. Diese Aufführung wird für ca. vier Wochen im Internet zu sehen sein (http://www.classiclive.com/ ).

30. März 2009

Otello in Biel - oder Jago als Regisseur

Reto berichtet über eine Aufführung von Rossinis Otello mit einem vielversprechenden Baritenore.


Das Theater Biel Solothurn – es ist in dem deutsch-/französischsprachigen Städtchen Biel/Bienne am Jurasüdfuß ansässig, bespielt auch Solothurn und tourt regelmäßig durch einige Schweizer Kleinstädte – ist seit Jahren nicht nur ein Geheimtipp für Belcantofans, sondern auch eine Fluchtstätte für regiegeschädigte Opernliebhaber aus Basel, Luzern und anderen Orten, die mit sog. modernen Inszenierungen weite Kreise eines konventionsliebenden Publikums programmatisch fern halten. Die neuste Produktion, nichts Geringeres als Rossinis Otello, ist geneigt, die Belcantofans vollkommen zu befriedigen, die Inszenierung aber kritisch zu hinterfragen.

Regisseure brauchen ja angeblich immer einen „Schlüssel“ (Paul Esterhazy im Programmheft: „Ich suche bei jeder Inszenierung nach einem Schlüssel“) – es geht also nicht darum, das Stück einfach umzusetzen, wie es sich präsentiert, sondern eine Lesart zu finden, mit der diese Schöpfungsberufenen dem Stück ihren eigenen Stempel aufdrücken können. Was tun, wenn das Stück vermeintlich schwach ist? Man greift zu der abgenutzten Idee des „Theaters im Theater“, immer öfter nicht nur in der komischen sondern auch in der ernsten Oper, wo der Effekt dann umso drastischer ist. Unser Regisseur hat das Stück überhaupt nicht verstanden, weil er Shakespeare, Boito/Verdi und die englischen bzw. anglophilen Kritiker Byron und Stendhal zum Maßstab nimmt und mit den Konventionen von Rossinis Musiktheater scheinbar überhaupt nicht vertraut ist. So stellt er fälschlicherweise „das zentrale Thema Eifersucht“ und eine „seltsame Unbeholfenheit des Librettos“ fest. Esterhazy hat nicht realisiert, dass Rossini und Berio di Salsa das Grundmuster einer herkömmlichen Viererkonstellation mit einem festlichen Beginn (Ouvertüre) bis hin zum bitteren Ende als dramaturgisches Crescendo inszenieren, dessen Weg von den beiden ersten konventionellen Akten zum modernen dritten Akt Programm ist und wo die dramaturgische und musikalische Verbindung zwischen den Akten durch die eigentliche Hauptrolle, Desdemona, geschaffen wird, deren tragische Vorahnung ihres Schicksals im Zentrum steht. Statt diese spannende und eigentlich gar nicht so schwer zu erkennende Thematik als roten Faden aufzugreifen, zementiert Esterhazy alte Vorurteile einer „Unentschiedenheit zwischen Tragischem und Komödiantischem in Rossinis Musik“ und veräppelt das Stück mit metatheatralischen Gemeinplätzen.



Die Oper beginnt in Biel mit dem Finale: Kaum hat sich Otello umgebracht, ertönen Lautsprecheranweisungen, „Alles nochmals von vorne, wir tauschen jetzt die Tenorrollen zwischen Otello und Rodrigo aus“, und so beginnt die ganze Oper (selbstredend bei inszenierter Ouvertüre) von vorne als Probensituation des 1. und 2. Aktes, und nur der dritte Akt darf dann (als einziger „dramaturgisch schlüssig ausgearbeitet, sogar mit einer gewissen Nähe zu Shakespeare“) als richtige Inszenierung daher kommen. Während sich also der eine Tenor abschminkt und sich der andere schwarze Farbe ins Gesicht schmiert, räkelt sich die gelangweilte Sopranistin auf dem Bett und klopft sich der Sänger des Dogen bei jedem seiner fehlerhaften Auftritte auf die Stirn – wir fühlen uns dauernd an Donizettis Theaterulk Convenienze ed inconvenienze teatrali („Viva la mamma“) erinnert (der, nebenbei bemerkt, auch zwei Otello-Stücke parodiert) und nicht mehr an das exemplarische Meisterwerk, das Rossini selber in seiner tragischen Oper sah. Der vom Komponisten „musikalisch recht stiefmütterlich behandelte“ Jago bekommt endlich eine ihm würdige Aufgabe – er wird Regisseur! Ob der Intrigant, der alles um sich herum verleugnet, verrät und in den Abgrund reißt, auch als durchaus plausible Metapher des modernen Regisseurs gemeint war, bleibe hier dahingestellt.

Im Übrigen kennt Paul Esterhazy sein Handwerk (und nichts anderes verlangen wir von ihm!), wenn er gekonnte Auf- und Abtritte, eindrückliche Bilder (vor allem dort, wo er sich strikt – von ihm freilich ironisch gemeint – an konventionelle Gesten hält) und lebendige Chorbewegungen (Chapeau, auf der kleinen Bühne) schafft. Dazu kommt, dass ihm Pia Janssen „sozusagen eine ideale historische Operninszenierung“ (sie sagt es selbst!) mit klassischen Kostümen und herrlichen Bühnenbild-Versatzstücken schafft. Der ganze dritte Akt kommt in seiner, dem kleinen Theater angepassten schlichten und doch alle Illusionen weckenden Renaissance-Pracht so daher, wie man sich auch die ersten zwei gewünscht hätte! Ganz zum Schluss muss freilich der Regisseur nochmals seine Fratze zeigen, wenn – nachdem die ganze Oper ohne Darstellung roher Gewalt ausgekommen ist – nach Otellos Selbstmord ein Gondoliere hereinstürzt und mit einem Messer im blutüberströmten Rücken zusammenbricht.

