6. August 2009

Glückwünsche an Alexey Kudrya!

Als wir anlässlich der diesjährigen Jahreshauptversammlung der Deutschen Rossinigesellschaft in Metz in der dortigen Oper eine Aufführung von Rossinis „Il viaggio a Reims“ besuchten, waren wir uns einig: Der Sänger des Libenskof, Alexey Kudrya aus Russland, ist ein Tenor mit Zukunft und hat das Potential für eine bedeutende Karriere.

Jetzt hat er bei Domingos Operalia den ersten Preis gewonnen, herzlichen Glückwunsch!

Hier die Namen aller Preisträger 2009. Wenn man sich die Liste der bisherigen Gewinner ansieht, findet man in großer Zahl die Namen von Sängern und Sängerinnen, die inzwischen eine internationale Karriere gemacht haben. So waren allein im Jahr 1999 Rolando Villazon, Giuseppe Filianoti und Joseph Calleja unter den Preisträgern. Und die Sieger des 1998 in Hamburg ausgetragenen Finales, das ich live miterleben konnte, waren Erwin Schrott, Joyce DiDonato und Ludovic Tézier!

Hier die Biographie und eine Zusammenstellung der Videos mit Alexey Kudrya bei YouTube. Als Tamino singt er nicht nur, sondern spielt auch die Flöte selbst!

1. Juni 2009

Orlando paladino - Ernst-komische Oper von Joseph Haydn

Bericht zur Premiere des Staatstheaters Braunschweig am 29. Mai 2009
Orlando-Paladino
v.l. Malte Roesner, Rebecca Nelsen, Henryk Böhm, Kenneth Bannon, Thomas Blondelle, Simone Lichtenstein, Tobias Haaks.
Fotos: Programmheft Staatstheater Braunschweig

Haydn schuf diese kleine Oper im neuen Gewand des „dramma eroicomico“ für seinen Fürsten Nikolaus Esterházy auf der Höhe seiner Meisterschaft als Fünfzigjähriger 1782. Wie seine anderen komischen Opern war sie zur Aufführung in Esterháza am Hofe des Fürsten bestimmt. Vorzügliche Berufsmusiker und renommierte italienische Sänger standen ihm zur Verfügung. Auf einer großen Bühne wie in Prag wollte Haydn selbst seine Opern nicht aufgeführt wissen.
Da trifft es sich gut, dass die Braunschweiger Inszenierung ohne großen technischen Aufwand open-air im Innenhof des barocken Schlosses in Wolfenbüttel aufgeführt wurde. Die Besucher saßen auf stabilen Pappkartons und trotz kalten Wetters bei der Premiere durften sie eine Aufführung der Extraklasse erleben.
Der Inhalt der Oper basiert sehr frei auf dem damals bekannten und beliebten Stoff aus dem Renaissance-Epos „Orlando furioso“ des Ludovico Ariosto (1474-1533). Die Rollen waren mit Haussängern des Braunschweiger Staatstheaters hervorragend besetzt. Es klang, als habe Haydn selbst ihnen die Stücke auf den Leib geschrieben:
Der junge Thomas Blondelle, der schon etliche bekannte Tenorpartien in Braunschweig verkörpert hat, durfte diesmal als Orlando mit warmen, eher in der mittleren bis tiefen Tenorlage angesiedelten Tönen verzaubern. Interessant, dass der „rasende Roland“, der seinen Verstand aus Liebespein verloren hat, als frustriertes gepeinigtes, fast ängstliches Mannsbild dargestellt wurde.
Die Debütantin Simone Lichtenstein setzte als viel umworbene Angelica gekonnt ihren seidigen Sopran ein; hoffentlich werden wir in Zukunft in Braunschweig mehr von ihr hören und sehen.
Orlandos Gegenpart, ebenfalls Tenor, war als Medoro der groß gewachsene, in ein prunkvolles Gewand gehüllte und mit überlanger Lockenperücke ausgestattete Tobias Haaks. Er sang sehr nobel den unentschlossenen Liebhaber.
Rebecca Nelsen – wiederum ein Ereignis! Temperamentvoll gestaltete sie die kokette Sopranrolle der Eurilla, ihr zur Seite ebenso geläufig als Pasquale Malte Roesner, der sich mehr und mehr im Ensemble auszeichnet. Seine berühmte Arie „Ecco spiano – Ecco il mio trillo“, in der er sich mit dem Orchester schulmeisterlich und parodistisch auseinandersetzt, war ein auch in der Begleitung herausragend umgesetzter Höhepunkt der Aufführung.
Orlando-Paladino-2
v.l. Rebecca Nelsen, Simone Lichtenstein, Malte Roesner, Sarah Ferede, Thomas Blondelle, Selcuk Hakan Tirasoglu, Henryk Böhm, Tobias Haaks
Als Rodomonte mit gezwirbeltem Schnurrbart und goldener Rüstung glänzte der in Braunschweig bekannte und beliebte Bariton Henryk Böhm. Kenneth Bannon als Licone bewährte sich augenzwinkernd im Clownsgewand, Caronte als Abgesandter der Unterwelt wurde von Selcuk Hakan Tirasoglu gesungen und gespielt. Passend, dass der Bass, der eine ausdrucksvolle „unverzierte“ Arie zu singen hat, von Kopf bis Fuß in glänzendes Schwarz gehüllt ist. Schließlich die Zauberin Alcina. Sie hält, wie eine frühe „Königin der Nacht“ über dem Geschehen thronend und überlange weiße Finger bewegend, alle Fäden in der Hand und wirkt mal gut und mal böse – bringt schließlich Einsicht und Erlösung. Eine Paraderolle für die wunderbare Sarah Ferede.
Das Libretto von Nunzio Porta wurde in eine deutsche Fassung von Dominik Wilgenbus übertragen. Bewundernswert, wie einige im Schnellgesang dargebotenen Ensemblenummern gelangen; sie sind im originalen Italienisch leichter singbar.
Die musikalische Leitung oblag Sebastian Beckedorf, einem Spezialisten für diese Art Musik. Das Orchester setzte diesen Haydn schwungvoll in Szene. Besonderes Lob gebührt Aniara Amos, verantwortlich sowohl für die Inszenierung als auch die Ausstattung. Geradezu fantastisch vermochte sie den Sänger-Darstellern einen dem Stück angemessenen erhaben-komischen tänzerischen Gestus zu verleihen und gekonnt die Stimmungen der Musik auch in Mimik umzusetzen. Da stimmte jede Regung, jeder Ausdruck. Die Ausstattung war schlicht und somit einer kleinen Bühne, die im Schlosshof aufgebaut worden war, angepasst. Man kam mit einigen drehbaren Stellwänden und wenigen Beleuchtungseffekten aus: Da war eine gemalte pastorale Landschaft auf einer Seite, auf der Rückseite in tiefem Schwarz die dämonische Unterwelt . Zwischen diesen beiden Polen, beherrscht von der Zauberin Alcina, bewegt sich das Stück.
Wer irgend kann, sollte im Jahre des 200. Todestages des Komponisten die noch folgenden Aufführungen dieser einmaligen Inszenierung besuchen. Bei der Premiere hätte ich mir beim Publikum ein wenig mehr Begeisterung gewünscht – aber, wie gesagt, das Wetter war ziemlich kalt.
Weitere Aufführungen am 6./12./18./21. Juni 09
(Autorin: Astrid Fricke)

