8. Dezember 2011

G. F. Händels Oper "Giulio Cesare" begeisterte in Braunschweig

Einen derartigen Beifallssturm nach Ende einer Oper habe ich im Braunschweiger Staatstheater noch nicht erlebt.  Das Publikum "tobte" begeistert, applaudierte stehend und wurde sogar mit einem Dacapo belohnt. Dabei handelte es sich um eine Barock-Oper, von der man diese Reaktion nicht erwartet hätte: Händels Oper "Giulio Cesare", die konzertant im Rahmen des Festivals Soli Deo Gloria aufgeführt wurde.

Lag es daran, dass die Braunschweiger Opernfreunde mit Barock-Opern in der Vergangenheit nicht gerade verwöhnt wurden, lag es an der besonders gelungenen und mit Spitzenkräften besetzten Aufführung oder daran, dass auch auswärtige Opernfans den Weg nach Braunschweig gefunden hatten? Sicherlich spielte alles eine Rolle.

Wir erinnern uns, dass in Braunschweig schon am 15. Mai 2009 die in Vergessenheit geratene Händel-Oper "Arianna in Creta" von einem hochkarätigen Solistenensemble (u.a. Kristina Hammerström, Miah Person, Sonia Prina)  ebenfalls konzertant dargeboten wurde und auch damals beim Publikum begeisterte Aufnahme fand. Für den Rezensenten war das "Händel vom Feinsten" (Mitteloge).

Beide Händel-Opern fanden als Gastspiele im Rahmen des Festivals Soli Deo Gloria statt, das jährlich unter der Verantwortung von Günter Graf von der Schulenburg im Braunschweiger Raum stattfindet (siehe auch Opernnetz).

Die Oper "Giulio Cesare" wurde am 27. November 2011 vom Ensemble Il Complesso Barocco unter Leitung von Alan Curtis aufgeführt. Im Repertoire dieser Barockspezialisten befinden sich derzeit die Händel-Opern Ariodante, Deidamia, Giulio Cesare; ihre Tournee führt sie durch ganz Europa (hier alle Termine und Orte). In Deutschland wird man diese Gruppe also nur in Braunschweig wiederhören können: "Deidamia" am 26. Jan. 2012 und "Ariodante" am 11. März 2012 u.a. mit Joyce DiDonato, die wir gerade in Mailand in der "La Donna del lago" bewundern durften.
Marie Nicole Lemieux als Cesare u. Karina Gauvin als Cleopatra Foto: Greiner-Napp (BZ) 

Im Vergleich zur "Arianna in Creta" war die konzertante Darbietung des “Giulio Cesare” wesentlich gelungener. Ein minimales, aber angenehmes Bühnenbild mit drei Säulen vor einem blauen Hintergrund, das davor agierende Orchester und die an den beiden Seiten platzierten und dort auf ihren Auftritt wartenden Solisten bestimmten den äußeren Rahmen. Das Verständnis für die Handlung wurde nicht nur durch eine gute Übertitelung, sondern vor allem durch die halbszenische Darbietung der Solisten sehr gefördert.

Besonders hervorzuheben ist Marie Nicole Lemieux (Alt) in der Rolle des Caesar. Ihren wunderbar dargebotenen Arien gibt sie starken gestischen Ausdruck. Manchmal zuckt der ganze Körper. Ein Rezensent schrieb treffend “Die Lemieux rockt den Caesar, dass es einen hinreißt”.

Aber auch die anderen Solisten waren herausragend, Karina Gauvin (Sopran) als Cleopatra mit beeindruckenden Koloraturarien, Filippo Mineccia (Countertenor) der Tolemeo, den fiesen Gegenspieler Caesars, auch gestisch sehr gut verkörperte, Romina Basso (Mezzosopran), die die Klage der Cornelia sehr überzeugend zum Ausdruck brachte und Emöke Barath (Sopran), die sich als Sesto, Sohn der Cornelia, für die Ermordung ihres Vaters rächen will. Dass gerade diese Rolle von einer Frau und dazu noch im Abendkleid gesungen wurde, war unerheblich, da der Gesang das Wesentliche überzeugend ausdrückte.

Das folgende Video von der Aufführung in Wien zeigt alle Solisten des Giulio Cesare, da die Besetzung in Wien und Braunschweig gleich war.


Das Orchester Il Complesso Barocco, das von seinem Leiter, dem berühmten Barockspezialisten Alan Curtis souverän geführt wurde, zeigte sein hohes Können. In diesem Video mit der Ouvertüre zu Ariodante werden Alan Curtis und das Orchester präsentiert.

Trotz aller Begeisterung über dieses Fest der schönen Stimmen wird man dem Rezensenten Andreas Berger wohl eher zustimmen müssen, wenn er schreibt: “Von einer Händel-Renaissance wird man aber erst sprechen können, wenn die Stadt- und Staatstheater selbst wieder Händel-Opern spielen, und zwar als inszeniertes Gesamtkunstwerk” (Kritik vom 29. November 2011 in der Braunschweiger Zeitung).
Opern- und Barockliebhaber sollten sich die noch kommenden Highlights in Braunschweig nicht entgehen lassen und sich akustisch und optisch schon auf die Opern Deidamia (26. 1. 2012) und Ariodante (11. 3. 2012) einstimmen.
Karten für die Opern sind telefonisch über Soli Deo Gloria (0531-16606) und online über CmTicket erhältlich. Ein vergünstigtes Abo für beide Opern ist nur telefonisch buchbar (01805 544888). Kontakt: karten@soli-deo-gloria.info 
Reiner Fricke

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