Ach, und noch ein Genieblitz des Regisseurs darf nicht unerwähnt bleiben: Er bringt uns das ach so wichtige, unentbehrliche Taschentuch zurück, das dieser Ignorant von einem Berio di Salsa durch ein dümmliches Billett mit einer Haarlocke ersetzt hat, povero Shakespeare! Der Schatten von Otello (ein richtiger Schwarzer, ein älterer Herr mit charakteristischem Glatzkopf) schlurft immer wieder durch die Inszenierung und hebt das fatale Tuch mal vom Bühnenboden auf, mal legt er es wieder hin. Das stört nicht, ist aber auch nichts Weiteres als eine weitere überflüssige Duftnote des Regisseurs.

Meine Kritik zielt auf das Konzept, auf den „Schlüssel“ und auf die durchaus konventionell-bornierte Rossini-Rezeption, nicht so sehr auf die Umsetzung, die gegenüber etwa der im DRG-«Mitteilungsblatt» Nr. 46 besprochenen Baseball-Inszenierung in St. Moritz oder der Wiegandschen Türenknallerei in Weimar richtig genießbar ist. Dass die Inszenierung der Inszenierung im Heute spielte, war allenfalls an den Turnschuhen, dem Handy und der Blenderei durch Scheinwerfer zu bemerken, aber insgesamt wurde man kaum mit der ödesten aller Inszenierungsphantasien, der Gegenwart, konfrontiert. Freilich gab es auch Leute, denen das „Theater im Theater“ zu dumm war und die in der Pause gingen, oder solche, von denen man an der Garderobe hörte „schon lange nicht mehr so einen Blödsinn gesehen zu haben“, aber insgesamt kommt alles recht harmlos und durch die erwähnte großartige bühnen- und kostümbildnerische Leistung gemildert daher, so dass der musikalische Genuss nicht wirklich gestört wird.

Und der war ziemlich groß und für ein kleines Provinztheater alles andere als selbstverständlich. Violetta Radomirska (sie hatte ihr Rollendebüt als Desdemona bereits in St. Moritz) besitzt einen schön timbrierten und höhensicheren Mezzosopran, der sich in idealer Weise für die Sopranpartien eignet, die Rossini für Isabella Colbran geschrieben hat. Sie verfügt über die beseelte Mittellage, die dramatische Attacke und die Koloraturgewandtheit dieses ebenso dramatischen wie lyrischen Stimmtypus. Wenn sie als Figur insgesamt etwas blass blieb, lag das an der Inszenierung, die das Geschehen rossinifremd (siehe oben) auf die Tenöre fokussierte.

Raimund Wiederkehr spielte nicht nur die ihm auferlegte Rolle des nervenden Regisseurs überzeugend, er sang auch die Tenorpartie des Jago prächtig. William Lombardi, nicht immer perfekt intoniert und bei den Spitzentönen manchmal gefährlich am Abgrund, war insgesamt ein überzeugender Rodrigo, der seine Partie mit dem passenden Anstrich von leidendem Schmelz sang. Anders als es die Inszenierung suggerierte, sind die von Rossini für Giovanni David (Rodrigo) und Andrea Nozzari (Otello) komponierten Tenorrollen keineswegs einfach so austauschbar; Lombardi verfügt über jene helle, hoch liegende Tenorino-Stimme, die den so wichtigen Gegensatz zu dem dunkel gefärbten Baritenore schafft. Letzterer, unter dem Namen Oscar Roa, war die eigentliche Entdeckung des Abends. Aussehen, Attitüde, Stimmtimbre und Stimmführung des Mexikaners erinnern an seinen Landsmann Francisco Araiza, dessen Meisterklassen er besucht hat. Exponierte sich Araiza noch nicht in den schweren Nozzari-Partien (damals die Domäne von Chris Merritt), könnte sein Schüler Roa heute ein Hoffnungsträger für dieses weitgehend brach liegende Fach werden. Die Stimme ist etwas heller und vor allem nicht so nasal wie in gewissen Lagen bei Araiza. Roas Koloraturen scheinen nicht eine naturgegebene Gabe seiner Stimmbänder zu sein, aber sie zeugen von einer soliden Gesangsschule, die freilich gepflegt sein will, um nicht in der Sackgasse des romantischen Fachs zu landen. Auch die Stimmführung bezeugt einen höchst intelligenten, gepflegten Belcantostil. Während Lombardi im Tenorduell/duett mit seinem abenteuerlich angesungenen Spitzenton fast Schiffbruch erlitt, demonstrierte Roa einen zwar ebenfalls kühn angegangenen, aber perfekt und ausgesprochen lang ausgehaltenen Spitzenton, dem er die pièce de résistance einer jeden Nozzari-Partie folgen ließ, nämlich den atemberaubenden Doppeloktavsprung nach unten. Diese tiefe Baritonlage sollte er noch festigen, aber das Material und die technischen Voraussetzungen sind da für einen neuen Nozzari!