30. Mai 2009

Spohrs Oper "Der Alchymist" in Braunschweig

Alchymist
Moran Abouloff (links) als Inez und Susanna Pütters als Sklavin Paola. Foto: Jochen Quast; Quelle: BZ vom 26.5.2009
Romantische Themen lieferten immer wieder den Stoff für große Opern, man denke nur an „Hoffmanns Erzählungen“ mit dem Sandmann-Motiv, an Hindemiths „Cardillac“ über einen genialen und besessenen Goldschmied und nun - in einer Inszenierung des Staatstheaters Braunschweig - „Der Alchymist“. Dabei handelt es sich um ein 1830 in Kassel uraufgeführtes Werk von Louis (Ludwig) Spohr (1784 – 1859), dem großen Sohn der Stadt Braunschweig, einer Stadt, in der unter Herzog Karl II in der Zeit bis 1830 eher Rossini-Opern zu hören waren (siehe Achim Lange „Joachim Rossini – Hausgott in Braunschweig"). Eine weitere einaktige „Comische Oper“ zu diesem Motiv, ebenfalls mit dem Titel „Der Alchymist“ von Joseph Schuster wurde 1778 im Kleinen Kurfürstlichen Theater in Dresden uraufgeführt, sie geht auf eine andere Vorlage zurück. Möglicherweise war sie Spohr bekannt.
Das Libretto der Spohr-Oper basiert auf einer Erzählung des amerikanischen Schriftstellers Washington Irving (1783 – 1859), eines Zeitgenossen. Aus Irvings Feder stammt auch die bekannte Figur des „Rip van Winkle“, welche noch 1999 als Vorlage zu einem Horrorfilm mit Jonny Depp diente. Irvings eindrucksvolle literarische Behandlung des Alchemistenthemas in der 1822 erschienenen Erzählung „Der Student von Salamanca“ aus der Sammlung „Bracebridge Hall oder die Charaktere “ kann hier im Internet nachgelesen werden.
Beide Bearbeitungen weisen sowohl Übereinstimmungen (Bühnenbild im ersten Aufzug) als auch Unterschiede auf. Bei Irving nimmt, anders als in der Oper, die Beschreibung des Charakters des Alchemisten den meisten Raum ein. Dem Bühnenwerk sind verständlicherweise weitere Handlungsstränge hinzugefügt. Zigeuner spielen in der Oper wie in der Erzählung eine Rolle, das maurische Element ist jeweils breit ausgeschmückt . Die Liebesgeschichte zwischen Inez, der Tochter des Alchemisten, und Don Alonzo, der in der Erzählung den Namen Antonio de Castros trägt, wird bei Irving nur angedeutet und nicht ausgeführt. Irving schildert das Sehnen des jungen Mannes nach der unerreichbar in Abgeschiedenheit lebenden Alchemistentochter, von einer Erfüllung seiner Liebe zu Inez ist auch am Ende der Erzählung nicht die Rede. Paola, die maurische Sklavin, bei Spohr eine Schlüsselfigur, taucht in der Vorlage nicht auf. Es gibt dort allerdings auch einen Nebenbuhler, einen fremden Cavalier, der erfolglos unter dem Turm, in dem Inez weilt, eine Serenade singt und sich dann entfernt, um, anders als in der Oper, nicht mehr aufzutauchen. Auch bei Irving rettet Antonio dem Alchemisten Don Felix de Vasquez nach einer Explosion, bei der die Bücher und Gerätschaften des Alten verbrennen, das Leben. Danach ist der junge Mann bestrebt, ihm nachzueifern, um das Erbe des Alchemisten fortzuführen. Das ist bei Irving bereits alles.
Neben der Figur des Alchemisten ist also das Liebessehnen des jungen Antonio/ Alonzo das tragende Element in beiden Werken. In der Oper findet es Erfüllung, nicht in der fast zeitgleich verfassten romantischen Vorlage.
Der Alchemist, welcher im Mittelalter nach Elixieren zur Lebensverlängerung suchte, die Verwandlung „unedler“ Metalle in Gold anstrebte und angeblich mit übernatürlichen Kräften, auch dem Teufel selbst, im Bunde stand, ist in vielen Kulturen bekannt und wird bis heute in der Kunst behandelt. Es ist nachvollziehbar, dass dieser Typus besonders in der Romantik wieder auflebte. Die Premiere des „Alchymisten“, dieser sehr selten aufgeführten Spohr-Oper, die in Opernführern eher beiläufig erwähnt wird und als eine der ersten romantischen Opern in Deutschland gilt, fand am 24. 5. 09 am Staatstheater Braunschweig statt (Videofilm siehe www.theater-tv.com).

Weitere Aufführungen wird es am 16., 18., 24. und 28. Juni geben. Radioübertragung auf NDR Kultur am 18. Juni, 20 Uhr.
In der Premiere wurde die Ouvertüre unter der Leitung von Christian Fröhlich zu einem Höhepunkt des Abends. Das Orchester kostete die Klangfarben triumphierend aus. Auf dem Vorhang wechselten Bilder von Landschaften, um die jeweiligen „Stimmungen“ der Partitur zu verdeutlichen.
Das erste Bild zeigt sehr eindringlich, wo die heutigen „Zigeuner“, die gegen Geld zur Unterhaltung der Herrschaften auftreten, zu suchen sind; sie „quollen“ geradezu aus einem Container heraus und zeigten sich als arme Migranten, denen gleich bei ihrer Ankunft die Pässe abgenommen werden.
Die Musik erinnerte stark an die bekannteren romantischen deutschen Opern, wie „Der Freischütz“ von Weber. Sie enthält schöne Soli ebenso wie einige Duette und Ensemblestücke. Der Chor wird stark gefordert und tritt mal im altgriechischen Statuen-Look auf, dann wieder, „Fandango“ tanzend, im spanischen Gewand. Wie bereits erwähnt, gibt es bei Spohr eine maurische Sklavin Paola, welche Ramiro, den Inez-Verehrer und Nebenbuhler des Alonzo, liebt. Sie wird von Susanna Pütters verkörpert, die schon in vielen Rollen in Braunschweig glänzte. Sowohl stimmlich als auch darstellerisch meisterte sie mit strahlendem Sopran die Anforderungen der Rolle. Sie darf eine Intrige spinnen, ihre mit Koloraturen verzierte Eifersuchtsarie war einer der Höhepunkte der Aufführung. Statt zur „Guitarre“ ihre „schwermüthige maurische Ballade“ zu singen wie in der Irving-Erzählung, wird Inez in der Spohr-Oper im ersten Aufzug effektvoll von einer auf der Bühne spielenden Harfenistin (Ursula Fatton) begleitet. Moran Abouloff setzte als Inez Akzente mit weichem, kultiviertem Sopran. Sehnsuchtsvoll, doch weitgehend vergeblich schmachtet sie nach Liebe. Es ist Heiterkeit erregend, wie beide, Alonzo und Inez, einander zunächst „verfehlen“, wie Alonzo, der ihr aus dem „Turm“ herabhängendes Haar ergreifen möchte, daneben fasst. Bei aller Quirligkeit, allen komischen Akzenten, welche die Regie ihr abverlangten, vermochte Frau Abouloff jedoch auch als um den Vater bangende Tochter zu überzeugen, eine Gratwanderung.
Glaubwürdig und eindrucksvoll wurde die Partie des „Alchymisten“ von Bernd Weikl gesungen und dargestellt. Seine Angst und Erregung angesichts der drohenden Inquisition vermochten zu berühren, obwohl diese Rolle mit sehr viel Sprechgesang verbunden ist. Überhaupt enthält die Oper sehr viele gereimte Rezitative, die Spohr wohl in anderen Opern noch verschwenderischer einsetzte.
Jörg Dürmüller als Don Alonzo gestaltete seine Tenor-Rolle als Liebhaber und Retter mit der gebotenen „Schüchternheit“ und schmelzenden Arien. Jan Zinkler trat auf als Don Ramiro de Loxa. Er besitzt einen ausdrucksvollen, unverwechselbaren dramatischen Bariton. In dieser lyrischen Partie eines skurpellosen und gerissenen Liebhabers blieb er vergleichsweise blass.
Schnell wurde deutlich, dass der Regisseur Uwe Schwarz sich nicht scheute, alles aufzufahren, was seiner Meinung nach verstaubt-romantisch ist: Liebe, symbolisiert durch Sonnen und Monde, die von den Chormitgliedern an Stöcken geschwenkt wurden, sowie durch ein großes rotes schwebendes Luftballonherz. Hinzu kommt das Doppelgängermotiv: Die Puppe, die Ramiro im 2. Aufzug auf dem Schoß hält , später entkleidet und malträtiert, ist eine Anspielung hierauf. Dieser Puppe werden nicht nur die Hammelbeine lang gezogen, ein Akt der gespielten Selbstverstümmelung? Wenn man das Programmheft liest, kommt man auf diese Idee. Nur hätte die hier inszenierte angebliche Lustfeindlichkeit der Romantik , besonders, wenn man an die „keusche“ Vorlage Irvings denkt, eher zu Alonzo gepasst.
Der Stoff wurde bereits von Spohr und seinem Librettisten Pfeiffer trivialisiert und daher ist es nur folgerichtig, dass die Inszenierung an der Ernsthaftigkeit der Vorlage zweifelt und die „Ironie“ der Romantik herausstreicht. Anders als in der Erzählung Irvings sind im Libretto die komischen Elemente tatsächlich nicht zu übersehen. So geht es beispielsweise von einem Bewerber um die Gunst der Inez aus, dem es nicht so sehr nach „Alchemie“ gelüstet, sondern der wiederholt seinem sehr bodenständigen Wunsch Ausdruck verleiht, „ er wäre doch so gerne Schwiegersohn.“ Auch die plötzliche „Auferstehung“ des vermeintlich tödlich verwundeten Nebenbuhlers Don Ramiro de Loxa am Ende wirkt alles andere als natürlich. Das alles mag dazu beigetragen haben, dass der Oper kein dauerhafter Erfolg beschieden war. Spohr, der noch mehrere andere Opern schrieb, hielt sie jedoch vermutlich für seine beste und musikalisch ist sie weitgehend ein Erlebnis.
Misst man den Erfolg einer Produktion am Schlussapplaus, können die Akteure sehr zufrieden sein. Es gab viel Beifall, das Publikum klebte förmlich auf den Sitzen und wollte sich gar nicht fortbewegen. Mag das zum Teil auch einem Braunschweiger Lokalpatriotismus geschuldet sein, gebührt dem Staatstheater doch Dank dafür, dieses Werk ausgegraben und in einer musikalisch überzeugenden Fassung auf die Bühne gebracht zu haben.
(Autorin: Astrid Fricke)