Weniger überzeugen konnte mich Ingrid Alexandre, die lauthals eine Emilia ohne große Differenzierung vortrug, was in ungefähr auch für Yongfan Chen-Hauser galt, der dem Elmiro freilich eine mächtige Bassstimme verlieh. Adäquat für ihre kurzen Auftritte waren die weiteren Tenöre Konstantin Nazlamov (Doge und Gondoliere, hier mit etwas viel Vibrato) und Valentin Vassilev (Lucio). Letzterer hat auch den vorzüglichen Chor einstudiert, der eine schöne, kompakte Klangfülle produzierte. Erstaunlich gut kam auch der auf den Bieler Orchestergraben reduzierte Klangkörper zur Geltung, u.a. mit noch perfektionierbaren „Hornkoloraturen“ in der Einleitung des Duettinos Desdemona-Emilia und mit berückend schönen Harfenklängen in der Weidenarie. Während der Ouvertüre schien mir das Dirigat von Franco Trinca ziemlich zäh und schwer, vielleicht hatte er die Absicht, der federnden, festlichen Musik einen dramatischen Anstrich zu verleihen. Im übrigen ließ er keine Langeweile aufkommen, die dramatischen Ensemblenummern waren von großer Wirkung, und zu den musikalischen Glanzpunkten gehörten das Duett Jago-Rodrigo, die beiden Largo-Stücke im Finale I und das große Duett-Terzett im zweiten Akt. Es gab Kürzungen, die einigermaßen subtil vorgenommen wurden und die Gesamtdauer der Oper (inkl. Pause) auf ca. 2 Stunden 50 Minuten brachten. Die Übertitel auf Deutsch und Französisch waren weitgehend exakt und sauber gemacht. Eine halbe Stunde vor Beginn gibt es jeweils eine Einführung der Dramaturgin Merle Fahrholz, die offenbar einem Bedürfnis des Publikums entspricht und dieses auch mit den wichtigsten, wenn auch nicht immer korrekten (und mehr oder weniger auf der Linie der Regie liegenden) Informationen bediente.

Weitere Aufführungen in Biel/Bienne: 31. März, 3, 7, 17. April, 3, 6. Mai, 5, 14, 18, 20, 21. Juni; in Solothurn: 15, 24. April, 20, 28, 30. Mai, 7, 12. Juni; in Winterthur: 29. April; in Burgdorf: 14. Mai; in Baden: 16. Mai; in Visp: 23. Mai; in Vevey: 9. Juni 2009.

Reto Müller (Besuchte Aufführung: Premiere vom 27. März 2009)

Vorabdruck aus «Mitteilungsblatt» der Deutschen Rossini Gesellschaft, Nr. 47 (April 2009)
Fotos: Theater Biel Solothurn

Bei Youtube gibt es bereits eine ganze Reihe Videos mit Oscar Roa, - hier ein Beispiel:




20. Februar 2009

Neu auf CD und DVD (Teil 2)

Auch im neuen Jahr möchten wir auf interessante Neuerscheinungen aufmerksam machen. Sämtliche CD- und DVD-Tipps sind unter der Rubrik
CD/DVD zu finden.

Aktualisiert am 20. Februar 2009

Pesaro 2007
Turco
Händel "Semele"
Semele
Monteverdi - Teatro d´amore
Pluhar

Nuria Rial (soprano), Philippe Jaroussky (countertenor), Cyril Auvity (tenor), Jan van Elsacker (tenor) & Joaõ Fernandes (bass) L’Arpeggiata, Christina Pluhar
Details und Trackliste

SpiegelOnline: Domina der Alten Musik
Berliner Zeitung: Christina Pluhar swingt mit Monteverdi

Donizetti "Don Gregorio"

Don Gregorio

Eine Aufnahme aus dem Teatro Donizetti Bergamo mit Giorgio Valerio, Giorgio Trucco, Elizaveta Martirosyan, Livio Scarpellini, Gaetano Donizetti Orchestra, Stefano Montanari.

Galuppi "L´Olimpiade"
L'Olimpiade

Mark Tucker, Ruth Rosique, Roberta Invernizzi, Romina Basso, Filippo Adami, Furio Zanasi, Franziska Gottwald, Venice Baroque Orchestra, Andrea Marcon
Videos mit Ausschnitten

Donizetti "Lucrezia Borgia"

Lucrezia Borgia

Eine Aufnahme aus dem Teatro Donizetti November 2007

Donizetti "Maria Stuarda"

Maria Stuarda

Anna Caterina Antonacci, Mariella Devia, Paola Gardina, Francesco Meli, La Scala Orchestra, Antonino Fogliani - Eine Live-Aufzeichnung aus dem Teatro Alla Scala Di Milano; Regie: Pier Luigi Pizzi

Georg Friedrich Händel:
Opern-Duette "Amor e gelosia"
(Neuauflage der Erstveröffentlichung von ca. 2004)

Händel - Ciofi - DiDonato

Bei dem von Stefan Zucker geleiteten Label

Bel Canto Society

sind inzwischen diverse historische Opernfilme (Opernverfilmungen, Spielfilme, Komponistenporträts, Sängerporträts) in ordentlicher Qualität – insbes. in der richtigen Tonhöhe - auch auf DVD erschienen, die großenteils zur Zeit wieder problemlos über jpc zu beziehen sind (als Suchkriterium einfach unter „Label“ in der „Erweiterten Suche“ eingeben: Belcanto).