Joachim Rossini - Hausgott in Braunschweig

Ein Rätsel
Was ist der Unterschied zwischen einem
Braunschweiger Rossini-Liebhaber von heute
und einem Braunschweiger Rossini-Liebhaber von gestern?
Ganz einfach:
Der Fan von heute
geht 6x in 1 Rossini-Oper
Der Fan von gestern
ging 1x in 6 Rossini-Opern:
Tempi passati!
In ebenso unterhaltender wie informativer Weise berichtet Achim Lange über die überwältigende Rossini-Rezeption im Herzogtum Braunschweig.

Vortrag gehalten in Braunschweig am 28. März 1998 anlässlich der Mitgliederversammlung der Deutschen Rossini Gesellschaft.
zum Vortragsmanuskript

"Arianna in Creta" in Braunschweig

Eine Rezension der Aufführung vom 15. Mai 2009 im Staatstheater Braunschweig finden Sie auf der Seite Mittelloge.de

Klassik live für neue Publikumsschichten!


Königliche Philharmoniker machen Pferden Beine

Was geschieht, wenn in Grossbritannien Tierpsychologen, Sportpromotoren und Orchestermanager die Köpfe zusammenstrecken? Richtig: Sie heizen Pferden mit Rossinis «Wilhelm Tell»-Ouvertüre publikumswirksam ein …mehr bei codexflores.ch


Opern für Kühe im Dienste der Milch

London - Geben glückliche Kühe bessere Milch? Ein englischer Bauer will der Frage auf den Grund gehen und ließ einen italienischen Opernsänger vor seiner Herde auftreten. Sänger Marcello Bedoni trug den Milchkühen in der Grafschaft Lancashire eine Auswahl seiner Lieblings-Arien vor … mehr bei Berliner-Zeitung(dpa)

Ob diesen glücklichen Kühen auch Arien von Rossini geboten wurden, wird leider nicht berichtet, ...und wer ist Marcello Bedoni? Wikipedia weiß es!

1. Mai 2009

MetOpera twittert: Freier Videozugang 1.-3. Mai

Auch die MetOpera twittert heute am 1. Mai 09:

Listen live to LA CENERENTOLA tonight at 8:00ET with Elina Garanca as Rossini's Cinderella: http://tinyurl.com/yzc6uy

Met Player FREE weekend now thru Snday! http://tinyurl.com/5rpapf Enjoy audio & video b'casts from the archives, including Live in HD!

Alle Twitter-Beiträge der Met können hier eingesehen werden.

Sehenswert!!

21. April 2009

"Arianna in Creta" u. "Orlando Paladino" in Braunschweig

im Mai zeigt das Staatstheater Braunschweig neben Louis Spohrs Werk "Der Alchymist" zwei weitere außergewöhnliche Opernaufführungen:

"Arianna in Creta" von G. F. Händel (konzertant), nur am 15. Mai 2009, 19 Uhr im Großen Haus und
"Orlando Paladino" von J. Haydn, am 29. Mai, 1. und 6. Juni jeweils 19:30 Uhr im Schloss Wolfenbüttel (Innenhof)

Für weitere Informationen zitiere ich aus dem Newsletter des Staatstheaters Braunschweig:

"Gastspiel Arianna in Creta

Oper von Georg Friedrich Händel

Konzertante Aufführung

Im Rahmen von Soli Deo Gloria, »Feste Alter Musik« im Braunschweiger Land, zeigt das Staatstheater Braunschweig eine konzertante Aufführung der Barockoper "Arianna in Creta" von Georg Friedrich Händel.

Das Werk ist die dritte und letzte Inszenierung in einer Reihe von drei Opern, die Christopher Hogwood – Gründer und Ehrendirigent der Academy of Ancient Music – in den drei Jahren bis zum 250. Todestag Georg Friedrich Händels geleitet hat.

Die Uraufführung von "Arianna in Creta" fand am 26. Januar 1734 im King's Theatre am Londoner Haymarket statt. Die Oper kam auf sechzehn Vorstellungen. Im November wurde sie am Covent Garden Theatre nochmals aufgenommen. Im August 1737 stand "Arianna in Creta" erstmals in Braunschweig auf dem Spielplan.

Das Libretto basiert auf Pietro Pariatis "Arianna e Teseo". Dieses wurde von Francesco Feo für eine Aufführung während der Karnevalszeit 1729 in Turin vertont.

Der mythologische Stoff ist von Plutarch überliefert und wurde auch von Ovid verarbeitet. Es ist die Liebesgeschichte zwischen Ariadne, der Tochter des grausamen kretischen Königs Minos, und dem Athener Königssohn Theseus. Sie rettete ihm und 14 Kindern mit einem magischen Schwert und einem Knäuel Wolle das Leben.

Die Mezzosopranistin Angelika Kirchschlager singt die Partie des Teseo. Sie gehört weltweit zu den führenden Sängerinnen ihres Fachs und ist sowohl im Opern- als auch im Konzertbereich äußerst renommiert. Im Juni 2007 ernannte sie die Wiener Staatsoper zur Kammersängerin.

Die in Wien lebende gebürtige Österreicherin verfügt über ein großes Repertoire, das von Bach, Händel, Brahms, Mahler und Ravel zu Rossini, Schubert, Schumann, Weill und Wolf reicht. Wichtige Dirigenten ihrer Karriere waren und sind: Riccardo Muti, Claudio Abbado, Sir Colin Davis, James Levine, Kurt Masur, Kent Nagano und Sir Simon Rattle. Die Künstlerin gastierte bereits an nahezu allen großen Opernhäusern der Welt, wie der Mailänder Scala, der Met in New York, der Pariser Opéra Bastille, der Wiener Staatsoper und der San Francisco Opera. In den Jahren 2000 und 2005 gewann sie für zwei ihrer CD-Einspielungen den Echo Klassik. Angelika Kirchschlagers erste CD mit Barock-Repertoire erschien 2002. Vier Jahre später folgte ein Album mit Händel-Arien, begleitet vom Kammerorchester Basel unter der Leitung von Laurence Cummings.

Musikalische Leitung: Christopher Hogwood

MIT: Miah Persson (Arianna), Angelika Kirchschlager (Teseo), Sonia Prina (Carilda), Karen Cargill (Tauride), Lisa Milne (Alceste), Antonio Abete (Minos)

Academy of Ancient Music

Am 15. Mai 09, 19:00 Uhr im Großen Haus (Am Theater/Steinweg)

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Orlando Paladino

Ernst-komische Oper in drei Akten von Joseph Haydn

- in deutscher Sprache -

An einen malerischen Ort entführt das Staatstheater Braunschweig sein Publikum mit der Inszenierung der Oper "Orlando Paladino" von Joseph Haydn. Denn erstmals laden Opernensemble und Staatsorchester unter der musikalischen Leitung von Sebastian Beckedorf in den Innenhof des Schlosses Wolfenbüttel ein.

Im Haydn-Jahr 2009 steht mit "Orlando Paladino" eine deutschsprachige Oper des vor 200 Jahren gestorbenen Wiener Klassikers auf dem Spielplan:

Orlando, treuer Gefolgsmann Karls des Großen, verliebt sich in Angelica, die exotische Königin von Kattai. Diese interessiert sich allerdings nur für den schönen Ritter Medoro, der ihre Liebe auch leidenschaftlich erwidert. Die ausbleibende Gegenliebe Angelicas erlebt Orlando als Trauma und verliert seinen Verstand. Von dem rasend eifersüchtigen Orlando bedroht, flieht das Liebespaar. Durch Zauberkräfte und ein Elixier, das den Liebeskranken seine Angelica-Passion vergessen lässt, kommt der Wahnsinnige letztlich zur Ruhe.

So sonderbar wie die Handlung ist auch die Entstehungsgeschichte der Oper. Das Werk ist ein reines Zufallsprodukt. Eigentlich sollte Haydn am 6. Dezember 1782 eine bereits vorhandene Oper von Pietro Allessandro Guglielmi aufführen. Doch dann erhielt er den Auftrag, dessen Libretto als Vorlage für eine neue Oper zu nutzen, weil sich der russische Großfürst Pawel Petrowitsch überraschend angekündigt hatte. Ihm sollte "Ungehörtes" präsentiert werden. Zwar sagte der prominente Besucher kurzfristig ab, doch Haydns Oper war fertig und wurde uraufgeführt.

Aniara Amos inszeniert die selten gespielte Haydn-Oper und entwirft zudem Bühne und Kostüme.

Mit den Solisten: Simone Lichtenstein (Angelica), Henryk Böhm (Rodomonte), Thomas Blondelle (Orlando), Tobias Haaks (Medoro), Kenneth Bannon (Licone), Rebecca Nelsen (Eurilla), Malte Roesner (Pasquale), Sarah Ferede (Alcina) und Selçuk Hakan Tiraşŏglu (Caronte).

Premiere: am 29. Mai 09, 19:30 Uhr im Schloss Wolfenbüttel (Innenhof)

Weitere Vorstellungen: 1. und 6.6. um 19:30 Uhr"

Opern-Videos im Internet

Aus dem aktuellen Programm von ClassicLive:

Bis 3. Mai: Rossini - Il viaggio à Reims (St. Petersburg)

Bis 3. Mai: Rossini - La pietra del paragone (Madrid)


Ab 2. Mai: Verdi - Il trovatore (Bregenz)

ab 12. Mai: Verdi - Oberto (Bilbao)

4. April 2009

Oper "Der Alchymist" von Louis Spohr in Braunschweig ab 24. Mai 09

Bild 4

Die Oper des in Braunschweig vor 225 Jahren geborenen Geigers, Dirigenten und Komponisten wird am 24. Mai 09 im Staatstheater Braunschweig aufgeführt (zur Rezension der Premierenaufführung).

Weitere Termine: 29. Mai
18. 24. u. 28. Juni.


"Ein Virtuose aus Braunschweig"
(Bericht über Louis Spohr und Übersicht zu weiteren Veranstaltungen in Braunschweig im Spohr-Jahr 2009, BZ vom 4. April 09)


Selbstbildnis von Louis Spohr
Foto: Peter Sierigk (BZ)


Weitere Informationen zur Oper aus dem Newsletter des Staatstheaters Braunschweig:
"Mit Louis Spohrs Werk "Der Alchymist" kommt eine absolute Rarität auf die Bühne des Großen Hauses. Besonders freut es uns, dass wir Bernd Weikl für die Titelpartie (Don Felix de Vasquez) gewinnen konnten.