Hinweis
:
Von den nachfolgenden Titeln kenne ich persönlich nur die ersten drei. Der Rossini-Film ist – und da kann ich mich nur der Rezension im Opernglas 2/2009 anschließen – nur „hartgesottenen Fans“ zu empfehlen, hinreißend ist dagegen der – auf Spielfilmlänge gekürzte - „Elisir d’amore“ (italienischer Opernfilm von 1947), und „Der Zauber der Bohème“ (deutscher Spielfilm von 1936, mit englischen Untertiteln) ist ein Rührstück - aber mit vielen Opernszenen - , der ahnen lässt, warum Jan Kiepura und Martha Eggerth damals insbesondere in Deutschland so ungemein populär waren.
esg


Rossini L'elisir Bohéme

Bellini-Film Glass Mountain Verdi

Don PasqualeSutherland Mozart

Elīna Garanča singt Bellini, Donizetti & Rossini

CD Garanca

Im Gespräch mit Nick Kimberley erläutert die lettische Mezzosopranistin, wie sie Figuren und Musik aus Belcanto-Opern Leben und Farbe verleiht… mehr

"Wie auf meiner neuen CD) widme ich mich in Zukunft stärker dem Belcanto. Ein Rossini, Bellini oder Donizetti kommt meiner Stimme entgegen. Außerdem liebe ich diese Musik, auch wenn diese Opern für jeden Regisseur schwer umzusetzen sind."… mehr

Bellini "La sonnambula"

Sonnambula - Bartoli

Die authentische Fassung


Die beiden führenden Belcanto-Stars unserer Zeit, Cecilia Bartoli und Juan Diego Flórez, haben nichts weniger als die authentische Fassung von Vincenzo Bellinis La Sonnambula gemeinsam im Studio eingesungen!
Neueste, von Cecilia Bartoli angestoßene Forschungen haben belegt, dass die Hauptrolle der Amina nicht, wie heute praktiziert, für Sopran, sondern für Mezzosopran geschrieben wurde. Die vorliegende Rekonstruktion von Bellinis originaler Schöpfung erklingt auf historischen Instrumenten – was ebenfalls ein Novum für dieses Werk darstellt. So vollständig, so richtig haben wir Bellinis Meisterwerk noch nie gehört. (Quelle: jpc)

Sonnambula - Dessay

Ausführliches Video auf der Seite von jpc

Sonnambula - Devia

Sämtliche CD/DVD-Tipps sind unter der Rubrik CD/DVD zu finden

Ein umfassendes Angebot an Opern auf CD und DVD - auch mit Hörproben - gibt es bei http://www.jpc.de/

3. Februar 2009

Opern-Klamauk


Als der Rosenkavalier die Madame Butterfly kennen lernte,
wusste er noch nichts von Carmen,
die damals noch mit dem Barbier von Sevilla verlobt war.
Auf Figaros Hochzeit trafen sich die beiden zum ersten Male,
und er entpuppte sich als ein Don Juan.
Er ging mit ihr auf eine Sizilianische Vesper,
schenkte ihr den Ring des Nibelungen
und besprach mit ihr die Entführung aus dem Serail.
Um diesen Plan auszuführen, engagierte er sich den Fliegenden Holländer
und die Lustigen Weiber von Windsor.
Er schickte ihr einen Brief durch den Postillon von Lonjumeau,
den aber Othello abfing.
Dieser informierte Don Carlos,
und er spielte die Macht des Schicksals.
Er rief den Freischütz
und die Meistersinger von Nürnberg,
die sich bereit erklärten, gegen Rheingold die Sache zu verhindern.
Als dem Rosenkavalier dies hinterbracht wurde,
kam ihm eine Götterdämmerung.
Er ging auf einen Maskenball,
sprach mit dem Troubadour
und versuchte so der Widerspenstigen Zähmung.
Mittlerweile hatte Don Carlos
auch noch die Hugenotten alarmiert
und als deren Anführer Wilhelm Tell bestimmt,
der auch sofort mit seiner Zauberflöte kam.
Sie stellten den Rosenkavalier im Tiefland,
drohten ihm mit dem Waffenschmied
und verbannten ihn in das Nachtlager von Granada.
Dort lebte er als Bajazzo,
bis er Aida kennen lernte,
die ihm ein gewisser Rigoletto
als Verkaufte Braut anbot.
Sie heirateten, und Zar und Zimmermann bauten ihnen ein Haus.
Den Anstrich besorgte Mathis der Maler,
und die elektrischen Leitungen verlegte Elektra.
Und wenn sie nicht gestorben sind,
dann leben sie noch heute.

Text: Von einem ungenannten Verfasser - gefunden von
Dieter (Bochum) im Nachrichtenblatt einer Seniorenresidenz
Foto: Telemann - Der geduldige Sokrates (Innsbrucker Festwochen 2007)
(Sokrates mit seinen beiden zänkischen Ehefrauen Xantippe und Amitta)

19. Januar 2009

Dank an Marilyn Horne - Zu ihrem 75. Geburtstag!