Der Alchymist

Romantische Oper von Louis Spohr

In Kooperation mit der Internationalen Louis Spohr Gesellschaft Kassel

Das Staatstheater gedenkt des Braunschweiger Komponisten Louis Spohr anlässlich seines 225. Geburtsjahrs und 150. Todesjahrs mit der Wiederentdeckung seiner Oper "Der Alchymist", die 1830 uraufgeführt wurde:

Inhaltlich ist es eine Liebesgeschichte mit Happy End: Sowohl Don Ramiro de Loxa als auch Don Alonzo de Castros haben sich in Inez, die schöne Tochter von Don Felix de Vasquez, dem Alchymisten, verliebt. Inez´ Vater jedoch nimmt von den Verehrern seiner Tochter keinerlei Notiz. Er lebt einzig und allein für die Wissenschaft und will den "Stein der Weisen" erschaffen. Kurz vor dem Durchbruch kommt es zu einer Explosion. Don Felix de Vasquez wird von Alonzo de Castros aus den Flammen gerettet. Wenig später wird Vasquez gefangen genommen. Ramiro de Loxa beschuldigt ihn der Ketzerei.

Doch der Retter Alonzo konnte das Herz von Inez gewinnen. Sein Kontrahent Ramiro allerdings verhindert ihr gemeinsames Glück und verschleppt Inez in seinen Palast. Sie kann entfliehen und sich Zutritt in das Inquisitionsgebäude verschaffen. Vor den Richtern kommt es zum Duell zwischen Ramiro und Alonzo. Ramiro unterliegt und wird tödlich verletzt. Am Ende wird Vasquez freigelassen und die Liebe von Inez und Alonzo siegt.

Die Titelpartie Don Felix de Vasquez singt der Bariton Bernd Weikl, der seit seinem Debüt bei den Bayreuther Festspielen 1972, dort über 200 Vorstellungen gesungen hat. Gastspiele führten ihn an alle bedeutenden internationalen Opernhäuser, 1977 debütierte er an der Metropolitan Opera New York. Das vielseitige Repertoire des promovierten Wirtschaftswissenschaftlers umfasst ca. 120 Partien in fünf Sprachen; zudem ist er ein gefragter Oratorien- und Liedsänger.

In weiteren Partien sind zu hören: Moran Abouloff (Inez, Tochter von Don Felix de Vasquez), Jan Zinkler (Don Ramiro de Loxa), Susanna Pütters (Paola), Jörg Dürmüller (Don Alonzo de Castros), Mike Garling (Lopez) u. a.

Die musikalische Leitung liegt in den Händen von Christian Fröhlich.

Uwe Schwarz inszeniert die Oper von Louis Spohr für das Staatstheater Braunschweig. Bühne und Kostüme gestaltet Dorit Lievenbrück.

Premiere: am 24. Mai 09, 19:30 Uhr im Großen Haus (Am Theater/Steinweg)

Weitere Vorstellung: 29.5./ 18./24./28. Juni (19:30 Uhr)"


Rossinis "Maometto Secondo" im Internet

CLASSIC LIVE ÜBERTRÄGT ROSSINIS "MAOMETTO SECONDO" AUS DEM BREMER THEATER (im Internet)

Nach Mozarts Zauberflöte überträgt ClassicLive mit Rossinis selten gespielter Oper Maometto Secondo zum zweiten Mal eine Aufführung aus dem Theater Bremen. Die Premiere am 15. März stand unter der Regie von Michael Hampe (Übernahme aus Pesaro). Unter der musikalischen Leitung von Daniel Montané sangen István Kovács die Titelrolle, Anna Pegova als Anna Erisso, Nadja Steganoff als Calbo und Luis Olivares als Paolo Erisso. Diese Aufführung wird für ca. vier Wochen im Internet zu sehen sein (http://www.classiclive.com/ ).

30. März 2009

Otello in Biel - oder Jago als Regisseur

Reto berichtet über eine Aufführung von Rossinis Otello mit einem vielversprechenden Baritenore.


Das Theater Biel Solothurn – es ist in dem deutsch-/französischsprachigen Städtchen Biel/Bienne am Jurasüdfuß ansässig, bespielt auch Solothurn und tourt regelmäßig durch einige Schweizer Kleinstädte – ist seit Jahren nicht nur ein Geheimtipp für Belcantofans, sondern auch eine Fluchtstätte für regiegeschädigte Opernliebhaber aus Basel, Luzern und anderen Orten, die mit sog. modernen Inszenierungen weite Kreise eines konventionsliebenden Publikums programmatisch fern halten. Die neuste Produktion, nichts Geringeres als Rossinis Otello, ist geneigt, die Belcantofans vollkommen zu befriedigen, die Inszenierung aber kritisch zu hinterfragen.

Regisseure brauchen ja angeblich immer einen „Schlüssel“ (Paul Esterhazy im Programmheft: „Ich suche bei jeder Inszenierung nach einem Schlüssel“) – es geht also nicht darum, das Stück einfach umzusetzen, wie es sich präsentiert, sondern eine Lesart zu finden, mit der diese Schöpfungsberufenen dem Stück ihren eigenen Stempel aufdrücken können. Was tun, wenn das Stück vermeintlich schwach ist? Man greift zu der abgenutzten Idee des „Theaters im Theater“, immer öfter nicht nur in der komischen sondern auch in der ernsten Oper, wo der Effekt dann umso drastischer ist. Unser Regisseur hat das Stück überhaupt nicht verstanden, weil er Shakespeare, Boito/Verdi und die englischen bzw. anglophilen Kritiker Byron und Stendhal zum Maßstab nimmt und mit den Konventionen von Rossinis Musiktheater scheinbar überhaupt nicht vertraut ist. So stellt er fälschlicherweise „das zentrale Thema Eifersucht“ und eine „seltsame Unbeholfenheit des Librettos“ fest. Esterhazy hat nicht realisiert, dass Rossini und Berio di Salsa das Grundmuster einer herkömmlichen Viererkonstellation mit einem festlichen Beginn (Ouvertüre) bis hin zum bitteren Ende als dramaturgisches Crescendo inszenieren, dessen Weg von den beiden ersten konventionellen Akten zum modernen dritten Akt Programm ist und wo die dramaturgische und musikalische Verbindung zwischen den Akten durch die eigentliche Hauptrolle, Desdemona, geschaffen wird, deren tragische Vorahnung ihres Schicksals im Zentrum steht. Statt diese spannende und eigentlich gar nicht so schwer zu erkennende Thematik als roten Faden aufzugreifen, zementiert Esterhazy alte Vorurteile einer „Unentschiedenheit zwischen Tragischem und Komödiantischem in Rossinis Musik“ und veräppelt das Stück mit metatheatralischen Gemeinplätzen.



Die Oper beginnt in Biel mit dem Finale: Kaum hat sich Otello umgebracht, ertönen Lautsprecheranweisungen, „Alles nochmals von vorne, wir tauschen jetzt die Tenorrollen zwischen Otello und Rodrigo aus“, und so beginnt die ganze Oper (selbstredend bei inszenierter Ouvertüre) von vorne als Probensituation des 1. und 2. Aktes, und nur der dritte Akt darf dann (als einziger „dramaturgisch schlüssig ausgearbeitet, sogar mit einer gewissen Nähe zu Shakespeare“) als richtige Inszenierung daher kommen. Während sich also der eine Tenor abschminkt und sich der andere schwarze Farbe ins Gesicht schmiert, räkelt sich die gelangweilte Sopranistin auf dem Bett und klopft sich der Sänger des Dogen bei jedem seiner fehlerhaften Auftritte auf die Stirn – wir fühlen uns dauernd an Donizettis Theaterulk Convenienze ed inconvenienze teatrali („Viva la mamma“) erinnert (der, nebenbei bemerkt, auch zwei Otello-Stücke parodiert) und nicht mehr an das exemplarische Meisterwerk, das Rossini selber in seiner tragischen Oper sah. Der vom Komponisten „musikalisch recht stiefmütterlich behandelte“ Jago bekommt endlich eine ihm würdige Aufgabe – er wird Regisseur! Ob der Intrigant, der alles um sich herum verleugnet, verrät und in den Abgrund reißt, auch als durchaus plausible Metapher des modernen Regisseurs gemeint war, bleibe hier dahingestellt.

Im Übrigen kennt Paul Esterhazy sein Handwerk (und nichts anderes verlangen wir von ihm!), wenn er gekonnte Auf- und Abtritte, eindrückliche Bilder (vor allem dort, wo er sich strikt – von ihm freilich ironisch gemeint – an konventionelle Gesten hält) und lebendige Chorbewegungen (Chapeau, auf der kleinen Bühne) schafft. Dazu kommt, dass ihm Pia Janssen „sozusagen eine ideale historische Operninszenierung“ (sie sagt es selbst!) mit klassischen Kostümen und herrlichen Bühnenbild-Versatzstücken schafft. Der ganze dritte Akt kommt in seiner, dem kleinen Theater angepassten schlichten und doch alle Illusionen weckenden Renaissance-Pracht so daher, wie man sich auch die ersten zwei gewünscht hätte! Ganz zum Schluss muss freilich der Regisseur nochmals seine Fratze zeigen, wenn – nachdem die ganze Oper ohne Darstellung roher Gewalt ausgekommen ist – nach Otellos Selbstmord ein Gondoliere hereinstürzt und mit einem Messer im blutüberströmten Rücken zusammenbricht.

Ach, und noch ein Genieblitz des Regisseurs darf nicht unerwähnt bleiben: Er bringt uns das ach so wichtige, unentbehrliche Taschentuch zurück, das dieser Ignorant von einem Berio di Salsa durch ein dümmliches Billett mit einer Haarlocke ersetzt hat, povero Shakespeare! Der Schatten von Otello (ein richtiger Schwarzer, ein älterer Herr mit charakteristischem Glatzkopf) schlurft immer wieder durch die Inszenierung und hebt das fatale Tuch mal vom Bühnenboden auf, mal legt er es wieder hin. Das stört nicht, ist aber auch nichts Weiteres als eine weitere überflüssige Duftnote des Regisseurs.

Meine Kritik zielt auf das Konzept, auf den „Schlüssel“ und auf die durchaus konventionell-bornierte Rossini-Rezeption, nicht so sehr auf die Umsetzung, die gegenüber etwa der im DRG-«Mitteilungsblatt» Nr. 46 besprochenen Baseball-Inszenierung in St. Moritz oder der Wiegandschen Türenknallerei in Weimar richtig genießbar ist. Dass die Inszenierung der Inszenierung im Heute spielte, war allenfalls an den Turnschuhen, dem Handy und der Blenderei durch Scheinwerfer zu bemerken, aber insgesamt wurde man kaum mit der ödesten aller Inszenierungsphantasien, der Gegenwart, konfrontiert. Freilich gab es auch Leute, denen das „Theater im Theater“ zu dumm war und die in der Pause gingen, oder solche, von denen man an der Garderobe hörte „schon lange nicht mehr so einen Blödsinn gesehen zu haben“, aber insgesamt kommt alles recht harmlos und durch die erwähnte großartige bühnen- und kostümbildnerische Leistung gemildert daher, so dass der musikalische Genuss nicht wirklich gestört wird.