Aktualisiert am 1. Februar 2009 (s. Nachtrag am Ende des Beitrags)
Im „Opernleben“ eines jeden Fans gibt es zwar viele Höhepunkte, aber nur selten das große Glück, bei einem ganz besonderen Ereignis dabei gewesen sein zu dürfen.

Für mich war der 8. März 1980 einer dieser beglückenden Tage: die Premiere von Rossinis L’italiana in Algeri an der Hamburgischen Staatsoper mit Marilyn Horne in der Titelpartie. Darauf hatte ich mich schon monatelang gefreut, hatte aber zu meinem Erstaunen auch feststellen müssen, dass kaum jemand meine Vorfreude teilte, - kaum jemand im Stammpublikum des 4. Rangs wusste überhaupt, wer Marilyn Horne war! Die Premiere der Italiana war auch nicht ausverkauft, danach war dann allerdings der Ansturm umso heftiger, und Marilyn Horne wurde auch in Hamburg zum großen Publikumsliebling.

Gespielt wurde die Ponnelle-Inszenierung der Mailänder Scala. Von der New Yorker Aufführungsserie dieser Produktion ist kürzlich eine DVD erschienen, bei YouTube sind diverse Ausschnitte (und auch sonst eine ganze Menge Videos mit Marilyn Horne) im Netz.

Hier der wohl etwas missglückte Versuch des Rezensenten der „Welt“, das Ereignis Marilyn Horne irgendwie in Worte zu fassen:

“Der Auftritt der Horne läßt zunächst vermuten, es sei der Intendanz gelungen, die Zarah Leander der mittleren Jahre für ‚Hallo Dolly’ zu gewinnen. Den Inhalt vor Augen, aber der ist ohnehin sinnlos, muß man befürchten, Lindoro, der Geliebte der ‚Italienerin’ habe sich beim Umzug von Mailand nach Hamburg einen echt italienischen Mama-Komplex zugezogen. Doch sehr bald wird man eines Besseren belehrt – und geht in die Knie vor Entzücken. Die Horne singt die Glanzpartie der Koloratur-Altistinnen mit einem geradezu luxuriösem Belcanto. Ihre Perlenketten des Ziergesangs funkeln wie Juwelen – the must of Marilyn Horne! -, und ihre darstellerische Pfiffigkeit, ihr echter ‚Mutterwitz’, übertrumpften die angestrengtesten Bemühungen ihrer Umgebung mit einem Fingerschnalzen. Ein ganz unglaubliches Ereignis: eine Primadonna, über die man nach Herzenslust lachen kann.“
Ich fasse mich kürzer: Es war sensationell! Technische Perfektion und Brillanz, die glücklicherweise auch heute noch anhand der zahlreichen Tondokumente bewundert werden können, verbunden mit einer entwaffnenden szenischen Präsenz!

Seinerzeit steckte die Rossini-Renaissance noch in den Kinderschuhen – insbesondere was die opera seria anbelangte. Und so war im Staatsopern-Magazin zum Hamburger Debüt von Marilyn Horne zu lesen, dass – neben der Isabella und der Rosina – „die Arsace aus Semiramis“ zu ihren besonders glänzenden Partien zählte. Terra incognita also auch für die Mitarbeiter der Dramaturgie der Hamburgischen Staatsoper! Mit Semiramide stand dann aber im Frühjahr 1983 endlich auch eine opera seria von Rossini auf dem Spielplan der Hamburgischen Staatsoper, natürlich mit Marilyn Horne in der Rolle des Arsace und einer auch ansonsten fulminanten Besetzung: Montserrat Caballé, Samuel Ramey und Francisco Araiza. Die konzertanten Aufführungen im Frühjahr 1983 waren ein derart sensationeller Erfolg, dass es im Frühjahr 1985 nochmals eine Serie gab, bei der in einer Vorstellung Chris Merritt den Idreno sang, – nach seiner Arie (er hatte in der gekürzten Fassung leider nur eine zu singen) trampelte sogar der Chor vor Begeisterung!

Unvergesslich auch die Hamburger Konzertauftritte von Marilyn Horne! Ich hatte das Glück, bei drei Konzerten dabei zu sein: Solo-Abend in der Hamburgischen Staatsoper am 28. April 1983, Festkonzert des NDR zum Europäischen Jahr der Musik in der Musikhalle am 7. Februar 1985 und Solo-Abend in der Musikhalle am 15. Mai 1986.

Marilyn Horne verstand es, ihr Publikum – mit Charme und mit direkter Ansprache – quasi um den kleinen Finger zu wickeln, und für die Ovationen bedankte sie sich mit einem Füllhorn voller Zugaben. Bei dem Solo-Abend in der Hamburgischen Staatsoper schien das Publikum überhaupt nicht gehen zu wollen, sogar die „Garderoben-Flitzer“ hielt es auf ihren Sitzen, und nach der fünften (oder gar schon sechsten?) Zugabe sagte Marilyn Horne: „Nun müssen Sie aber wirklich nach Hause gehen“ und sang noch das Wiegenlied „Guten Abend, gute Nacht…“. Und danach waren auch noch die zahlreichen Autogrammwünsche zu erfüllen!

Marilyn Horne und ihre Mitstreiter und Mitstreiterinnen haben erfolgreich bewiesen, wie schön und aufregend Belcantogesang sein kann, wenn er nach den Regeln der (Belcanto-)Kunst ausgeführt wird, und dass ihre Pionierarbeit auf fruchtbaren Boden gefallen ist, zeigt die Entwicklung der letzten Jahre, in denen zunehmend vergessene Belcanto-Opern wieder auf die Spielpläne gesetzt werden und junge Sängerinnen und Sänger das technische Rüstzeug erworben haben, um auch im Belcantofach erfolgreich Karriere machen zu können.

Auch nach Beendigung ihrer aktiven Bühnenlaufbahn ist Marilyn Horne über die von ihr vor 15 Jahren gegründete Marilyn Horne Foundation weiterhin in Sachen Belcanto aktiv. Am 18. Januar 2009 wurde der „doppelte“ Geburtstag mit einem Festkonzert in der Carnegie Hall begangen, von dem hoffentlich ein Mitschnitt veröffentlicht werden wird.

Danke, liebe Marilyn Horne, für die vielen schönen Stunden und für den großartigen Einsatz zur Wiederbelebung der Kunst des Belcanto!

Nachtrag: Bericht über die Gala "Celebrating Marilyn Horne" am 18. Januar 2009

11. Januar 2009

"Lucia di Lammermoor" in Berlin

Foto: DOB









Dieter berichtet aus Berlin:



Donizettis "Lucia di Lammermoor"

Dauerbrenner-Inszenierung an der Deutschen Oper Berlin

Die Deutsche Oper begann Ende des letzten Jahres mit einer Serie von Wiederaufnahmen der Produktion von Filippo Sanjust, die im Dezember 1980 Premiere hatte. Über einen Zeitraum von mehreren Monaten werden sich Star-Sopranistinnen in der Gestaltung der Titelrolle abwechseln. Die von mir besuchte Vorstellung am 22.12.08 war die 102. Aufführung seit der Premiere. Eine beeindruckende Anzahl, und im Laufe von fast drei Jahrzehnten sind in dieser Produktion wohl so ziemlich alle Künstler aufgetreten, die in diesem Fach Rang und Namen haben.

Mich interessierte vor allem Ruth Ann Swenson, die in den ersten Vorstellungen die Titelrolle singt. Seit vielen Jahren bin ich ein Fan von ihr und begrüßte die Möglichkeit, sie nach ihrer schweren Erkrankung und chemotherapeutischen Behandlung wieder auf der Bühne zu erleben. Noch immer hat ihr Instrument den charakteristischen warmen Ton und Leuchtkraft in der Höhe.

José Bros war ein tadelloser Edgardo; intensiv, ausdrucksvoll und mit schönem Legato. Der Enrico des mir bis dato unbekannten Domenico Balzano (anstelle des ursprünglich vorgesehenen Markus Brück) war akzeptabel, aber nicht außergewöhnlich. Eine absolute Luxusbesetzung: Michael Spyres in der kleinen Partie des Arturo. Recht anständig, wenn auch im Timbre nicht ausgesprochen italienisch der Raimondo von Arutjun Kotchinian, seine Partie war stark gekürzt. Diese „abgespeckte“ Fassung empfand ich als Ärgernis, ein Rückfall in die 40er, 50er Jahre. Amputiert waren: die zweite Strophe der Cabaletta nach Enricos Cavatina, das Duett Lucia/Raimondo, die Turmszene. Nach Abzug der Pausen betrug die „Netto“-Spieldauer des Abends knapp zwei Stunden.

Aus dem Orchestergraben kam wenig Erfreuliches: zu laut, unsensibel. Das Berliner Publikum quittierte es dem Dirigenten, Gianluca Martinenghi, mit anhaltenden Buh-Stürmen.

Die Inszenierung: eine Huldigung an das gemalte Kulissen-Theater des 19. Jahrhunderts. Da kann der Melomane nicht meckern! Allerdings konnte ich von Personenregie nichts mehr entdecken. Zum Glück ist die Lucia eine Gesangsoper, und die romantischen Kulissen eignen sich gut als Starvehikel für wechselnde Besetzung mit international berühmten Sängerinnen/Sängern. In dieser Spielzeit sind noch Vorstellungen am 1. und 6. März mit Elena Mosuc vorgesehen.

Dieter (Frankfurt a. M.)

29. Dezember 2008

Rossini und die Eisenbahn

Ergänzt am 30. Dezember!

Foto: rm
Rossini-Konzert im Straßenbahnmuseum
Thielenbruch (1.6.2007)
Rossini-Projekt des WDR









Nicht erst Arthur Honegger beschrieb mit
"Pacific 231" (1923) musikalisch eine Eisenbahnfahrt, sondern auch schon Gioachino Rossini in seinem Klavierstück Un petit train de plaisir comico-imitatif, enthalten im Band 7 der Péchés de vieillesse (Sünden des Alters). Die ab 1857 entstandenen Péchés de vieillesse sind eine Sammlung von mehr als 160 Kompositionen (Klavierstücke, Lieder, Chorwerke und Kammermusik), - darunter zahlreiche Parodien, die alles Mögliche und Unmögliche in Musik setzen: von kulinarischen Köstlichkeiten(z. B. vertonte Vorspeisen) über Hygieneverrichtungen und gymnastische Übungen, über den hinkenden Walzer und den Walzer des Rhizinusöls zum herrlich lautmalerischen Chanson du Bébé. Un petit train de plaisir schildert mit viel Lautmalerei und schwarzem Humor ein Eisenbahnunglück, - der Vergnügungszug entgleist, und es gibt sogar Tote, von denen einer in die Hölle (absteigendes Arpeggio), ein anderer ins Paradies (aufsteigendes Arpeggio) kommt. Nach einem ernsten Trauergesang steht am Ende ein fröhlicher Walzer zum angeblich heftigen Schmerz der Erben. Rossini selbst hat die Zwischentexte, die im folgenden Beitrag als Kapitelüberschriften dienen, in die Noten eingefügt. Der im Text erwähnte Ferdinand Hiller war ein deutscher Komponist, Dirigent und Musikschriftsteller. Seine „Plaudereien mit Rossini“ sind als Band 1 der Schriftenreihe der Deutschen Rossini Gesellschaft erschienen.
esg


Rossini und die Eisenbahn

En avant la machine (Vorwärts marsch)

Für Rossini war die Eisenbahn der Inbegriff der modernen Zeit, deren Ideale ausschließlich auf Dampf, auf Raub und auf Barrikaden ausgerichtet waren. Doch dem war nicht von Anfang an so. Seine erste (und einzige nachgewiesene) Bahnfahrt unternahm er 1836 auf der neuen Linie zwischen Antwerpen und Brüssel in Begleitung der Bankiersfamilie Rothschild, die zu den frühesten Financiers der Eisenbahnen in Frankreich gehörte. Im Gegensatz zur Legende, wonach er durch die Schrecknisse der Fahrt mehrere Tage an nervöser Erschöpfung gelitten haben soll, zeigte er sich seiner Freundin und späteren zweiten Frau Olympe Pélissier gegenüber in einem Brief beeindruckt über die kurze benötigte Reisezeit und fügte an, keinen Augenblick lang Angst verspürt zu haben!

Terrible Deraillement (Schreckliche Entgleisung)

Die späteren Dokumente belegen aber eindeutig seine Abneigung gegen die Eisenbahn. Wir wissen nicht, ob ein besonderes Ereignis oder sein desolater psychischer Zustand der 1840er- und 1850er-Jahren dazu führten. Möglicherweise hatte das schwere Eisenbahnunglück von 1842 bei Meudon (Versailles), dessen Bilder durch die Presse gingen und sogar in Öl gemalt wurden, seine Wirkung auf ihn nicht verfehlt: Allein der fiktive Gedanke, selbst in diesem Zug mitgefahren zu sein, hätte den hypersensiblen und ängstlichen Kranken schockiert.
Als Rossini 1855 nach Frankreich aufbrach, nahm er sich vier Wochen Zeit und einen eigenen Wagen und Postpferde, um von Florenz nach Paris zu reisen. Spöttisch vermerkte die von Robert Schumann geleitete «Neue Zeitschrift für Musik»: „Eigensinnig, wie Rossini immer gewesen, habe er erklärt, weder zu Schiff, noch mit der Eisenbahn zu reisen, sondern sich nur einem ‘Hauderer’ [Lohnfahrer] anzuvertrauen!“ Rossinis Abneigung gegen den Zug wurde dermaßen sprichwörtlich, dass er selbst sich seinem Freund Hiller gegenüber empörte: „Diese Journalisten! Da hat einer drucken lassen, als ich kürzlich von Paris abreiste, mir sei die Eisenbahn fast ebenso zuwider als die deutsche Musik! Was meinen Sie dazu?“ „Dass Sie viel auf der Eisenbahn reisen würden, wenn es wahr wäre, lieber Maestro“, erwiderte Hiller. Demselben Hiller schrieb Olympe bezüglich der Durchreise über Frankfurt folgenden Satz, der Rossinis (und ihre eigene?) Angst vor der Bahn verdeutlicht: „Man sagt, dass es von Köln nach Frankfurt nur wenige Stunden sind; Sie, der Sie die Eisenbahn nicht fürchten, könnten Sie nicht herkommen, um Ihren Rossini zu umarmen?“.
Dem Fotografen Nadar in Paris erteilte der Komponist die schriftliche Erlaubnis, sein Konterfei für Karikaturen zu Pferd, im Wagen, sitzend, stehend usw. zu verwenden, „aber ich schließe die Eisenbahn und den Luftballon ausdrücklich aus, da man mich darin nicht erkennen würde.“
Seinem Lieferanten von Gorgonzola-Käse, dem Marchese Antonio Busca in Mailand, schrieb Rossini aus Paris: „Wenn der Fortschritt der Beleuchtung (aus Öl) nicht die Pferde und die Kutscher überflüssig gemacht hätte, ich würde per Post zu Ihnen fahren und Ihnen persönlich danken.“ „Ach verfluchte Eisenbahnen! Ihr verhindert es, mich nach meinem Herzenswunsch nach Mailand zu begeben, um die Hände und Füße meines geliebten Marchese Busca zu küssen!“

Douce mélodie (Sanfte Melodie)

Wenn verbal und praktisch die Ablehnung der Eisenbahn offensichtlich ist, so war sein Verhältnis in finanzieller Hinsicht ein ganz anderes. Der Geschäftsmann Rossini scheute sich nicht, die von ihm verhasste technische Erfindung zu fördern, wenn sie Gewinn abwarf. Sein beträchtliches Vermögen legte er teilweise in Obligationen der Chemins de fer d’Orléans sowie der Chemins de fer Paris-Lyon-Méditerranée an. Das mochte freilich auch damit zusammenhängen, dass zahlreiche seiner einflussreichen Freunde aus Adels- und Finanzkreisen, in Italien wie in Frankreich, zu den Promotoren, Förderern und Geldgebern der gesellschaftlich und ökonomisch so folgeträchtigen Erfindung gehörten. Dem Advokaten Leopoldo Pini in Florenz vermittelte er als Dank für seine Treuhandtätigkeit den Sekretärenposten bei der Toskanischen Eisenbahn. Im Gegensatz zu seiner eigenen Person vertraute er die wertvollen Umzugsgüter, die er nach Paris kommen ließ, dem Dampfschiff und der Eisenbahn an - freilich nicht ohne vorher eine Versicherung abgeschlossen zu haben.

Sifflet satanique (Teuflisches Pfeifen)

Als sich Rossini ein Grundstück für den Bau einer Villa in Passy aussuchte, fiel die Wahl auf ein Terrain in der Form eines Flügels; er nahm dabei sogar die angrenzende Eisenbahnlinie Paris-Auteuil in Kauf, deren gebogene Linienführung überhaupt erst zur Form des Tasteninstruments führte. Als ihn 1867 Max Maria von Weber, der Sohn des berühmten Komponisten des Freischütz, dort besuchte, kam das Thema fast zwangsläufig auf die Eisenbahn. Weber berichtete: „Mehrmals unterbrach der grelle Pfiff der Lokomotive, der von der nahen Station Passy herüberschallte, schneidend unser Gespräch, so daß ich zuletzt ausrief: ‘Wie peinlich muß dieser modernste aller Mißtöne Ihr musikalisches Ohr berühren.’ ‘Oh, glauben Sie das nicht’, erwiderte er mit leisem Kopfschütteln, indem ein bis dahin noch nie von mir gesehenes, wehmütiges Lächeln über seine Züge glitt; ‘dieses Pfeifen erinnert mich stets an meine goldenste Jugendzeit. Mein Gott, was habe ich in meinen ersten Opern, in der Cenerentola und Torwaldo und Dorliska pfeifen hören.’“ Vielleicht hätte Rossini bei dieser Gelegenheit gerne auf die Eisenbahn losgewettert, aber er hatte es bei seinem Gast mit einem weltweit anerkannten Spezialisten für Eisenbahnwesen zu tun!

On ne m’y attrapera pas (Darauf fall' ich nicht herein)

So blieb denn Rossinis Verhältnis zur Eisenbahn zwiespältig und ebenso janusköpfig wie sein komisch-imitierender Vergnügungszug in der musikalischen Fassung: Tout cela est plus que naïf, mais c’est vrai! (Das ist alles mehr als naiv, aber es ist wahr!).

Reto Müller
Geschäftsführender Vorsitzender
Deutsche Rossini Gesellschaft

Überarbeitete Fassung des im Programmheft Auf den Schienen der Poesie, Literarisch-musikalische Soirée. Melodien und Texte zur Eisenbahn (Bad Wildbad, Rossini in Wildbad, 1993) erschienenen Artikels. Ich danke für die freundliche Genehmigung des Verfassers zur Veröffentlichung in unserem Belcantoblog.

Ergänzung!
Hartmut hat auf folgende Verhaltensregeln für Bahnbenutzer hingewiesen, die der im Artikel genannte
Max Maria von Weber, Eisenbahningenieur und sächsischer Eisenbahndirektor, 1854 verfasst hat:

„Ein sehr guter allgemeiner Grundsatz ist, seinen Sitzplatz inne zu behalten, um ihn nicht eher zu verlassen, bis man am Orte seiner Bestimmung angelangt ist. Wenigstens steige man so selten wie möglich aus.
Man wähle sich seinen Platz wo möglich in einem Wagen in oder doch wenigstens so nahe als möglich an der Mitte des Zuges.
Im Wagen sitzend hüte man sich, die Beine unter den gegenüberliegenden Sitz zu stecken oder sonst ein Glied des Körpers an seiner Beweglichkeit zu hindern. Erläuterung: Bei jedem raschen Geschwindigkeitswechsel kann es geschehen, dass der Körper nach vorn oder rückwärts im Wagen geworfen wird. Dies wird meist harmlos vorübergehen, wenn er sich frei vom Platze bewegen kann, während im Gegenteile Knochenbrüche oder Quetschungen die Folge sind.
Während der Fahrt halte man keine Stöcke oder Schirme vor sich im Wagen, noch weniger bringe man sie an den Mund oder stütze den Kopf darauf. Erläuterung: In Folge rascher Verminderung der Geschwindigkeit ist ebenfalls schon oft Einstoßen von Zähnen, Gaumen etc. herbeigeführt worden. Ebenso ist es nicht rätlich, auf der Reise aus Pfeifen zu rauchen, die ähnliche Vorfälle herbeiführen können.
Man meide das Fahren in Coupés mit bloß einer Reihe von Sitzen, die den Reisenden gegenüber Glasfenster haben, damit der Reisende nicht an die Scheiben geworfen werde.“

Quelle: Texte und Bilder zur Eisenbahn

Dieses Buch von Max Maria von Weber ist bei Google
komplett digitalisiert: Die Schule des Eisenbahnwesens (1862)







Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern des Belcantoblogs einen guten Start ins neue Jahr!

23. Dezember 2008