Und der war ziemlich groß und für ein kleines Provinztheater alles andere als selbstverständlich. Violetta Radomirska (sie hatte ihr Rollendebüt als Desdemona bereits in St. Moritz) besitzt einen schön timbrierten und höhensicheren Mezzosopran, der sich in idealer Weise für die Sopranpartien eignet, die Rossini für Isabella Colbran geschrieben hat. Sie verfügt über die beseelte Mittellage, die dramatische Attacke und die Koloraturgewandtheit dieses ebenso dramatischen wie lyrischen Stimmtypus. Wenn sie als Figur insgesamt etwas blass blieb, lag das an der Inszenierung, die das Geschehen rossinifremd (siehe oben) auf die Tenöre fokussierte.

Raimund Wiederkehr spielte nicht nur die ihm auferlegte Rolle des nervenden Regisseurs überzeugend, er sang auch die Tenorpartie des Jago prächtig. William Lombardi, nicht immer perfekt intoniert und bei den Spitzentönen manchmal gefährlich am Abgrund, war insgesamt ein überzeugender Rodrigo, der seine Partie mit dem passenden Anstrich von leidendem Schmelz sang. Anders als es die Inszenierung suggerierte, sind die von Rossini für Giovanni David (Rodrigo) und Andrea Nozzari (Otello) komponierten Tenorrollen keineswegs einfach so austauschbar; Lombardi verfügt über jene helle, hoch liegende Tenorino-Stimme, die den so wichtigen Gegensatz zu dem dunkel gefärbten Baritenore schafft. Letzterer, unter dem Namen Oscar Roa, war die eigentliche Entdeckung des Abends. Aussehen, Attitüde, Stimmtimbre und Stimmführung des Mexikaners erinnern an seinen Landsmann Francisco Araiza, dessen Meisterklassen er besucht hat. Exponierte sich Araiza noch nicht in den schweren Nozzari-Partien (damals die Domäne von Chris Merritt), könnte sein Schüler Roa heute ein Hoffnungsträger für dieses weitgehend brach liegende Fach werden. Die Stimme ist etwas heller und vor allem nicht so nasal wie in gewissen Lagen bei Araiza. Roas Koloraturen scheinen nicht eine naturgegebene Gabe seiner Stimmbänder zu sein, aber sie zeugen von einer soliden Gesangsschule, die freilich gepflegt sein will, um nicht in der Sackgasse des romantischen Fachs zu landen. Auch die Stimmführung bezeugt einen höchst intelligenten, gepflegten Belcantostil. Während Lombardi im Tenorduell/duett mit seinem abenteuerlich angesungenen Spitzenton fast Schiffbruch erlitt, demonstrierte Roa einen zwar ebenfalls kühn angegangenen, aber perfekt und ausgesprochen lang ausgehaltenen Spitzenton, dem er die pièce de résistance einer jeden Nozzari-Partie folgen ließ, nämlich den atemberaubenden Doppeloktavsprung nach unten. Diese tiefe Baritonlage sollte er noch festigen, aber das Material und die technischen Voraussetzungen sind da für einen neuen Nozzari!

Weniger überzeugen konnte mich Ingrid Alexandre, die lauthals eine Emilia ohne große Differenzierung vortrug, was in ungefähr auch für Yongfan Chen-Hauser galt, der dem Elmiro freilich eine mächtige Bassstimme verlieh. Adäquat für ihre kurzen Auftritte waren die weiteren Tenöre Konstantin Nazlamov (Doge und Gondoliere, hier mit etwas viel Vibrato) und Valentin Vassilev (Lucio). Letzterer hat auch den vorzüglichen Chor einstudiert, der eine schöne, kompakte Klangfülle produzierte. Erstaunlich gut kam auch der auf den Bieler Orchestergraben reduzierte Klangkörper zur Geltung, u.a. mit noch perfektionierbaren „Hornkoloraturen“ in der Einleitung des Duettinos Desdemona-Emilia und mit berückend schönen Harfenklängen in der Weidenarie. Während der Ouvertüre schien mir das Dirigat von Franco Trinca ziemlich zäh und schwer, vielleicht hatte er die Absicht, der federnden, festlichen Musik einen dramatischen Anstrich zu verleihen. Im übrigen ließ er keine Langeweile aufkommen, die dramatischen Ensemblenummern waren von großer Wirkung, und zu den musikalischen Glanzpunkten gehörten das Duett Jago-Rodrigo, die beiden Largo-Stücke im Finale I und das große Duett-Terzett im zweiten Akt. Es gab Kürzungen, die einigermaßen subtil vorgenommen wurden und die Gesamtdauer der Oper (inkl. Pause) auf ca. 2 Stunden 50 Minuten brachten. Die Übertitel auf Deutsch und Französisch waren weitgehend exakt und sauber gemacht. Eine halbe Stunde vor Beginn gibt es jeweils eine Einführung der Dramaturgin Merle Fahrholz, die offenbar einem Bedürfnis des Publikums entspricht und dieses auch mit den wichtigsten, wenn auch nicht immer korrekten (und mehr oder weniger auf der Linie der Regie liegenden) Informationen bediente.

Weitere Aufführungen in Biel/Bienne: 31. März, 3, 7, 17. April, 3, 6. Mai, 5, 14, 18, 20, 21. Juni; in Solothurn: 15, 24. April, 20, 28, 30. Mai, 7, 12. Juni; in Winterthur: 29. April; in Burgdorf: 14. Mai; in Baden: 16. Mai; in Visp: 23. Mai; in Vevey: 9. Juni 2009.

Reto Müller (Besuchte Aufführung: Premiere vom 27. März 2009)

Vorabdruck aus «Mitteilungsblatt» der Deutschen Rossini Gesellschaft, Nr. 47 (April 2009)
Fotos: Theater Biel Solothurn

Bei Youtube gibt es bereits eine ganze Reihe Videos mit Oscar Roa, - hier ein Beispiel: